Schnelle Feuerwehr ist das nicht

Bei der schnellen Aufklärung von Vorwürfen des sexuellen Fehlverhaltens und der Vertuschung tut sich der Vatikan noch sehr schwer. Ein Kommentar. Von Guido Horst

Vatikan-Reaktion auf Viganò-Vorwürfe
Es ist offen, was die Konferenzvorsitzenden bei ihrem Treffen im Februar außer vollmundigen Verurteilungen von Vertuschung und Missbrauch vorbringen sollen, wenn in der Sache keine Aufklärung erfolgt. Foto: Gregorio Borgia (AP)

Über 40 Tage hat der Vatikan gebraucht, um sich zu den Vorwürfen des ehemaligen Nuntius Carlo Maria Viganò zu erklären. Doch so richtig erklärt ist da nicht viel. In dem Kommuniqué, das der Vatikan am vergangenen Samstag veröffentlicht hat, wird lediglich mitgeteilt, dass Papst Franziskus eine Untersuchung aller in den vatikanischen Dikasterien liegenden Akten über den ehemaligen Kardinal Theodore McCarrick angeordnet habe und der Vatikan entsprechende Ergebnisse zu gegebener Zeit öffentlich machen werde, indem man diese in den historischen Zusammenhang stellt und objektiv bewertet.

Wie McCarrick in der Kirchenhierarchie aufsteigen konnte, bleibt weiter ungeklärt

Der Heilige Stuhl sei sich bewusst, dass bei der Prüfung der Tatsachen und Umstände Entscheidungen von damals ans Licht kommen könnten, die nicht mehr der Art und Weise entsprechen, wie man heute diese Fragen angehe. Am Sonntag dann folgte ein Offener Brief des Präfekten der Bischofskongregation an Viganò, in dem Kardinal Marc Ouellet die Vorwürfe des ehemaligen Nuntius zurückweist, aber zugibt, dass er sich heute frage, warum McCarrick trotz umlaufender Gerüchte in der Kirchenhierarchie so hoch habe aufsteigen können. Und das ist der Knackpunkt. Diese Frage ist weiter ungeklärt.

Erstaunlich ist die lange Zeit, die der Vatikan gebraucht hat, um gegen den großen Ankläger Viganò eine Strategie zu entwickeln, die eigentlich nur darin bestehen kann, „der Straße der Wahrheit zu folgen – egal wohin sie uns führt“. Das ist ein Satz von Papst Franziskus, gesprochen beim Weltfamilientreffen in Philadelphia 2015, den die Erklärung des Vatikans vom Samstag ausdrücklich zitiert.

Aufklärung in der Sache muss erfolgen

Auch hat man nicht die schnelle Feuerwehr gespielt, als man die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen aller Länder für Februar in den Vatikan einbestellte, um über die Missbrauchsskandale in der Kirche zu beraten. Das ist in gut vier Monaten – und es ist offen, was die Konferenzvorsitzenden außer vollmundigen Verurteilungen von Vertuschung und Missbrauch vorbringen sollen, wenn in der Sache keine Aufklärung erfolgt.

Auf dem Höhepunkt der Missbrauchskrise des Jahres 2010 begann das Presseamt des Vatikans recht schnell, Dokumente und Materialien über die entsprechenden Vorgänge auf seiner Homepage zu veröffentlichen. Man erfuhr damals, welcher Prälat der Glaubenskongregation welche Schritte als Anwalt der Opfer unternahm: der heutige Erzbischof Charles Scicluna von Malta. Auch als Benedikt XVI. nach dem Fall Vatileaks eine interne Untersuchung im Vatikan anordnete, wusste man zumindest die Namen der drei Ruhestands-Kardinäle, die diesem Auftrag nachkamen.

War McCarrick ein genialer Spendeneintreiber für die Kurie?

Heute weiß man nichts darüber, wer denn in der Kurie die Akten zu McCarrick sichtet und im Licht der historischen Zusammenhänge von damals objektiv bewertet. Dafür schießen Spekulationen ins Kraut, etwa darüber, dass McCarrick ein genialer Spendeneintreiber für die Kurie war und man deswegen ein Auge zugedrückt habe. Ein wenig mehr Glasnost täte dem Vatikan jetzt gut.

DT

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