Schmiererei von rechts und links

Frankreichs Kathedralen werden Zielscheiben für Extremisten. Von Alexander Brüggemann

Die Kathedrale St. Peter in Nantes ist mittlerweile wieder geöffnet. Foto: IN
Die Kathedrale St. Peter in Nantes ist mittlerweile wieder geöffnet. Foto: IN

Bonn (DT/KNA) Sie gehören zum Weltkulturerbe der UNESCO, sind so etwas wie die Aushängeschilder des abendländischen Christentums: Frankreichs Kathedralen. Doch dieser Tage drohen sie zum Austragungsort extremistischer Grabenkämpfe und politischen Vandalismus zu werden. Binnen weniger Tage wurden die gotischen Bischofskirchen von Limoges und Nantes mit Parolen beschmiert und geschändet. Im westfranzösischen Nantes kletterten in der Nacht vor einer Woche Unbekannte offenbar über ein Baugerüst ins Innere der Peter-und-Paul-Kathedrale. Ein Teil des Chorraums sowie ein erst im Mai geweihter Altar wurden verwüstet und besprayt. Obszöne Schmierereien – der Präfekt des bretonischen Departements Loire-Atlantique, Christian de Lavernee, sprach von Frauendarstellungen im Stil der zeitgeistigen „Femen“-Proteste –, Zeichnungen von Hitler-Bärten und andere Nazi-Embleme, Teufelssymbole wie die Zahl „666“ auf einem der Altäre sowie Symbole, wie sie die Gegner der kürzlich in Frankreich freigegebenen Homo-„Ehe“ benutzen. Einige Statuen und Kreuze in der Kathedrale wurden geschwärzt und verunstaltet. Die Empörung von Politik, Kirchenvertretern und Gläubigen war einhellig.

Gleichwohl rief der Bischof von Nantes, Jean-Paul James (60), zu Ruhe und Besonnenheit auf: Jenseits der Gefühle, die solche „verabscheuungswürdigen Akte“ hervorriefen, müsse ein jeder seiner Verantwortung gerecht werden, die Spannungen nicht weiter anzufeuern: „Der Glaube lehrt uns, dass die Liebe den Hass besiegt“, so James. Die Kathedrale von Nantes im spätgotischen Flamboyant-Stil gehört nicht zu den Bekanntesten Frankreichs. Allerdings besitzt sie neben bedeutenden Kunstschätzen das mit mehr als 38 Metern vierthöchste gotische Gewölbe des Landes.

Einen Tag lang blieb das entweihte Gotteshaus geschlossen und wurde von einer staatlichen Putzkolonne soweit wie möglich gereinigt. Am 9. Juni zelebrierten der Bischof, der Generalvikar und der Rektor der Kathedrale mit zahlreichen Gottesdienstteilnehmern einen Bußritus und besprengten den Altar mit Weihwasser. In der Nacht zum Freitag wurde auch die Kathedrale Saint-Etienne im zentralfranzösischen Limoges von Sprayern heimgesucht. Auf das Hauptportal der gotischen Kirche aus dem 13. Jahrhundert schmierten die unbekannten Täter die Worte „Kirchenrecht = Scharia“. Daneben, an einem Bauzaun, war zu lesen: „Für Clement, der von der braunen Pest getötet wurde“ – Anspielung auf einen militanten Linksradikalen, Clement Meric, der am Mittwoch in Paris von einem Skinhead zu Tode geprügelt wurde. Ebenso schrieben die offenbar linksradikalen Sprayer: „D. Venner, see you in hell“ (Wir treffen uns in der Hölle).

Das ist der Link zur bislang brutalsten Tat, von denen die französischen Kathedralen zuletzt heimgesucht werden: Der rechtsextreme Theoretiker Dominique Venner beging am 21. Mai vor dem Hauptaltar der Pariser Bischofskirche Notre-Dame Selbstmord. Der 78-Jährige Waffenkundler und Schriftsteller erschoss sich demonstrativ mit einem Revolver. In seinem Blog schrieb er vor seiner Selbsttötung: „Wir treten in eine Zeit ein, in der Worte durch Taten bekräftigt werden müssen“, um „die Bewusstlosen aufzuwecken“. Diese Art des vermeintlichen gesellschaftlichen Weckrufs hat zunächst vor allem eines bewirkt: Frankreichs Kathedralen sind zum Schauplatz zweifelhafter politischer Meinungskundgebungen geworden.