Schöne neue Konzilswelt

Wie die deutschen Bischöfe das II. Vatikanum vor- und nachbereiteten: Joachim Schmiedl sieht das Verheißungsvolle. Von Urs Buhlmann

Freudig in die Zukunft: Paul VI. begrüßt Kardinal Josef Frings während eines Besuchs deutscher Bischöfe im Vatikan. Foto: KNA
Freudig in die Zukunft: Paul VI. begrüßt Kardinal Josef Frings während eines Besuchs deutscher Bischöfe im Vatikan. Foto: KNA

Gutgelaunte geistliche Herren zeigt das Titelbild von Joachim Schmiedls Untersuchung zur Rezeption des Zweiten Vatikanums durch die deutsche Bischöfe. Der Schönstatt-Pater lehrt Kirchengeschichte an der Hochschule der Pallotiner in Vallendar und schätzt den Kleidungsstil der wohl beim Kaffeeklatsch abgelichteten, herzlich lachenden Bischöfe Hermann Volk und Julius Döpfner auf dem Foto: leger. Auch das hat das letzte Konzil gebracht, dass nämlich der Kleriker sich der unfroh-schwarzen Kleidung mit steifem Kragen entledigt und wieder Gewand und Geruch der Schafe annimmt. Doch ist Joachim Schmiedl, der seinem Buch als Titel ein Zitat aus den hoffnungsvollen Nachkonzils-Jahren gegeben hat, nicht so naiv, anzunehmen, dass die Kirche sich mit der Umsetzung der Konzilsbeschlüsse (und dessen, was man dafür hielt) aller Probleme entledigt hätte. Er hat ein materialgesättigtes Buch vorgelegt, das in Akkuratesse die prae-Konzils-Vorstellungen, die in Rom empfangenen Eindrücke sowie die Folge-Bewertungen und Anordnungen der deutschen Oberhirten beleuchtet. Für diese Fleißarbeit muss man ihm danken, auch wenn sich Schmiedl hütet, eine harte Kosten-Nutzen-Rechnung des von den einen in den Himmel gelobten und von den anderen weitaus weniger geschätzten letzten Konzils vorzunehmen.

Er schafft Voraussetzungen für eine Beurteilung. Der Ansatz, den er dazu wählt, ist verblüffend einfach, aber sinnvoll: Unermüdlich hat er sich durch die Amtsblätter der deutschen Diözesen gewühlt, hat die Hirtenworte und Beschlüsse des Gesamtepiskopats studiert und dazu noch eine auf dem letzten Stand der Sekundärliteratur gebrachte Einführung beigesteuert. In der Tat ist ja nirgendwo besser als in den für jedes Bistum dokumentierten Durchführungsbestimmungen erfassbar, wann und wie das Konzil die Gläubigen erreichte, wie es ein damals viel zitiertes Wort des Aachener Prälaten Philipp Boonen ausdrückte: „Das Konzil kommt ins Bistum“.

Schmiedl übt subtile Kritik am Ratzingerschen Ansatz von der Hermeneutik der Kontinuität, in den er auch die Entscheidung des Papstes zur außerordentlichen Form der Messfeier in „Summorum pontificum“ einordnet, die ein „weitgehend erschrockenes Echo“ gefunden habe. Zur Ausgangssituation vor dem Konzil hält er fest: „Die Massenreligiosität der zweiten Hälfte des 19. und ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts orientierte sich wesentlich an den Formen barocker Frömmigkeit und setzte sich vom Purismus aufgeklärter Kirchlichkeit ab. In gewissem Sinn vollzog die Mehrheit der Katholiken den Gang in das Ghetto mit, in das sich die Päpste nach dem Verlust des Kirchenstaats eingezwängt erlebten.“ Doch sei es der Kirche in den westeuropäischen Ländern gelungen, sich seit der Säkularisation eine neue, zeitgemäße Struktur zu geben, „innerhalb derer ein funktionierendes soziales Milieu Angebote für die Begleitung der Katholiken „von der Wiege bis zur Bahre“ anbot“.

Es ist dem Autor wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Modernisierungsprozesse, die in unterschiedlicher Form in den Ländern des Westens liefen, bereits „längst zu einer Erosion des kirchlichen Lebens geführt“ hätten. Er weist für Deutschland auf bereits seit Ende der 50er Jahre sinkende Zahlen von Gottesdienstbesuchern sowie der Priester- und Ordensberufe hin. Schmiedl zitiert dazu einen detaillierten Hirtenbrief des Würzburger Bischofs Josef Stangl, der nachwies, dass die Kinderzahl der Familien der Priesteramtskandidaten seines Bistums von 6, 5 im Jahre 1880 über 6 im Jahre 1938 auf 4, 1 im Jahre 1958 gesunken war.

Als typisches Zeugnis für die Erwartungen nach Ankündigung des Konzils sei eine Verlautbarung Kardinal Döpfners vom Februar 1962 erwähnt, der von einer entstehenden „Einheitszivilisation“ sprach, die ein Ende der bestehenden Hegemonien brächte. Ein kühnes Wort angesichts der bereits gebauten Berliner Mauer und unmittelbar vor der Kuba-Krise, die die Teilung der Welt dokumentierte. Dem technischen Fortschritt, führte der Münchner Oberhirte weiter aus, müsse die Kirche ihrerseits begegnen „mit einem mutigen Ja zum echten Fortschritt“. Zwar führt Schmiedl auch nüchterne und skeptischere Einschätzungen anderer Oberhirten an, doch ist Döpfners strahlender Optimismus typisch für eine breite Strömung im deutschen und europäischen Katholizismus. Dem korrespondierte die Einschätzung des Publizisten Otto B. Roegele beim letzten Katholikentag vor dem Konzil 1962 in Hannover: „Wir dürfen doch, ohne in Überheblichkeit und Eigenlob zu verfallen, die schlichte Tatsache feststellen, dass das Konzil sich in weiten Bereichen anschickt, die Ernte der deutschen Theologie der letzten Jahrzehnte in die Scheune der Weltkirche einzubringen.“

Diese Hochstimmung ließ sich nicht durchhalten; schon vor Beginn der zweiten Sessio ein Jahr später warnten die hellsichtigeren unter den Bischöfen vor zu viel Euphorie. Auch Hubert Jedin fühlte sich verpflichtet, während des Stuttgarter Katholikentages 1964 mit Blick auf die ökumenischen Bemühungen festzustellen:„Die Trienter Glaubensentscheidungen sind und bleiben für die katholische Kirche verbindlich, sie können nicht revidiert werden (...)“. Er warnte vor Willkür besonders auf liturgischem Gebiet: „Wohin kämen wir, wenn jeder Pfarrer seine eigene Liturgie feiern dürfte! Die Volkssprache wird neben der lateinischen Kirchensprache den ihr gebührenden Platz erhalten.“ Doch dürfe man sich nicht irre machen lassen, die liturgischen Reformen rüttelten nicht an den heiligsten Geheimnissen des Glaubens.

Einmal mehr hätte man aus nachkonziliarer Sicht Grund, derartige Aussagen dem Wirklichkeitstest zu unterwerfen. 1965 war sich Bischof Volk von Mainz noch sicher, dass der lateinische Gottesdienst erhalten bliebe, lediglich durch muttersprachliche Elemente ergänzt werde. Natürlich darf man das Konzil nicht auf die Liturgiefrage reduzieren, doch zeigten sich hier in erster Linie und besonders vernehmbar die Auswirkungen der Kirchenversammlung im Leben der Gläubigen. Mit dem Ersten Fastensonntag 1965 kamen die ersten liturgischen Veränderungen in die Bistümer, noch durchweg als Erlaubnis, die deutsche Sprache neben die lateinische bei Akklamationen, Präfationen, der Spendung von Taufe, Firmung, Beichte und der Trauung treten zu lassen. Paul VI., in seiner Enzyklika Mysterium fidei von 1965, erwartete nun ernsthaft eine Zunahme des eucharistischen Kultes, aber auch der Kölner Kardinal Frings war im nämlichen Jahr so optimistisch, anzunehmen, dass der Gregorianische Choral sowie die lateinische Mehrstimmigkeit in den Kirchen seines Erzbistums weiter gepflegt würden. Die atemberaubende und atemberaubend schnelle Hinweg-Entwicklung von diesen Vorgaben zu beleuchten wäre eine sinnvolle Fortschreibung des vorliegenden Bandes, das dafür reichlich Dokumentationsmaterial bereitstellt. Die Warnung des Kölner Oberhirten von 1968 – „Die Liturgiereform hat die lateinische Sprache nicht abgeschafft, sondern hat neben die eingleisige Bahn des lateinischen das zweite Geleise des muttersprachlichen Vollzugs gelegt. Nun darf nicht eine deutsche Eingleisigkeit entstehen“ – war jedenfalls schon bald Makulatur. Es war kein weiter Weg mehr zu der Feststellung von Bischof Volk aus dem Jahre 1971, dass die fast ausschließliche Konzentration auf die Eucharistie zu einem Rückgang von Wortgottesdiensten, Andachten und Vespern geführt hätte. Ja, Volk fühlte sich berechtigt, festzustellen, dass „in den Pfarreien außerhalb der heiligen Messe sehr viel weniger gebetet wird“.

Auch führte die Einführung von Bußgottesdiensten nicht – entgegen der ausdrücklichen Erwartung der Bischofskonferenz 1967 – zu einer besseren Vorbereitung auf die persönliche Beichte. Im Nachhinein ist klar, dass damit ein wichtiger Schritt hin zur faktischen Eliminierung dieses Sakramentes getan wurde.

Ähnliche Dissonanzen lassen sich beim Priesterbild feststellen – eingedenk, dass die Kirchenversammlung hierzu wenig Überzeugendes vorgelegt hat und der Priester quasi das „Stiefkind des Konzils“ ist. Kaum vorstellbar heute, was Kardinal Frings 1960 im Fastenhirtenbrief schrieb: „Die heilige Messe ist die übernatürliche Sonne, die dem Priester jeden Morgen aufgeht. Der Aufstieg an den Stufen des Altares erhebt ihn höher über die Menschen, als hätte er den höchsten Berg der Erde, den Mount Everest, bestiegen.“ In seinem Fastenhirtenbrief 1964 klang Kardinal Döpfner schon verzagter: „Unsere Zeit, die so oft den Priester nicht zu verstehen scheint, ruft im Grund nach glaubensstarken, verstehenden und zeitnahen Priestern.“ Es entwickelte sich bald nach Konzilsende eine besonders im deutschen Sprachraum erbittert geführte Zölibatsdiskussion, die bis heute nicht aufgehört hat. Kardinal Höffner gehörte zu den Bischöfen, die sich klar gegen eine Aufgabe des Pflichtzölibats positionierten: „Die Erfahrungen der lutherischen, calvinistischen, reformierten und orthodoxen Kirchen zeigen, dass es dann in etlichen Jahrzehnten auch in der katholischen Kirche keine ehelosen Bistumspriester mehr geben wird. Hier gilt das soziologische Gesetz der ,breiten Straße‘, die sich durchsetzen und schließlich von allen begangen werden wird. Der Zölibat wird entweder ganz verschwinden – wie im Protestantismus – oder sich – wie in der orthodoxen Kirche – in die Klöster zurückziehen.“

Auf mehreren Gebieten war die deutsche Kirche Vorreiter: Bei der Einführung des Ständigen Diakonats – 1968 wurden in Köln die ersten Ständigen Diakone geweiht –, bei der Errichtung einer sich bald üppig ausfaltenden Räte-Struktur und bei der Indienstnahme von Laientheologen. Die damals noch unangefochtene Kirchensteuer erwies sich als gerne genutztes Alimentierungs-Mittel. Schon sehr bald wies diese schöne neue Konzilswelt Dellen auf – so sehr, dass die Bischöfe auf einer Sonder-Vollversammlung 1968 etliche theologische Pflöcke einrammen mussten: Es ging nun um grundsätzliche Fragen der Theologie und der kirchlichen Ordnung. Doch hörten Bischöfe seit Ende der 60er Jahre und zumal in den 70ern nicht auf, vom „Verlust Gottes in der Welt“, von „Glaubens-“ und „Vertrauenskrise“ zu sprechen – auch hier gibt es eine Kontinuität bis heute. So ist das gründlich erarbeitete Werk von Joachim Schmiedl letztlich ein Blick in die Zukunft, in die bedrängte Gegenwart der Kirche, die vor 60 Jahren hoffte, mit dem Konzil und seinen Beschlüssen das Rüstzeug für eine erneuerte christliche Zivilisation in Händen zu haben.

Joachim Schmiedl: Dieses Ende ist eher ein Anfang – Die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils durch die deutschen Bischöfe (1959–1971). Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, 2014, 349 Seiten, ISBN 978-3-506-77445-3,

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