Sich dem Menschen zuwenden

„Religiosität in Deutschland“: Eine Tagung fragt nach pastoralen Konsequenzen Von Clemens Mann

München (DT) Eine Vielzahl von Studien versucht die heutige Situation von Religiosität, Glaube und Kirche abzubilden und Entwicklungen und Chancen für die Kirchen herauszustellen. Die kürzlich veröffentlichte 16. Shell-Jugendstudie oder die im Jahr 2006 vorgestellte Sinus-Milieu-Studie der Kirchen gehören zu den bekanntesten für Deutschland und zeichnen ein düsteres Bild für die Kirche. Weitaus wichtiger als eine reine Analyse – aber auch schwieriger zu beantworten – ist die Frage, wie Verantwortliche und Entscheidungsträger mit den Ergebnissen umgehen. Welche Konsequenzen ergeben sich beispielsweise für die pastorale Arbeit der Kirchen? Unter welchen Bedingungen kann eine Weitergabe des Glaubens gelingen?

Eine Fachtagung der Katholischen Akademie in Bayern mit dem Thema „Religiosität in Deutschland“ beschäftigte sich mit eben jenen Fragen: Grundlage bildet hierfür die in einem Eröffnungsvortrag vorgestellten Ergebnisse des 2009 veröffentlichten Religionsmonitors der Bertelsmann Stiftung, für den rund 21 000 Menschen aus 21 Ländern über 100 Fragen zum Thema Religion und Glaube befragt wurden. Martin Rieger, Direktor des Programms „Geistige Orientierung“ der Stiftung, wies im Münchner Kardinal-Wendel-Haus daraufhin, dass es bisher keine andere vergleichbare und detailliertere Studie gebe, die die Fragen in den Blick nehme, welche Konsequenzen der Glaube für die Alltagsgestaltung habe und welche religiöse Praxis bei den Katholiken vorzufinden sei.

Entgegen anderer Studien zeigt der Religionsmonitor einige positive Ansatzpunkte: Etwa die Hälfte aller Bundesbürger sei religiös, so Rieger. Jeder Fünfte gehöre sogar zur Gruppe der Hochreligiösen, also Menschen, die sich stark von ihrer Religiosität her definieren. Glaube und Religion spielen für diese Menschen eine wesentliche, lebensprägende Rolle. Rund 27 Prozent aller Katholiken sind nach dem Religionsmonitor hochreligiös, bei den Protestanten lediglich 14 Prozent. Rieger betonte zugleich vor den rund 50 Teilnehmern, meist Mitarbeiter aus dem kirchlichen Dienst und Medienvertretern, dass etwa jedes fünfte Kirchenmitglied nicht religiös sei.

Durchaus überraschend für Rieger sei auch der hohe Anteil an Migranten unter den rund 25 Millionen Katholiken in Deutschland gewesen: Etwa 4,5 Millionen Katholiken mit Migrationshintergrund oder fremdländischen Wurzeln gebe es allein in Deutschland, so Rieger. Für den Theologen ist dies ein Zeichen dafür, dass die katholische Kirche ein „global player“ sei, dem es gelinge, über den Glauben Menschen miteinander zu verbinden. Zugleich müsse man diese Tatsache stärker in der Seelsorge berücksichtigen, forderte Rieger. Außerdem könne man diese Erkenntnis bei Diskussionen um die Relevanz der Kirche noch stärker an die Öffentlichkeit kommunizieren.

Dem Religionsmonitor nach zeigt sich auch ein deutlicher Zusammenhang zwischen Religiosität und ehrenamtlicher Tätigkeit: Je religiöser, desto ehrenamtlich engagierter seien Menschen, fasst Rieger den Befund zusammen. Etwa 43 Prozent der Hochreligiösen üben ein Ehrenamt aus, bei den Nichtreligiösen sind es 18 Prozent. Überhaupt finde zwei Drittel des Engagements nach Schätzungen in der Kirche statt, so Rieger – eine Tatsache, die für die Kirche eine große Chance biete und die Möglichkeit eröffne, bei Grundsatzdiskussionen um die privilegierte Stellung der christlichen Kirchen offensiver aufzutreten.

Eine entscheidende Herausforderung für die Zukunft wird für die Kirche sein, dem gestiegenen intellektuellen Anspruch der Gläubigen in der Seelsorge gerecht zu werden, so Rieger. Der Religionsmonitor zeige, dass jüngere Altersgruppen höhere Bildungsabschlüsse absolvierten. Bei den Katholiken über 60 Jahre hätten nur acht Prozent eine höhere Schule besucht, bei den 18–29 Jährigen hingegen schon 39 Prozent. Dieser Trend zu höheren Bildungsabschlüssen sei ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Einen Zusammenhang zwischen Bildung und der Intensität der Religiosität könne man nicht erkennen, so Rieger. „Nichtreligiöse sind nicht schlauer als Hochreligiöse“, erklärt der Theologe. Ein Vorurteil, dass in atheistischen Kreisen immer wieder bemüht wird.

Darüber hinaus zeige die Studie auch ein Dilemma auf zwischen der gewollten, wachsenden Beteiligung vieler Ehrenamtlicher in der Verkündigung und Katechese, die häufig weder theologisch noch pädagogisch qualifiziert sind, und dem wachsenden Bildungsniveau junger Menschen. Aufgabe einer veränderten Pastoral werde es daher auch sein, ehrenamtlich engagierte Menschen, besonders aktivere Senioren, stärker zu qualifizieren.

In Hinblick auf einen missionarischen Charakter der Kirche liefert der Religionsmonitor einen ernüchterndes Bild: Lediglich 17 Prozent der befragten Katholiken meinen, dass vor allem die Mitglieder der Kirche zum Heil gelangen. Nur zehn Prozent ist überzeugt davon, dass die Kirche in religiösen Fragen eher Recht hat als andere Religionen. Missionarisch tätig sein und Menschen für die eigene Religion zu gewinnen wollen nur 13 Prozent. Viele Katholiken seien nicht mehr bereit dazu, für den Glauben zu werben, meint Rieger.

In einem Podium und anschließenden Workshops wurden die Ergebnisse diskutiert: Erich Garhammer, Pastoraltheologe aus Würzburg, warnte vor einem vorschnellen Ziehen pastoraler Schlüsse. Für ihn zeige sich zudem, dass Religiosität in Deutschland durchaus aktuell sei, die Kirche davon aber nicht profitieren könne. Garhammer ist davon überzeugt, dass Kirche dann an Bedeutung für Mensch und Gesellschaft gewinne, wenn sie den einzelnen Menschen in den Blick nehme. „Kirche gewinnt dadurch an Autorität, dass sie sich dem Menschen zuwendet“, so Garhammer.

Der Münchner Domdekan Lorenz Wolf ergänzte, dass er eine aggressive antikirchliche Stimmung in der Öffentlichkeit wahrnehme. Aus eigener Erfahrung wisse er aber, dass sich insbesondere junge Menschen mit den Normen der Kirche auseinandersetzen. Hier ergeben sich Ansatzpunkte für die Pastoral, die sich zugleich um eine für den Menschen verständliche Sprache bemühen müsse.