„Sensibilität für lebensrechtliche Anliegen“

Anthony Ozimic, Sprecher der größten Lebensrechtsorganisation Großbritanniens, SPUC, über die neue britische Premierministerin Theresa May. Von Katrin Krips-Schmidt

Anthony Ozimic. Foto: SPUC
Anthony Ozimic. Foto: SPUC
Herr Ozimic, Theresa May ist die neue Premierministerin Großbritanniens. Wie christlich denkt und handelt sie? Welche Rolle spielt ihr Glaube für ihre politische Arbeit?

Wir können feststellen, dass sie die Tochter eines anglikanischen Pfarrers ist. Uns sind einige Äußerungen bekannt, dass diese Erziehung einigen Einfluss auf ihre Herangehensweise an die Politik hatte. Sie beschreibt sich selbst als „One-Nation-Konservative“. Der „One-Nation-Konservatismus“ wurde von Benjamin Disraeli, dem viktorianischen Premierminister und anglikanischen Konvertiten, auf dem Höhepunkt des Einflusses der Kirche von England begründet. Seine Grundlagen ähneln sehr denen des Anglikanismus: Paternalismus, Pragmatismus und gesellschaftliche Verantwortung.

Kann man das auch an ihrem bisherigen Abstimmungsverhalten im Parlament festmachen? Wie steht sie zu christlichen Themen wie schulischer Sexualkundeunterricht, verkaufsoffener Sonntag und insbesondere zu Lebensrechtsfragen wie Sterbehilfe?

Mrs Mays Abstimmungsverhalten lässt auf eine Sensibilität für lebensrechtliche Anliegen schließen. In den Jahren 2001 und 2008 stimmte sie gegen diverse Forschungsvorhaben mit menschlichen Embryonen. Sie stimmte außerdem für die Aufrechterhaltung einer Vorschrift, der zufolge Ärzte, die In-Vitro-Fertilisationen durchführen, das Bedürfnis eines Kindes nach einem Vater und einer Mutter zu berücksichtigen haben. Darüber hinaus votierte sie 2008 und 2015 gemeinsam mit der Lebensrechtsbewegung für Änderungsanträge, die auf eine Beschränkung von Abtreibungen abzielten. Ebenso im Jahr 2015 stimmte sie gegen den assistierten Suizid. Ihr Abstimmungsverhalten in Bezug auf christliche Themen lässt sich unter www.christian.org.uk nachlesen.

Wird sie sich möglicherweise für eine Änderung der britischen Abtreibungsgesetze einsetzen? In früheren Äußerungen sagte sie, es sei ihre „persönliche Sicht”, dass die gesetzliche Grenze für Abtreibungen von 24 auf 20 Wochen herabgesetzt werden sollte.

Ich halte das für sehr unwahrscheinlich. Als einzelnes Parlamentsmitglied kann sie in eine pro-life-Richtung stimmen, wenn ein „Hinterbänkler“ (engl. „backbencher“, ein Abgeordneter, der nicht im Kabinett ist), einen Änderungsantrag stellt. Sie ist jedoch eine Pragmatikerin und nicht dem Anliegen des Lebensrechts für die ungeborenen Kinder verpflichtet – daher wäre ich ausgesprochen überrascht, wenn sie sich für eine Änderung der Abtreibungsgesetze einsetzen würde.

2010 sagte Theresa May der BBC, dass sie ihren Standpunkt bei der Adoption gleichgeschlechtlicher Paare geändert habe, nachdem sie zuvor gegen den Antrag, sie zu erlauben, gestimmt hatte. Was halten Sie davon?

Ich meine, dass dies ihre pragmatische Vorgehensweise widerspiegelt. Der entscheidende Punkt dabei ist, dass sie den Begriff „Gesellschaftsreform” verwendet, was das Konzept des One Nation-Konservatismus einer organischen Entwicklung der Gesellschaft wiedergibt. An einer anderen Stelle sprach sie davon, wie Homosexuelle „die Ehe stärken werden“. Obwohl ihre Bemerkungen über die Rechte und Diskriminierung Homosexueller und die Vorurteile gegenüber Homosexuellen ideologisch klingen, zweifle ich daran, dass sie auf das homosexuelle Anliegen ideologisch festgelegt ist. Offenbar neigt sie dazu, sich rhetorisch scharf zu äußern, um einen Standpunkt zu vertreten, sobald sie die Seiten gewechselt hat.

Wird die neue Premierministerin Sexualkunde in der Schule als Pflichtfach einführen?

Ich glaube, dass die Möglichkeit dazu aufgrund der Ernennung von Justine Greening als Bildungsministerin real besteht. Justine Greenings Abstimmungsverhalten bei moralischen Themen ist unschön. Bei der Londoner Homosexuellen-Parade gab sie in diesem Jahr bekannt, dass sie lesbisch ist. Es wird vermutet, dass sowohl Theresa May als auch Justine Greening eine Einführung der Sexualkunde in der Schule als Pflichtfach befürworten.

Was wird SPUC tun, um das neue Kabinett zu ermutigen, sich für christliche Vorstellungen und Themen der Lebensrechtsbewegung einzusetzen?

Als die älteste Lebensrechtsorganisation der Welt werden wir das tun, was wir seit fast 50 Jahren tun: Wir werden unsere Zehntausenden von Menschen, die an der Basis arbeiten, mobilisieren, dass sie ihren Einfluss bei den Parlamentariern geltend machen und durch diese Abgeordneten auch Einfluss auf das Kabinett gewinnen. Die Gläubigen unter unseren Mitgliedern werden darüber hinaus für Mrs May und ihre Minister beten.

Hintergrund:

Vor ihrer Wahl zur Premierministerin sicherte Theresa May der „LGBTory“ – der der Konservativen Partei angeschlossenen konservativen LGBT-Organisation – bereits ihre volle Unterstützung zu: „Als ich meinen Wahlkampf um die Führung startete, habe ich meine Überzeugung dargelegt, ein Land aufzubauen, das allen dient. Im Mittelpunkt dieser Vision steht das Bekenntnis zur Gleichheit, und ich werde jederzeit für die Rechte der LGBT-Personen (Lesben, Schwule, Bi- und Transgender) eintreten. 2004 habe ich mich für die Lebenspartnerschaft eingesetzt und war stolz darauf, die Gesetzgebung zu fördern, die 2013 die volle Gleichstellung zur Ehe einführte, weil ich glaube, dass die Ehe unabhängig von seiner sexuellen Orientierung jedem zugänglich sollte. Ich bin nicht der Meinung gewesen, dass der Staat die Diskriminierung und Vorurteile gegenüber LGBT-Personen weiterhin aufrechterhalten sollte. Daher war die „Ehe für Alle“ eine Gesellschaftsreform von außerordentlicher Bedeutung.“

kks