NIKODEMUS SCHNABEL OSB.

Schwung für den Dialog

Pater Nikodemus Schnabel OSB, Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft, zieht eine positive Bilanz des Papstbesuchs auf Lesbos. Von Oliver Maksan

Schwung für den Dialog
Der Papst war zusammen mit Konstantinopels Patriarch und Athens Erzbischof auf Lesbos. Welche ökumenische Bedeutung hat diese Konstellation?

Eine enorme! Hier wird wieder sichtbar an den „Dialog der Liebe“ angeknüpft, der am Beginn des ökumenischen Dialogs zwischen West- und Ostkirche stand, bevor 1979 zu diesem der „Dialog der Wahrheit“ hinzutrat, also der theologisch-wissenschaftliche Fachdialog. Der „Dialog der Liebe“ hat natürlich nie aufgehört, aber gerade durch Papst Franziskus hat er wieder einen neuen Schwung erfahren. Kurz gesagt geht es darum, gegenüber der Welt zu zeigen, dass wir Schwesterkirchen uns in Liebe zugetan sind und mit einer Stimme sprechen können. Es ist ja auffällig, dass auf Lesbos Papst, Patriarch und Erzbischof immer wieder das „Wir“ bemüht haben und sich als „Brüder“ angesprochen haben – und auch so gehandelt haben.

Athen gilt anders als Konstantinopel nicht gerade als katholikenfreundlich. Ändert sich das gerade?

Ich würde das differenzierter bewerten. Die Orthodoxe Kirche von Hellas, also die Kirche, zu der die überwältigende Mehrzahl der orthodoxen Gläubigen in Griechenland gehören und an deren Spitze Erzbischof Hieronymus II. von Athen und ganz Griechenland steht, ist eine durchaus vielstimmige Kirche. Es gibt prominente antiökumenische Stimmen, die sich auch diesmal zu Wort gemeldet haben, genauso gibt es aber auch viele Anhänger eines ökumenischen Dialogs. Erfahrungsgemäß haben die Festlandsgriechen in der Frage der Ökumene mehr Vorbehalte als die Griechen auf den Inseln, was wohl stark mit der Geschichte zusammenhängt: Das Leben auf den Inseln ist ja schon seit alters her vom Austausch geprägt. Auch jetzt wurde ja eine Insel, Lesbos, besucht, deren Bürger den Flüchtlingen mit einer enormen Hilfsbereitschaft entgegengekommen sind, was wohl auch daran liegen mag, dass viele von ihnen selbst zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Griechen aus dem heutigen Staatsgebiet der Türkei vertrieben wurden.

Zwischen Konstantinopel und Athen gibt es innerorthodoxe Spannungen. Konnte der Papst da jetzt vermitteln?

Die jurisdiktionelle Situation der Orthodoxen Kirche in Griechenland ist fast eine eigene Wissenschaft für sich. Es gibt Gebiete, die allein dem Erzbischof von Athen unterstehen, und zwar der Peloponnes, Euböa und Mittelgriechenland; dann gibt es Gebiete, die allein dem Ökumenischen Patriarchen unterstehen, wie etwa die Insel Patmos oder die Dodekanes; und dann gibt es die so genannten „Neuen Länder“ im Norden Griechenlands, die erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum griechischen Staatsgebiet hinzukamen: Diese unterstehen zwar geistlich dem Patriarchen von Konstantinopel, aber administrativ dem Erzbischof von Athen, was bisweilen zu Spannungen führt. Lesbos gehört zu diesen Neuen Ländern. Es war in der Tat auch ein starkes innerorthodoxes Zeichen, dass beide für diese Insel zuständigen Oberhirten in brüderlicher Eintracht gemeinsam auftraten und Zeugnis ablegten.

Im Juni soll das panorthodoxe Konzil auf Kreta stattfinden. Ist nach Lesbos und Kuba eine ökumenefreundlichere Haltung der Weltorthodoxie zu erwarten?

Ich denke, es steht uns Katholiken gut an, für diese panorthodoxe Synode zu beten. Ich persönlich freue mich sehr, dass sie jetzt wohl doch – nach langem Ringen – zustande kommt. Ich vertraue dem Heiligen Geist, dass diese Synode Früchte hervorbringen wird, die wir jetzt noch nicht einmal zu hoffen wagen. Der neu belebte „Dialog der Liebe“ durch Papst Franziskus hilft meines Erachtens, orthodoxe Ängste vor der römisch-katholischen Kirche abzubauen. Ich hoffe, dass auf der anderen Seite aber auch wir Katholiken uns um eine neue Wahrnehmung der orthodoxen Schwesterkirche bemühen!