„Selbstbewusst Zeugnis geben“

Katechese, Familie, Lebensschutz: Das Forum Deutscher Katholiken ruft beim Kongress „Freude am Glauben“ zur Verkündigung und zum Apostolat auf. Von Regina Einig

Der Speyerer Generalvikar Franz Jung und Karolin und Walter Wehler. Foto: Fotos: reg
Der Speyerer Generalvikar Franz Jung und Karolin und Walter Wehler. Foto: Fotos: reg

Aschaffenburg (DT) Feierliche Liturgien sind ein Markenzeichen des Kongresses „Freude am Glauben“. In der Aschaffenburger Muttergotteskirche drängen sich am Freitag mittag hunderte Teilnehmer zum Pontifikalamt mit dem Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann. Zum Thema des Treffens „Was gibt dem Menschen Hoffnung für die Zukunft?“ verweist er in seiner Predigt auf die Botschaft des Auferstandenen. (Wortlaut siehe DT 23. April).

Österliche Hoffnung verbindet auch die Kongressteilnehmer im Gedenken an die kürzlich verstorbene Schirmherrin von Freude am Glauben, Johanna Gräfin Westfalen. Ihr Nachfolger Werner Münch, ehemaliger Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, spricht den zahlreichen Lebensrechtlern aus der Seele, als er kritisiert, dass der Staat „durch eine flächendeckende Versorgung mit einem Beratungsschein die Voraussetzungen für eine Abtreibung geschaffen hat und damit zum Helfer zur Tötung von Ungeborenen geworden ist, obwohl ihn das Gesetz zum Gegenteil verpflichtet.“

Ausdrücklich dankt er Bischof Rudolf Voderholzer und mehreren Weihbischöfen für ihre Teilnahme am Marsch für das Leben im September 2015. Entschlossen, sich nicht „in die rechte Schmuddelecke“ drängen zu lassen, unterstreicht Münch in einem mit stehenden Ovationen bedachten Vortrag seine Erwartungen: „Der erste und wichtigste Verbündete ist unsere Kirche, und auf sie müssen wir uns verlassen. Anpassung an den Zeitgeist und Anbiederung an die Politik helfen uns nicht weiter, sondern machen uns immer schwächer.“ Insbesondere der innerkirchliche Mainstream zur Gender-Ideologie und zum Islam erscheinen Münch bedenklich. Seit Jahren mahne „Freude am Glauben“ vergeblich ein Hirtenwort der deutschen Bischöfe zur Genderideologie an. Darüber hinaus kritisiert er „die ständige Verharmlosung des Islam durch einige Bischöfe“. Tosenden Applaus erhält der Schirmherr vom Publikum für seine Äußerung: „Wenn Papst Franziskus bei seinem Besuch auf der Insel Lesbos nicht ausschließlich muslimische Familien aus Syrien, sondern auch christliche mit nach Rom genommen hätte, dann wäre dies ein ermutigendes und hoffnungsvolles Zeichen für die vielen verfolgten Christen in diesem Land gewesen.“ Damit hat Münch ein Ventil beim Publikum geöffnet. Mit Applaus und ironischen Zwischenrufen reagiert es auf Münchs Anmerkung, der Hinweis auf Papiere, die bei christlichen Flüchtlingen auf Lesbos Papst Franziskus zufolge nicht in Ordnung gewesen seien, könne ihn nicht überzeugen. Emotional reagieren manche im Saal auch auf Münchs Bericht von drei syrischen Christen, die über die Entscheidung des Papstes erschütterte gewesen sei.

Viele Kongressbesucher beschäftigen sich intensiv mit der Frage, wie wertkonservative Gläubige inmitten einer als Durststrecke wahrgenommenen Phase der Kirche die Hoffnung nicht verlieren sollen. Auf der Ständemeile finden sie Ansprechpartner. Ideen werden ausgetauscht: Manche haben nach Rom und an die Bischöfe geschrieben, besinnlichere Naturen setzen uneingeschränkt auf das Gebet. Trotz der vielen bunten Stände auf dem benachbarten Fischmarkt sind die meisten Plätze in der Anbetungskapelle besetzt. Auch die Kirchengeschichte erweist sich als dankbare Quelle. Hat nicht die kleine heilige Therese von Lisieux gesagt, sie habe gelernt, auf Jesus mehr zu vertrauen als auf seinen Stellvertreter? Stärker auf den Herrn zu bauen als auf Menschen könnte ja ein geistlicher Fortschritt sein, den Gott seinen Kindern jetzt ermöglichen will, meinen manche.

Auf die orientierende Kraft der Geschichte verweist auch der Freiburger Erzbischof Stephan Burger. Die Geschichte lehre, dass es stets ein Auf und Ab in der Kirche gegeben habe und dass diese Kirche dennoch ihren Weg durch die Zeit gegangen sei. „Die heile Welt einer Volkskirche hat es so nie gegeben“, erklärt Erzbischof Burger und ermutigt die Gläubigen zu Gottvertrauen und stärkeren Zusammenhalt. Die Gläubigen sollten sich selbstkritisch prüfen, ob das Zeugnis der christlichen Hoffnung heute nicht auch dadurch geschmälert werde, „weil uns manchmal auch als Kirche die Angst so im Griff hat“. Für Außenstehende zeichneten innerkirchliche Strömungen mit ihrem Medienecho eher ein „Bild der Zerrissenheit und nicht unbedingt der Einheit und des Friedens“, sagte er. Er zitiert Papst Franziskus und warnt vor der „egoistischen Trägheit“, die die missionarische Dynamik bremsen könne. Die Übel dieser Welt und auch in der Kirche dürften niemals eine Entschuldigung sein, um den eigenen Einsatz für das Evangelium zu verringern. Die persönliche Beziehung zu Christus befähige, das Leben ganz in seinem Sinne zu gestalten.

„Speyerer Generalvikar regt neue Formate für

Sakramentenkatechese an“

Wie das in Ehe und Familie, als Priester und im Lebensschutz aussehen kann, zeigen die Podien. Der Speyerer Generalvikar Franz Jung regt neue Formate für die Sakramentenkatechese an. Die bisherigen Formate greifen seiner Erfahrung nach nicht mehr, weil beispielsweise bei der Erstkommunionvorbereitung Grundlagen vorausgesetzt werden, die oft nicht mehr vorhanden sind. Der Glaube werde in vielen Familien nicht mehr gelebt: „Sollten wir nicht den Mut haben, die Formate für die Katechese zu ändern, weil es anders nicht mehr geht?“ Um missionarisch tätig zu werden, sollten sich die Gläubigen auch vom Idealbild einer lebendigen Pfarrei verabschieden.

Karolin Wehler, akademische Referentin für Theologie des Leibes mit Schwerpunkt Ehe, Sexualität und Spiritualität, unterstreicht die Bedeutung einer gründlichen Ehevorbereitung und auch -begleitung. Für die sechsfache Mutter steht fest: „Die Neuevangelisierung wird in erster Linie von den Familien kommen“. Nicht zuletzt die Zeugnisse über das Großelternapostolat bestätigen diese Einschätzung. Diakon Simon de Keukalaere FSO ist fest davon überzeugt, dass er seine Berufung zum Priester dem Gebet seiner Großmütter verdankt. Der Bonner Sozialethiker Lothar Roos erinnert daran, dass der Kommunismus an den Großmüttern gescheitert sei, weil diese zuhause den Glauben an die Kinder weitergaben. Mit Blick auf die alternde Gesellschaft regt er an, pensionierte Priester stärker zu berücksichtigen und Sonntagsmessen nicht durch Wortgottesfeiern zu ersetzen. Viel Applaus.

Der Kongress beleuchtet jedoch nicht nur seelsorgliche Wunden, sondern auch die Not in der Ferne. Karin Maria Fenbert (Kirche in Not) nimmt gut 1200 Euro – die Kollekte der Samstagsmesse – für Christen in Syrien entgegen. Michaela Koller von der IFGM Frankfurt zieht die Linien vom biblischen Einheitsgedanken zu den verfolgten Christen aus und spricht von „einer ewigen Mahnung, den leidenden Brüdern und Schwestern beizustehen“. An verschiedenen Beispielen und einer Ausstellung veranschaulicht sie, wie gefährdet das Recht auf Glaubens- und Gewissensfreiheit derzeit in vielen Ländern ist.

Und Alexandra Maria Linder berichtet lebendig von ihren Erfahrungen im Lebensschutz. Dem Mythos, Länder mit legaler Abtreibung wiesen eine niedrigere Müttersterblichkeit auf, setzt sie Statistiken entgegen. Eine ihrer guten Nachrichten ist, dass sich in Italien mittlerweile 60–70 Prozent der Gynäkologen weigern, Abtreibungen durchzuführen. Damit mehr Menschen in Deutschland für das Lebensrecht Ungeborener sensibilisiert werden, rät Linder zu Leserbriefaktionen und wirbt für den Marsch für das Leben am am 17. September in Berlin.

Nicht nur im Lebensschutz ist Flagge zeigen angesagt. Am Samstag verabschiedet der Kongress eine Resolution, in der Christen aufgerufen werden, sich wieder mehr mit ihrem Glauben auseinanderzusetzen und diesen zu leben. Durch ihre tätige Mitwirkung solle der Glaube wieder in Europa aufblühen, heißt es im Text. Christen müssten „in einer Zeit, in der christliche Tugenden besonders gefordert sind, selbstbewusst und überzeugend Zeugnis geben“. Angesichts der Flüchtlingskrise ruft das Forum die Teilnehmer dazu auf, der Verantwortung gegenüber den hilfesuchenden Flüchtlingen „soweit möglich gerecht zu werden“. Dabei müsse die Gastfreundschaft gegenüber den Christen unter ihnen Priorität genießen. „Diese Aufgabe ist dringend und duldet keinen Aufschub.“ In muslimischen Ländern erlitten sie Drangsalierung, Verfolgung, Enteignung, Vertreibung und Ermordung. „Es ist bekannt geworden, dass sich Einschüchterung, Schikane und Anfeindung durch die mehrheitlich muslimischen Gruppen in den Flüchtlingsheimen bei uns in Deutschland fortsetzen.“ Deshalb sei es Aufgabe der Gemeinden, Kontakt mit den christlichen Asylbewerbern aufzunehmen.

Mehr Konzentration auf das Apostolat mahnt Alois Konstantin Fürst Löwenstein an: „Lassen wir das Genörgel über diesen phantastischen Papst“, muntert der Moderator den Kongress auf. Mit Blick auf das von Papst Franziskus ausgerufene Jahr der Barmherzigkeit hatte Hubert Gindert, Sprecher des Forums Deutscher Katholiken, mehr Barmherzigkeit angemahnt. Aussperrung, Abqualifizierung und Dialogverweigerung seien überall auf der Tagesordnung. Die Kirche könne dabei auch von der säkularen Welt lernen: Der 1. FC Bayern München zeige sich gegenüber seinem ehemaligen Präsidenten „viel barmherziger als manche Katholiken mit einem Bischof“ sagt er in Anspielung auf den Gegenwind, den das Forum aus Aschaffenburger Kirchenkreisen erhalten hatte, nachdem die Einladung an den Delegaten für die Katechese im Päpstlichen Rat für Neuevangelisierung Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst bekannt geworden war. Auf die Frage, ob er in der Planungsphase des Kongresses mit Bischof Tebartz-van Elst beziehungsweise seinen Mitstreitern besprochen habe, wie das Forum und der Bischof selbst mit allfälligem Medienecho in Aschaffenburg umgehen werde, erklärt Gindert gegenüber dieser Zeitung: „Wir haben darüber gesprochen. Jedem war klar, dass seitens der Medien auch Gegenwind zu erwarten war. Da wir aber unsere Planung nicht vom Medienecho abhängig machen, war das für uns kein Grund, den vom Papst für die Neuevangelisierung bestimmten Delegaten nicht einzuladen.“ Das Forum hat eine Solidaritätserklärung mit Bischof Tebartz-van Elst ausgelegt; zahlreiche Teilnehmer unterzeichnen.

Sein Vortrag „Auf der Suche nach einer Verkündigung der Verlässlichkeit“ wird von Michael Schmitt aus Frankfurt, Sprecher der Initiative „Una-Sancta-Catholica“ verlesen. In seiner Ansprache erwähnt der Delegat für die Katechese beim Päpstlichen Rat für Neuevangelisierung darin die vielen Schreiben, in denen Gläubige ihre Vorfreude auf eine Begegnung mit ihm ausgedrückt hätten. In Anlehnung an mehrere Dokumente der französischen Bischöfe skizziert Tebartz-van Elst dann das Problem der Katechese in einer säkularisierten Gesellschaft. Er warnt vor „der realen Gefahr, dass sich vermeintliche Offenheit auch in einer Beliebigkeit verlieren kann“. In den „Stürmen gesellschaftlicher beziehungsweise politischer Bedrängnis“ brauche eine Verkündigung verbürgte Verlässlichkeit. Spontaner Applaus, als im Redetext die Ansprache von Papst Franziskus an die deutschen Bischöfe vom Ad-limina-Besuch im November 2015 zitiert wird.

„Nicht mehr

unterscheiden können oder wollen zwischen dem Heilsein und dem Wohlsein“

In der gesteckt vollen Muttergottespfarrkirche setzt der emeritierte Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner mit viel Herzblut den Schlussakkord. In seiner Predigt weist er darauf hin, dass die Kirche heute in der Gefahr sei, „sich nicht zu erneuern, sondern zu modernisieren“, denn Freiheit heiße heute weithin Beliebigkeit. In der Kirche führe dies dazu, „dass man nicht mehr unterscheiden kann oder unterscheiden will zwischen dem Heilsein und dem Wohlsein, also dem Heil, das durch Gott kommt und dem Wohlsein, dem Genuss, den sich der Mensch selbst zu produzieren vermag“. Das Bedürfnis nach Gott ist zweifellos da. Mit viel Applaus beantwortet der Kongress die Ankündigung, „Freude am Glauben“ finde in Juni 2017 wieder statt – dann in Fulda.