Seherkinder von Fatima: Der heilige Francisco wurde nicht einmal elf Jahre

Sogar Kardinal Ratzinger soll dagegen gewesen sein. Die Kirche hatte über Jahrhunderte nur Erwachsene, die in der Lage waren, die göttlichen Tugenden im Leben zur Entfaltung zu bringen, zur Ehre der Altäre erhoben. Die Ausnahme bildeten diejenigen, die das Martyrium erlitten. Am 13. Mai im Heiligen Jahr 2000 beendete Papst Johannes Paul II. diese Tradition und sprach die beiden Seherkinder von Fatima, Jacinta und Francisco Marto, selig. Von Christian Stadtmüller

Kinder von Fatima
Junge Bekenner der Kirche: Zwischen seinen Geschwistern steht der selige Francisco Marto. Foto: dpa

Am 4. April sind es 100 Jahre, dass der zehnjährige Francisco verstorben ist. Auf den ersten Blick scheint sein Leben übersichtlich, es wird aber zugleich deutlich, dass nicht die großen Taten und Leistungen die Menschen zu Heiligen machen, sondern gerade das Unauffällige der Weg zur Vollkommenheit sein kann.

Francisco wurde 1908 als sechstes Kind von Manuel Pedro und Olimpia in Aljustrel geboren. Sein Vater schilderte ihn als gesunden Jungen: „Wir glaubten, er würde lange leben und alt werden. Er hatte einen besonderen Charakter, er war sehr herzlich.“ Die Verbundenheit innerhalb der Familie war sehr innig und begründet in der guten Ehe von Manuel und Olimpia. In der Familie wurde täglich gemeinsam gebetet und der Besuch der Sonntagsmesse war für alle selbstverständlich.

Francisco sprach nicht von sich und nicht von anderen, sodass er meist mit allen gut auskam. Im Seligsprechungsprozess wurde betont, dass er großes Einfühlungsvermögen besaß, eher still, hilfsbereit und emotional ansprechbar war. Er konnte aber auch verschmitzt sein und seinen Brüdern Streiche spielen. Seine Liebe zur Musik brachte ihn einmal dazu, für den Kauf einer Mundharmonika seinem Vater Geld zu stehlen. Neben der Musik liebte er die Natur. Er interessierte sich für alle Tiere und auch die Sterne faszinierten ihn. Über die Strahlkraft der Sonne sagte er einmal: „Kein Lämpchen ist so schön wie die Lampe unseres Herrn!“ Ein Zeuge im Seligsprechungsprozess charakterisierte ihn: „Francisco war besonders aufgeweckt und sehr fröhlich. Seine Augen blitzten vor Lebensfreude.“

Prägend waren für ihn die Begegnungen mit dem Engel Portugals 1916 und die Erscheinungen der Muttergottes im Jahr 1917. Zu Lucia sagte er in dieser Zeit: „Ich habe mich sehr gefreut, den Engel zu sehen. Noch mehr Freude empfand ich beim Anblick Unserer Lieben Frau. Am schönsten aber fand ich den Heiland in jenem Licht, das Unsere Liebe Frau in unsere Brust strahlen ließ. Ich liebe Gott so sehr. Aber er ist so traurig wegen der vielen Sünden, wir dürfen nie mehr eine begehen…“ Der hier anklingende zentrale Gedanke der Botschaft von Fatima, Buße und Sühne, fielen bei Francisco auf fruchtbaren Boden. Den Aufruf des Engels „Macht aus allem, was ihr könnt, ein Opfer!“ nahm er sich zu Herzen. Bei der sogenannten mystischen Kommunion sagte der Engel: „Empfangt den Leib und das Blut Jesu Christi, der durch die undankbaren Menschen so furchtbar beleidigt wird. Sühnt ihre Sünden und tröstet euren Gott!“ Die Akten der Seligsprechung belegen: „Die Forderung des Engels, dem Allerhöchsten Opfer zu bringen, war für ihn wie ein neues Licht. […] Von diesem Tag an verpasste er keine sich bietende Gelegenheit, um Opfer zu bringen.“ Auf die Frage Lucias: „Francisco, was tust du lieber: den Heiland trösten oder die Sünder bekehren, damit keine Seele mehr in die Hölle kommt?“ antwortete er: „Ich tröste lieber den Heiland. Hast du nicht gemerkt, wie Unsere Liebe Frau letzten Monat so traurig wurde, als sie sagte, dass die Menschen den Herrgott nicht mehr beleidigen sollen, der schon so sehr beleidigt wurde? Ich möchte den Heiland trösten und dann die Sünder bekehren, damit sie Ihn nicht mehr beleidigen.“ Später berichtet Lucia in ihren Erinnerungen: „Als ich zur Schule ging, sagte er mir manchmal, wenn wir in Fatima ankamen: ,Hör zu! Geh du zur Schule, ich bleibe hier in der Kirche beim verborgenen Jesus. Für mich lohnt es sich nicht mehr, lesen zu lernen. Bald komme ich ja in den Himmel. Wenn du zurückkommst, rufe mich.‘“

In seiner Predigt zur Seligsprechung Franciscos erinnerte der heilige Johannes Paul II. an diese innere Haltung Franciscos: „Er gibt sich einem intensiven geistlichen Leben hin, das sich in eifrigem und inbrünstigem Gebet niederschlägt, sodass er zu einer wahren Form mystischer Vereinigung mit dem Herrn gelangt. Und gerade das bringt ihn zu einer fortschreitenden Läuterung des Geistes durch vielerlei Verzicht auf Angenehmes, selbst unschuldige Kinderspiele.“ Am 13. Juni hatte Maria angekündigt, sie werde Francisco und Jacinta bald zu sich holen. Ende Oktober 1918 erkrankten mehrere Familienmitglieder an der Spanischen Grippe, die in diesen Jahren Millionen von Opfern forderte. Fünf Monate darauf wurde die Krankheit für Francisco lebensgefährlich. Lucia berichtet, wie sie ihn in dieser Zeit fragte: „Geht es dir besser?“ Francisco antwortete: „Nein, ich fühle mich schlechter. Aber es geht nicht mehr lange, dann komme ich in den Himmel. Dort werde ich den Heiland und die Gottesmutter sehr trösten.“ Am 3. April 1919 empfing er schließlich die Krankensalbung und zum ersten und letzten Mal die heilige Kommunion in sakramentaler Form. Über den Tod ihres Sohnes sagte Olimpia: „Francisco wusste, dass er im Sterben lag und er sagte vorher noch: O Mama, schau, was für ein schönes Licht dort am Fenster!“ und schließlich: „Er starb mit einem Lächeln auf dem Mund.“

Der heilige Johannes Paul II. hob bei der Seligsprechung hervor: „Francisco ertrug die großen Leiden, welche die Krankheit verursachte, die zu seinem Tod führte, ohne jede Klage. Alles schien ihm wenig, um Jesus zu trösten; er starb mit einem Lächeln auf seinen Lippen. Groß war in dem kleinen Jungen der Wunsch, Sühne zu leisten für die Beleidigungen der Sünder; und so strengte er sich an, gut zu sein, und opferte Verzicht und Gebete auf.“

Der eigentlich für das Christentum zentrale Gedanke der Sühne stößt heute vielfach auf Skepsis und spielt in der zeitgenössischen Frömmigkeit und Theologie kaum noch eine Rolle. Er wird in Verbindung gebracht mit dem Bild eines strafenden Gottes, der besänftigt werden muss. Das Beispiel des heiligen Francisco Marto zeigt, wie Sühne auch verstanden werden kann: Der Mensch ist aufgerufen, Gott zu trösten – denn Gott leidet unter den Sünden der Menschen. So kann der kleine Hirtenjunge von Fatima allen ein Vorbild sein, Leiden, Krankheit und Tod nicht nur ohnmächtig zu akzeptieren, sondern in ihnen einen Weg zu sehen, in richtiger Weise für andere zu sühnen und Gott zu trösten. Die Worte Jesu: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich gelangen“ machen deutlich, dass es sich lohnt, sich Kinder zum Vorbild zu nehmen. Johannes Paul II. war es ein Anliegen, diese Tatsache zu unterstreichen und hat deshalb – wenn auch gegen den Brauch der Kirche – die Seherkinder seliggesprochen. Papst Franziskus setzte diese neue Praxis fort und machte Jacinta und Francisco zu den jüngsten heiligen Bekennern der Kirche. Der 20. Februar ist ihr Gedenktag.