Sex, Geld und Macht

Warum die Anklagen des Ex-Nuntius Vigano wie die Lunte an einem explosiven Fass sind. Von Guido Horst

Vatican Pope
Als er in den heiligen Hallen noch ein- und ausgehen konnte: Der damalige Kardinal Theodore McCarrick (ganz links) im Jahr 2013 mit anderen Kardinälen aus den USA im Vatikan. Foto: dpa

Beobachter warten immer noch darauf, dass der Vatikan die Ergebnisse der am 6. Oktober angekündigten Untersuchung der in den römischen Dikasterien liegenden Akten über Theodore McCarrick öffentlich machen wird. Und in seiner einen Tag später publik gewordenen Antwort auf die Vorwürfe des Ex-Nuntius Carlo Maria Vigano hat Kardinal Marc Ouellet, der Präfekt der Bischofskongregation, bestätigt, dass „in den Vereinigten Staaten und der Römischen Kurie“ Ermittlungen laufen, von denen er hoffe, dass diese „bald einen kritischen Gesamtüberblick über die Abläufe und Umstände dieses schmerzlichen Falles geben werden, damit sich solche Ereignisse in Zukunft nicht wiederholen“.

Dass McCarrick ein genialer Spendeneintreiber war und im Aufsichtsrat der finanzmächtigen „Papal Foundation“ in den Vereinigten Staaten eine gewichtige Stimme hatte, machte ihn zum wichtigen Mann für den Vatikan. Denn die Aufgabe dieser seit Beginn der neunziger Jahre tätigen Stiftung ist es, die caritativen Aufgaben des Heiligen Stuhls und vor allem des Papstes zu unterstützen. So kam es, dass McCarrick auch in den Jahren nach seiner Emeritierung 2006 in den vatikanischen Gemächern ein- und ausgehen konnte und unter Papst Franziskus – so behauptete es Vigano – nochmals mit diplomatischen Missionen unter anderem in China betraut wurde. Bis sich der Verdacht erhärtete, McCarrick habe in den siebziger Jahren auch Minderjährige missbraucht. Nach einer entsprechenden Mitteilung der Erzdiözese New York entfernte Franziskus den Prälaten im Sommer aus dem Kardinalsstand. Doch der Fall McCarrick fand damit kein Ende.

Vor einigen Tagen hat Vigano „aus dem Untergrund“ seine dritte Botschaft lanciert. Darin listet er genau auf, dass Ouellet in seiner Antwort die von ihm erhobenen Vorwürfe nicht widerlegt, sondern eher bestätigt habe. Schließlich habe der Präfekt der Bischofskongregation zugegeben, dass er mit ihm – Vigano – über die Situation von McCarrick geredet hat, bevor er als neuer Nuntius nach Washington aufgebrochen sei, dass Ouellet ihm damals schriftlich die Bedingungen und Einschränkungen, die Papst Benedikt für McCarrick angeordnet hatte, zukommen ließ und dass die Bischofskongregation von McCarrick schriftlich, zuerst durch den Nuntius Sambi, und dann noch einmal durch Vigano, gefordert hat, dass er ein Leben im Gebet und der Buße führen soll. Nur dass er in seinem ersten Schreiben mit den Vorwürfen von „Sanktionen“ gegen McCarrick gesprochen habe, korrigiert Vigano jetzt: Es seien „Einschränkungen“ gewesen – aber es sei spitzfindig, da über den Unterschied zu reden, in pastoraler Hinsicht sei beides dasselbe.

Dann aber holt Vigano in seinem dritten Schreiben, das das Datum vom 19. Oktober, dem Festtag der Märtyrer Nordamerikas, trägt, mächtig aus und setzt den Missbrauch Schutzbefohlener in einen direkten Zusammenhang mit der in weiten Teilen der Kirche – auch ganz oben – tolerierten Homosexualität vieler Kleriker: Die Missbrauchskrise sei „eine Krise aufgrund der Geißel der Homosexualität, ihrer Akteure, ihrer Motive, ihres Widerstands gegen Reformen. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass Homosexualität zu einer Plage im Klerus geworden ist.“ Aber die „Verurteilung der homosexuellen Korruption und der moralischen Feigheit, die diese zum Blühen bringt“, finde keine Zustimmung, „auch nicht auf höchster Kirchenebene“.

Die Rolle des Geldes im McCarrick-Skandal

Doch es geht bei den Vorwürfen Viganos nicht nur um Homosexualität, sondern auch um viel Geld: Papst Franziskus hatte die „Papal Foundation“ 2017 gebeten, die Sanierung eines bankrotten kirchlichen Krankenhauses, des „Istituto Dermopatico dell?Immacolata“, das der italienischen Provinz Kongregation der Söhne der Unbefleckten Empfängnis gehört, mit einem Betrag von 25 Millionen Dollar zu unterstützen. Darauf gab es einen Aufstand bei den Finanzgebern der „Papal Foundation“, die sich weigerten, ein wegen Misswirtschaft heruntergekommenes Krankenhaus zu unterstützen – und Papst Franziskus sagte kurzfristig eine Audienz für die „Papal Foundation“ ab, wie der „Catholic Herald“ am 24. März dieses Jahres schrieb. Um den Riss zwischen dem Vatikan und der Stiftung zu flicken, setzte Rom auf die drei Säulen im Aufsichtsrat der „Papal Foundation“: auf den Erzbischof von Washington, den inzwischen wegen Vertuschung in den Ruhestand versetzten Kardinal Donald Wuerl, den ebenfalls in Missbrauchsvorwürfe verwickelten ehemaligen Bischof in West-Virginia, Michael Bransfield, dessen Rücktritt Papst Franziskus am vergangenen 13. September ebenfalls annahm – und eben „Ted“ McCarrick. Sollten diese Kirchenmänner lange die Deckung des Vatikans genossen haben, weil sie verlässliche Geldbeschaffer für die Kirche waren? Immerhin: 13 Millionen Dollar konnten sie schließlich von der „Papal Foundation“ für das marode Krankenhaus loseisen. Vigano stößt somit in ein Knäuel brisanter Fragen, das von Seiten des Vatikans dringend der Aufklärung bedarf.