Sein erster Besuch galt der Gottesmutter

Alle preisen die Demut des neuen Papstes Franziskus – Er selbst setzt einen marianischen Akzent und ruft den Kardinälen das Kreuz ins Bewusstsein. Von Stephan Baier

Am Donnerstagmorgen verweilte Papst Franziskus im Gebet vor der Marienikone, die seine Römer als „Salus Populi Romani“ verehren. Foto: KNA
Am Donnerstagmorgen verweilte Papst Franziskus im Gebet vor der Marienikone, die seine Römer als „Salus Populi Romani“ v... Foto: KNA

Rom (DT) Überraschend und unkonventionell wie die Wahl des neuen Papstes, die am Mittwochabend Hunderttausende auf dem Petersplatz und in den umliegenden Straßen in Erstaunen versetzte, begann Papst Franziskus am Donnerstag sein Pontifikat. Am Morgen kehrte er in das Gästehaus „Casa del Clero“ in der Via Scrofa zurück, wo er vor dem Beginn des Konklaves gewohnt hatte, begrüßte die Angestellten, holte seine Koffer ab und beglich die Rechnung – um ein gutes Beispiel zu geben, wie Vatikansprecher Federico Lombardi den Heiligen Vater später zitierte.

Ein solcher Papst, der in seiner Jugend Tango tanzte und sogar einmal verlobt war, bevor er schließlich seine Berufung erfuhr, ist wohl noch für manche Überraschung gut. Von einer „Wahl, die in die Geschichte eingeht aufgrund ihrer mutigen Neuheit“, schrieb der italienische „Osservatore Romano“ in seiner Freitagausgabe. Zwar ist – wie nach anfänglicher Konfusion mittlerweile Allgemeinwissen wurde – Franziskus keineswegs der erste außereuropäische Papst, doch der erste aus Amerika, der erste Jesuit auf der Cathedra Petri und der erste mit dem Namen des Heiligen aus Assisi. Wie dieser Nationalheilige Italiens pflegt auch der neue Papst einen unkonventionellen Stil.

Tatsächlich kursierten am Donnerstag schnell ein paar vor wenigen Tagen aufgenommene Fotos, die den damaligen Kardinal Jorge Mario Bergoglio ganz ohne klerikale Begleitung in der U-Bahn zeigten. Papst Franziskus bringe durch seinen neuen Stil das Sicherheitspersonal ins Schwitzen, meint der Jesuit Lombardi. Diesbezüglich ähnele der Argentinier dem Polen Johannes Paul II. „Ich mag ihn!“, grinst trotzdem ein Polizist, der an den Kolonnaden des Petersplatzes seinen Dienst tut, bereits am Morgen des dritten Tages.

Noch wichtiger, symbolträchtiger und wegweisender als das eigenhändige Abholen der Koffer war am Donnerstagmorgen aber ein anderer Besuch: Der neue Papst pilgerte nach Santa Maria Maggiore, zu jener römischen Basilika, von deren Decke seit Jahrhunderten jenes Gold auf die Gläubigen herunter leuchtet, das der Seefahrer und Entdecker Kolumbus einst aus der neuen in die alte Welt brachte, und das die katholischen Könige Spaniens der Gottesmutter schenkten.

Nun gibt es drei Päpste auf Postkarten und Rosenkränzen

Doch nicht das Gold der Decke führte den ersten Papst aus jener neuen Welt auf den römischen Esquilin: Papst Franziskus, der sich der Stadt und dem Erdkreis am Mittwochabend als neuer Bischof von Rom vorgestellt hatte, machte der Patronin der Römer seine Aufwartung: Auf der linken Seite des Langhauses thront hier in der Cappella Paolina das Gnadenbild „Salus Populi Romani“, von dem es einst hieß, der Apostel Lukas habe es gemalt und die Engel selbst hätten es vollendet. Die bedeutendste Marienikone Roms, gemalt auf dickem Zedernholz, gilt nicht nur als wundertätig, sondern genießt seit Jahrhunderten die besondere Verehrung der Römer – und ihrer Bischöfe.

Gregor der Große ließ sie einst durch das von der Pest verseuchte Rom tragen. Zwölf Jahrhunderte später betete hier Papst Gregor XVI. um das Ende der Cholera. Und vor der siegreichen Seeschlacht von Lepanto, in der das christliche Abendland 1571 die Türkengefahr abwehrte, flehte hier Papst Pius V. um den Segen des Himmels. Dies sind historische Fakten, doch die Frömmeren unter den Römern wissen noch viele kleine und große, weltbewegende und ganz persönliche Wunder zu berichten, wenn man nach der Madonna fragt, die sie „Heil des römischen Volkes“ nennen.

Ein anderer Höflichkeitsbesuch des neuen Papstes blieb dagegen ein bloßes Gerücht: Zahlreiche Gläubige und Journalisten hatten sich in Castel Gandolfo versammelt, in der Erwartung, Papst Franziskus werde seinen Vorgänger aufsuchen. Demnächst werde dieser Besuch stattfinden, ließ Lombardi in der Sala Stampa später wissen, doch ein Termin stehe noch nicht fest. Franziskus hatte allerdings bereits am Mittwochabend mit Benedikt telefoniert.

Hatte am Mittwochabend noch großes Rätselraten auf dem Petersplatz geherrscht, wer denn dieser neue Papst sei, mit dem keiner der Vaticanisti wirklich gerechnet hatte, so wollte am Donnerstagmorgen hier bereits jeder irgendetwas wissen. Francesco, ein Kellner in einer vatikannahen Bar, freut sich über den neuen Namensvetter. Obwohl er am Donnerstagmorgen noch gar nichts von ihm wusste.

Eine Sonderausgabe des italienischen „Osservatore Romano“, datiert auf „13. März 2013, 20.30 Uhr“ mit einem unscharfen Foto des neuen Papstes auf der Titelseite, verkaufte sich wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Am Donnerstag um neun Uhr morgens waren rund um den Petersplatz bereits die ersten, noch reichlich provisorisch wirkenden Karten mit dem Konterfei des neuen Papstes und der Aufschrift „Habemus Papam Franciscum“ zu erwerben. Die Römer sind Meister der Marktwirtschaft, in der bekanntlich Angebot und Nachfrage regieren. Und so kann man nun Rosenkränze und Postkarten mit dem Bildnis von drei Päpsten kaufen, denn auch die Nachfrage nach Johannes Paul II. ist ungebrochen. Wer einen Jahreskalender 2014 mit Zitaten und Fotos von Papst Benedikt XVI. oder Johannes Paul II. erstehen will, wird hier fündig.

In Italien fällt jedem ein Kommentar leicht, aber wer kennt den neuen Papst wirklich? Die Botschafterin Bosnien-Herzegowinas am Heiligen Stuhl, Slavica Kraljevic-Karacic, ist ihm vor Jahren in Argentinien begegnet, als sie ihr Land dort diplomatisch vertrat. Gegenüber der „Tagespost“ erzählt sie, dass seine Bescheidenheit und Einfachheit ihr besonders imponierte: „Die Art, wie er jetzt die Menschen bat, ihn zu segnen, beeindruckte mich sehr. Und der Name, den er annahm, sagt viel über ihn aus.“

Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn, der nicht nur nördlich der Alpen selbst immer wieder als „papabile“ genannt worden war, wirkt fröhlich und gelöst, als er am Donnerstagvormittag unter den Kolonnaden der „Tagespost“ ein erstes Interview gewährt. „Ich kenne ihn persönlich gut, habe ihn kennengelernt in Buenos Aires bei unseren Schwestern vom Lamm“, berichtet Schönborn von seiner ersten Begegnung mit dem damaligen Weihbischof Bergoglio.

„Ein Mann voll Geist, demütig, einfach, klar, mutig“

„Das erste Bild prägt sich am stärksten ein: ein Mann voll Geist, demütig, einfach, klar, mutig – der Hirte für unsere Zeit.“ Nur in den „Diskussionen der Journalisten“ sei er nicht genannt gewesen, freut sich der Wiener Kardinal ein wenig spitzbübisch: „Es ist eine gewisse Ironie, dass die Medien nicht auf ihn getippt haben!“ Die Wahl des Papstes sei „eine Persönlichkeitswahl“ gewesen, „keine Nationalitäten- oder Farbenfrage“. Auch keine Altersfrage. „Die Person von Jorge Mario Bergoglio ist unter den Kardinälen zweifellos immer eine sehr beeindruckende gewesen. Aber dann zeigt sich in den Gesprächen und Wahlgängen auch, auf wen uns der Herr hinweist“, erklärt Schönborn im Gespräch mit dieser Zeitung. Dass das Konklave so kurz war, sei „ein starkes Zeichen der Einheit“. In den Vorgesprächen habe sich eine große Offenheit, Freimütigkeit und Brüderlichkeit gezeigt. „Im Wesentlichen ist das Kardinalskollegium selten so geeint gewesen wie jetzt, und das ist sicher der Geist von Papst Benedikt, der in diesen Tagen sehr spürbar war“, so Schönborn gegenüber dieser Zeitung.

Als unkompliziert und sehr geistlich beschreibt der Wiener Kardinal den neuen Papst: „Er ist ein betender Mensch, das spürt man, und er hat eine Geistesklarheit – ganz ignatianisch, die Gabe der Unterscheidung.“ In seiner Erzdiözese sei er den Priestern sehr nahe gewesen. „Und er ist ein Mann, der die Armen liebt“, habe in hohem Maß das Gespür für die sozialen Fragen. Ein Jesuit, der sich Franziskus nennt? Kardinal Schönborn, selbst Dominikaner, lacht und wiederholt es zwei Mal: „Das ist schön!“ Er habe am 3. März zufälligerweise den brasilianischen Kardinal Scherer in Assisi getroffen und habe ihn dort gefragt, warum sich wohl noch nie ein Papst Franziskus nannte. „Gestern haben wir uns freudig angeschaut“, so Schönborn am Donnerstag in Rom.

In einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz in Santa Maria dell' Anima erzählt der Wiener Kardinal dann ein paar Anekdoten aus der Sixtina, vom Ende des Konklaves: Sein silbernes bischöfliches Brustkreuz habe Papst Franziskus getragen, als er aus der „Tränenkammer“, dem Ankleideraum des neugewählten Papstes, kam. Er sei „durch die Sixtina gelaufen“, um einen gehbehinderten Kardinal zu umarmen. Später habe er den Mercedes mit dem Kennzeichen „SCV 1“ einfach stehen gelassen, um mit den wahlberechtigten Kardinälen im Bus zum Domus Sanctae Martae zurückzufahren. All dies seien kleine Dinge, die viel über den Menschen sagen „und den Namen Franziskus in die Tat umsetzen“. Schönborn ist zuversichtlich: „Wir werden Entscheidungen von Tragweite erleben!“ Welche er erhofft, das sagt der Wiener Kardinal, der auf eine Frage dieser Zeitung gesteht, das theologische Werk des neuen Papstes noch nicht zu kennen, auch: „Vatileaks“ und die Indiskretionen aus dem Vorkonklave – den Generalkongregationen – bringen Kardinal Schönborn in Rage: Es sei „ein Skandal, dass unsere Wortmeldungen im vertraulichen Raum – dort, wo wir unter Eid geschworen haben – wörtlich den Weg in die Medien finden“. Hier sei eine Reinigung dringlich, sagte Schönborn am Donnerstag – sicherheitshalber auch auf Englisch und Italienisch. Er hoffe sehr, dass es dem Papst gelingt, den verdient guten Ruf des Vatikan wieder herzustellen. Zurück auf dem Petersplatz: Auf den vier Riesenleinwänden, vor denen die Gläubigen wenige Stunden zuvor noch den kleinen Kamin auf der Sixtina beobachtet hatten, läuft die Übertragung einer Messe. Nicht irgendeiner, sondern der ersten Heiligen Messe des neuen Papstes „pro ecclesia“ (für die Kirche) mit den Kardinälen in der Sixtinischen Kapelle. Die erste Fürbitte ist für den neuen Papst, die zweite für seinen Vorgänger Benedikt XVI., „der der Kirche im Verborgenen dient“.

Ein paar hundert Gläubige stehen andächtig vor jeder Leinwand, ein paar Fotografen lichten sie ab. Die Ferula, den Kreuzstab seines Vorgängers, wie einen Wanderstock in der Hand, schreitet Franziskus ernst und raschen Schritts durch die Kapelle, in der er am Vortag gewählt worden war. In seiner Predigt – ohne Manuskript – fordert er die Kardinäle auf, mutig das Kreuz Christi durch Welt und Zeit zu tragen: „Wenn wir ohne das Kreuz voranschreiten, wenn wir ohne das Kreuz aufbauen und wenn wir uns zu einem Christus ohne Kreuz bekennen, dann sind wir keine Jünger des Herrn: dann sind wir weltlich, zwar Bischöfe, Priester, Kardinäle, aber keine Jünger des Herrn.“ Die Kirche müsse „auf dem Blut des Herrn aufbauen, das am Kreuz vergossen wurde“. Als Jorge Mario Bergoglio zum Kardinal erhoben wurde, sammelten seine Anhänger Geld, um nach Rom zu fliegen. Er aber verbot es und forderte, das Geld den Armen zu geben. Am Dienstagvormittag, bei der Amtseinführung des neuen Papstes, wird er sich wohl kaum gegen die Präsenz und Begeisterung seiner Landsleute aus Argentinien wehren können.