Schock mit Vorgeschichte

Die Schließung von acht katholischen Schulen im Erzbistum Hamburg ist erst der Anfang. Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Von Hinrich E. Bues

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79 Millionen Euro beträgt die derzeitge Überschuldung des Erzbistums. Foto: (104784252)

Acht von 21 katholischen Schulen sollen im Erzbistum Hamburg geschlossen werden. Bei drei Schulen unternehmen das Bistum, Eltern, Lehrer und Schüler noch Rettungsversuche. Ob sie gelingen werden, ist unwahrscheinlich. So ist die traurige Lage, mit der sich am 15. Februar auch der Senat der Hansestadt befassen soll.

Das Erzbistum befindet sich, so Generalvikar Ansgar Thim auf der Elternversammlung in der von der Schließung bedrohten St. Sophien-Schule in Hamburg-Barmbek, in einer Zwangslage. Wegen der drohenden Insolvenz des gesamten Erzbistums habe auch die Schließung aller 21 Schulen auf der Tagesordnung gestanden. Um die verbleibenden 13 Schulen zu „retten“, habe man sich zur Schließung der acht Schulen entschlossen. Der Generalvikar erklärte so vor empörten Eltern der St. Sophien-Schule die nun erfolgte schnelle Entscheidung. Zeit, um die entsprechenden Gremien oder die politischen Ansprechpartner zu konsultieren, habe man nicht mehr gehabt.

Der Auslöser des derzeitigen kirchlichen Dramas, der „desaströsen Situation“ (Erzbischof Heße) des erst 1994 wiederbegründeten Erzbistums Hamburg, ist der „katholische Schulverband“ Hamburg. Er ging aus den schon vor über 100 Jahren gegründeten Gemeindeschulen hervor und war zuletzt ein eigenständiger Träger des öffentlichen Rechts, weswegen der Schulverband auch Lehrer als Beamte einstellen konnte. So ging er unabhängig vom Bistum beispielsweise hohe Pensionsverpflichtungen und die Sorge um die baufälligen Schulimmobilien ein. Im Jahr 2015, als sich das Erzbistum noch finanziell kerngesund fühlen konnte, zeichnete sich die Überschuldung des Schulverbandes und damit die Pleite ab, die zur Schließung aller Schulen und Entlassung aller gut tausend Lehrer und Angestellten geführt hätte. In dieser Zwangssituation übernahm das Erzbistum am 1. Januar 2017 den katholischen Schulverband mit seinen mehrere hundert Millionen hohen Verpflichtungen. So ergibt sich eine derzeitige Überschuldung des Erzbistums von 79 Millionen Euro, die bis 2021 auf über 350 Millionen steigen würde, wenn „nichts geschieht“, wie es im Wirtschaftsbericht der Firma Ernst & Young heißt.

Die geäußerte Empörung über die vermeintlich allein „ökonomische Betrachtungsweise“, die Funktionäre des katholischen Elternverbandes (ked) oder des BDKJ äußerten, erscheint aus dieser Sicht höchst fadenscheinig, denn aus höchst unökonomischen Gründen hat sich das finanziell gesunde Erzbistum einen todkranken Partner ins Boot geholt und ist nun selbst auf der Sterbestation eingeliefert worden. Aus rein ökonomischer Sicht hätte das Erzbistum nie den Schulverband übernehmen dürfen. So entsteht heute die traurige Lage, dass eventuell über 50 Kirchen und Gemeindehäuser sowie viele andere soziale Einrichtungen des Erzbistums wegen des Schuldendesasters verkauft oder geschlossen werden müssen, wie unter der Hand zu erfahren ist. Auch die Zusammenlegung von bis zu zehn Pfarreien zu „pastoralen Räumen“ werde nicht ausreichen, um Pensionsverpflichtungen von über 680 Millionen Euro bezahlen zu können, heißt es. Weitere „harte Schnitte“ kündigte die Bistumsleitung an, da die bisher beschlossenen Schulschließungen bestenfalls 50 Millionen Euro einsparen können.

Der Kern des fast unlösbar scheinenden Problems der katholischen Schulen in Hamburg und des Erzbistums besteht nach der Recherche dieser Zeitung in drei grundlegenden Faktoren, die auch die derzeitigen Rettungsbemühungen seitens der Stadt und des Erzbischofs wenig perspektivreich erscheinen lassen: Erstens die nachlassende geistliche Kraft katholischer Lehrer und Eltern, zweitens der finanziell unverantwortlich gestaltete Gründungsprozess des Erzbistums beziehungsweise des Schulverbandes samt folgendem Missmanagement und drittens die grün-rote Schulpolitik der Hansestadt.

Solange die finanzielle Last und geistliche Verantwortung für die katholischen Gemeindeschulen von katholischen Eltern, Ordensgeistlichen und katholischen Lehrern getragen wurde, wie vor 100 Jahren bei der Gründung einiger der nun von Schließung bedrohten Schulen, konnte die Kirche relativ frei schalten und walten. Je näher die Schulen an die Vorgaben der staatlichen Schulpolitik in Form von Gesamtschulen - jetzt: Stadtteilschulen -, Ganztagsbetreuung und anderen Vorgaben rückte, desto mehr rutschte sie in eine finanzielle Schieflage. Der Staat erstattet den katholischen Kirchen, wie die jüngsten Zahlen zeigen, de facto nur 60 bis 65 Prozent der tatsächlichen Kosten. Daher konnte der Schulverband nicht die notwendigen Bau- und Pensionsrücklagen bilden. Diese chronische Finanzierungslücke der katholischen Privatschulen hat sich durch den Ausbau von Vormittags- zu Ganztagsschulen noch erheblich erhöht. So steigt das Defizit Jahr um Jahr. Diese in den letzten zehn Jahren vom Staat forcierte Entwicklung hätten die katholischen Schulen nie mitmachen dürfen.

Ein weiterer Faktor kommt hinzu: die fehlende Unterstützung seitens der Eltern- und Lehrerschaft. Waren die katholischen Schulen in der Vergangenheit noch weitgehend von opfer- und spendenbereiten katholischen Eltern und Lehrern, von Ordensmitgliedern wie den Jesuiten oder Herz-Jesu-Schwestern, getragen, so ging das typisch „katholische Engagement“ stetig zurück. Lehrer und Pädagogen verlangen und bekommen heute die gleichen Gehälter wie beim Staat inklusive der Beamtenversorgung. Nur ein kleinerer Teil der Elternschaft zählt sich noch zu den Mitgliedern der katholischen Kirche, geschweige denn zu den praktizierenden und spendenbereiten Katholiken. Auch von den angestellten Lehrern, Erziehern und Pädagogen wird noch nicht einmal die katholische Kirchenmitgliedschaft, sondern nur die Mitgliedschaft in einer der kirchlichen Gemeinschaften verlangt, wie eine aktuelle Stellenanzeige zeigt.

So ist das oft beschworene „katholische Profil“ der Schulen langsam, aber sicher unter die Räder gekommen. Aus den katholischen Schulen gehen nur wenig praktizierende Jugendliche, geschweige denn Ordensgeistliche oder Priesterkandidaten hervor. Die alte Regel aus der Kirchengeschichte, dass der inneren Erosion des katholischen Profils schließlich der äußere finanzielle Zerfall folgt, scheint auch hier der wahre Grund des nun beklagten Desasters zu sein.

Die Fehler im Gründungsprozess des Erzbistums 1994/95, als man vom Bistum Osnabrück offenbar zu hohe Lasten in Form von maroden Gebäuden und großen Pensionsverpflichtungen übernahm sowie den folgenden Managementfehlern, lassen heute den Ruf nach einem größeren „Lastenausgleich“ zwischen reichen und ärmeren Bistümern laut werden. Bisher gibt es hier aber noch keine konkreten Zusagen. Der Hamburger Senat in Form des Schulsenators Thies Rabe scheint den Zerfall des katholischen Schulsystems mit klammheimlicher Schadenfreude zu verfolgen. Die Finanzierung der katholischen Schulen hält er für „angemessen“, höhnte er im Hamburger Abendblatt und wirft den Bistumsverantwortlichen auch noch vor, sie hätten nicht rechtzeitig mit der staatlichen Schulverwaltung kommuniziert. Genau das Gegenteil war jedoch der Fall, wie die Bistumsleitung feststellte. Seit Juli 2017 habe man sich vergeblich um Unterstützung bemüht. Die rot-grüne Politik besteht wohl weiter darin, die politisch ungeliebten, aber bei der Bevölkerung durchaus beliebten katholischen Schulen am „langen Arm“ verhungern zu lassen.