Schritte ins Schisma

Im Streit um die Ukraine fordert die serbische Orthodoxie Bartholomaios zur Umkehr auf. Von Stephan Baier

Papst Franziskus und Hilarion Alfejew
Metropolit Hilarion informierte Papst Franziskus über Moskaus Sicht. Foto: KNA
Papst Franziskus und Hilarion Alfejew
Metropolit Hilarion informierte Papst Franziskus über Moskaus Sicht. Foto: KNA

Im innerorthodoxen Streit zwischen Moskau und Konstantinopel aktiviert die Russisch-Orthodoxe Kirche ihre diplomatischen Beziehungen. Wenige Tage nach der einseitigen Aufkündigung der Eucharistiegemeinschaft zwischen der größten und der altehrwürdigsten orthodoxen Kirche wurde der Außenamtschef der russischen Orthodoxie, Metropolit Hilarion Alfejew, zunächst vom Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates, Kardinal Kurt Koch, und später von Papst Franziskus in Rom empfangen. Er erwarte nicht, „dass der Papst in dieser Situation eingreift oder irgendwie versucht, das Problem zu lösen“, stellte Hilarion im Vorfeld gegenüber der russischen Nachrichtenagentur TASS klar. Er wolle ihn lediglich über die Entscheidungen seiner Kirche informieren.

Metropolit Hilarion warf den USA vor, maßgeblich am orthodoxen Zerwürfnis beteiligt zu sein: Washington stehe hinter der Anerkennung einer autokephalen ukrainischen Kirche durch das Ökumenische Patriarchat. Der Außenamtschef der russischen Orthodoxie warf dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios wörtlich „Banditentum“ vor und deutete einen „sehr hohen Druck“ aus Amerika an.

Der Kreml mischt jetzt offen mit

Nach anfänglicher rhetorischer Zurückhaltung tritt die russische Politik im Kirchenstreit mittlerweile offen in Erscheinung: Am Freitag der Vorwoche verurteilte das russische Parlament die geplante Gründung einer von Moskau unabhängigen ukrainisch-orthodoxen Kirche. Die Duma warf der ukrainischen Führung vor, sich grob in Kirchenangelegenheiten einzumischen: Die „Organisatoren des Staatsstreichs in der Ukraine von 2014“ hätten das Ziel, „die echte orthodoxe Kirche zu zerstören“ und mit Hilfe von Schismatikern „die Fortsetzung des Krieges gegen Russen und Russischsprachige im Osten der Ukraine zu segnen“, heißt es in der Erklärung der Duma. Dieser Duktus knüpft an die Warnung des Kreml-Sprechers Dmitri Peskow an, der jüngst meinte, die russische Regierung werde die Interessen der Orthodoxen in der Ukraine wie aller Russischsprachigen in der Welt verteidigen.

Der Patriarch der mit Moskau sympathisierenden serbisch-orthodoxen Kirche, Irinej, sagte in Interviews, der Ökumenische Patriarch sei in Versuchung gefallen, zu tun, „wozu er kein Recht hat“. Seine Versuche, der Ukraine die Autokephalie zu gewähren, seien eine Katastrophe für die Orthodoxie. In einem Brief an Bartholomaios hatte Irinej zuvor gemeint, die Zuerkennung der Autokephalie könne nur im Konsens aller autokephalen orthodoxen Kirche geschehen, nicht allein durch das Ökumenische Patriarchat. Er habe die Entscheidungen Konstantinopels als „Schritt ins Schisma“ empfunden, sagte der serbische Patriarch gegenüber einer Belgrader Zeitung. Einen biblischen Vergleich wagend fuhr er fort: „Das Ökumenische Patriarchat scheint die Augen im Hinblick auf die leicht vorhersehbaren Konsequenzen seiner Aktionen nach dem Vorbild des Pilatus zu verschließen.“

Zankapfel Mazedonien

Die Positionierung der serbischen Orthodoxie hat auch damit zu tun, dass es auf dem Balkan eine Parallele zur ukrainischen Situation gibt: Belgrad beansprucht die kirchliche Jurisdiktion über Mazedonien, während die von der serbisch-orthodoxen Kirche 1967 losgelöste mazedonische Orthodoxie nach Autokephalie strebt. Die mazedonisch-orthodoxe Kirche ist bis heute nicht als autokephal anerkannt, weil sich die orthodoxen Kirchen Serbiens und Griechenlands dagegen stellen, während sich Bulgariens Orthodoxie jüngst selbst einseitig zur „Mutterkirche“ der mazedonischen Orthodoxie erklärte. Diese sieht sich jedoch als Erbe des Patriarchats von Ohrid, das im 9. Jahrhundert gegründet wurde und im 11. Jahrhundert durch den byzantinischen Kaiser die Autokephalie erhielt.

Der serbisch-orthodoxe Bischof für Österreich, Italien und die Schweiz, Andrej Æilerdžiæ, sagte im Gespräch mit der „Tagespost“, Bartholomaios müsse zurückrudern und seine Versuche einer Autokephalie für die Ukraine aufgeben. Er erwarte eine Versammlung aller Patriarchen der autokephalen Orthodoxien, die dem Ökumenischen Patriarchen „den Kopf waschen“ würden. Die Reaktion der Moskauer Patriarchats, das die Eucharistiegemeinschaft mit Konstantinopel aussetzte, hält der serbische Bischof gleichwohl für übertrieben.

Er selbst und der rumänisch-orthodoxe Bischof Serafim seien zur jüngsten orthodoxen Bischofskonferenz in Wien geeilt, um Metropolit Arsenios, den Vertreter des Ökumenischen Patriarchen in Österreich, zu beschwören, er möge mithelfen, Bartholomaios zu einem Einlenken in der Ukraine-Frage zu bewegen. Weiter meinte Bischof Andrej gegenüber dieser Zeitung, beim Konflikt zwischen Moskau und Konstantinopel spielten auch Mentalitäten und politische Einflüsse auf beiden Seiten eine Rolle. Keine Parallele sieht er zwischen der Ukraine und Mazedonien: In Skopje seien „skurrile Figuren“ am Werk. Er erwarte nicht, dass das Ökumenische Patriarchat der mazedonischen Orthodoxie die Autokephalie zugestehen werde.

„Die Entscheidung Konstantinopels zur Autokephalie in der Ukraine sollte zurückgenommen werden“, meinte Bischof Andrej Æilerdžiæ auch öffentlich. Bei der Präsentation einer Studie des Arbeitskreises St. Irenäus in Graz sprach er von der „drohenden Lage des Schismas“, und von einer „wachsenden anti-ökumenischen Atmosphäre in den orthodoxen Mutterländern“. Die orthodoxen Kirchen täten sich schwer damit, mit den aus dem ökumenischen Dialog resultierenden Erkenntnissen umzugehen.

Der Weg zur Autokephalie

Die vom Ökumenischen Patriarchen in die Ukraine entsandten Exarchen, Erzbischof Daniel Zelinskyj und Bischof Hilarion Rudnyk, bestätigten vor wenigen Tagen bei einer Begegnung mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko den Weg, auf dem es zur Gewährung der Autokephalie kommen soll: Wie der Patriarch der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats (UOKP), Filaret, angekündigt hatte, soll zunächst eine Bischofsversammlung stattfinden, zu der die Bischöfe aller drei orthodoxen Denominationen in der Ukraine eingeladen sind. Bei dieser Vereinigungssynode soll ein Patriarch gewählt werden, welcher dann der Adressat des Tomos, also der Bulle des Ökumenischen Patriarchen, ist, mit dem die Autokephalie offiziell zuerkannt wird. Gegenüber den beiden Exarchen soll Poroschenko geäußert haben, die russisch-orthodoxe Kirche habe sich mit der Aufkündigung der Eucharistiegemeinschaft gegenüber Patriarch Bartholomaios „auf den Pfad der Selbstisolierung von der Weltorthodoxie“ begeben.

Bartholomaios verteidigte sein Vorgehen am Sonntag mit seiner „Verantwortung für die Einheit und Stabilität der Orthodoxie“. Er müsse „auf der Basis von authentisch kirchlichen, wahrhaft universellen und übernationalen Kriterien“ eingreifen. In Istanbul sagte er: „Ob es unseren russischen Brüdern Recht ist oder nicht, bald werden sie sich hinter die Entscheidung des Ökumenischen Patriarchats stellen müssen, weil sie keine andere Wahl haben werden.“