Schlag, Schock, Krise

Zur Missbrauchskrise in der Kirche in Chile. Von Josef Bordat, Guido Horst und Regina Einig

Chilenische Bischöfe bieten Rücktritt an
Hoffnung auf Hilfe von oben: Eine Frau zündet in der Kathedrale von Santiago de Chile eine Kerze an. Foto: dpa
Chilenische Bischöfe bieten Rücktritt an
Hoffnung auf Hilfe von oben: Eine Frau zündet in der Kathedrale von Santiago de Chile eine Kerze an. Foto: dpa

Die Vorgänge in der katholischen Kirche Chiles – das Bekanntwerden des offenbar weit verbreiteten sexuellen Missbrauchs mit 14 neuen Tatverdächtigen und des Kollektiv-Rücktritts der chilenischen Bischöfe – ziehen weitere Kreise.

Während Franziskus sich auf den Besuch einer weiteren Gruppe von Missbrauchsopfern aus Chile vorbereitet, mit der er ab Freitag drei Tage in Santa Marta verbringen wird, wartet man im Vatikan darauf, wie der Papst denn nun auf den kollektiven Rücktritt aller chilenischen Bischöfe reagiert, die nach dem Krisengipfel in Rom ihre Ämter in die Hand des Kirchenoberhaupts gelegt haben. Wie der Vatikanbeobachter Sandro Magister erfahren haben will, war der Rücktritt dann wohl doch nicht so kollektiv: Von den 31 amtierenden Bischöfen sollen der Militärbischof und Vorsitzende der Bischofskonferenz, Santiago Silva, sowie Luigi Infanti della Mora, Apostolischer Vikar von Aysen, darauf verzichtet haben, dem Papst ein Rücktrittsgesuch zu hinterlassen. Und stattdessen habe der emeritierte Bischof Juan Luis Ysern ein solches Schreiben verfasst – aus Solidarität mit seinen Mitbrüdern, obwohl ein Emeritus von nichts mehr zurücktreten kann.

Wie dem auch sei, die Chilenische Bischofskonferenz hat den Ball an Papst Franziskus zurückgespielt, und dieser muss jetzt entscheiden, wen er in seinem Amt belässt und wer einen Nachfolger erhalten soll. Dass es zwischen den Bischöfen Chiles und dem Papst nicht ganz spannungsfrei zugeht, zeigt die Forderung der Bischofskonferenz des Landes, Zugang zu dem Bericht zu erhalten, den die Sonderermittler Erzbischof Charles Scicluna und der Rechtsexperte Jordi Bertomeu im Februar bei ihren Recherchen in Chile und New York erarbeitet hatten. Eine Erneuerung der Kirche geschehe, wenn sie die Realität kenne, sagte der Konferenzvorsitzende Silva. Bislang hätten die Bischöfe den Bericht nicht im Detail einsehen können, meinte Silva nach Angaben des Nachrichtenportals ADN. Dies sei aber für eine Aufarbeitung notwendig. Zu der Gruppe von Missbrauchsopfern, die jetzt in Rom eintreffen werden, gehören fünf Priester, die in jungen Jahren von Fernando Karadima, dem damals als charismatisch geltenden Priester der Pfarrei El Bosque in Santiago de Chile, missbraucht worden sind. Der heute 87-Jährige wurde 2011 vom Vatikan verurteilt. Die fünf Priester werden von weiteren Priestern und zwei Laien begleitet, die sich in den vergangenen Jahren um Missbrauchsopfer gekümmert haben. Franziskus will mit ihnen die Messe feiern und Gruppengespräche sowie getrennte Unterhaltungen führen. Das Treffen wird wie immer in vertraulicher und nicht öffentlicher Atmosphäre stattfinden.

Viele lateinamerikanische Medien greifen den Fall auf: Die chilenische Onlinezeitung „El mostrador“ fordert unter der Überschrift „Laien an die Macht“ Konsequenzen aus dem Versagen weiter Teile der kirchlichen Hierarchie Chiles. Verantwortung wahrzunehmen bedeute letztlich, zu entscheiden, wer auf die Situation reagiere und wie Laien angemessen mit Beschlüssen umgingen, die auf einer Entscheidungsebene getroffen wurden, zu der ihnen der Zugang fehlt.

Für die peruanische Zeitung La República steht die Kirche Chiles „unter Schock“, die Weltkirche steckt „in der Krise“. Die Zeitung nimmt die Entwicklung rund um den Episkopat im südlichen Nachbarland zum Anlass, den Fall Karadima noch einmal aufzugreifen und nach dem Alltag des inzwischen 88-Jährigen zu fragen. Er lebe mittlerweile im San José-Heim der Congregatio Parvarum Sororum Senium Derelictorum – und er lebe dort, bei den „kleinen Schwestern“, nicht schlecht. Um halb neun in der Früh beginne sein Tag, mit einem Frühstück: „Joghurt, etwas Obst, Tee mit Süßstoff“ weiß La República. Die Botschaft ist klar: Angesichts des Ausmaßes der Vergehen geht es den Tätern immer noch zu gut.

Die staatliche mexikanische Nachrichtenagentur Notimex zitiert „eine ranghohe Stimme der katholischen Kirche Chiles“ zu dem Kollektivrücktritt mit den Worten: „Das, was in der vergangenen Woche beim Papst geschehen ist, soll als Beispiel genommen werden, wie seitens des Vatikan auf Missbrauchsanschuldigungen auch in anderen Ländern reagiert werden kann“ – nämlich, die Bischöfe zur Rede zu stellen. Das Rücktrittsgesuch sei ein „harter, aber notwendiger ,Schlag‘“ gewesen, um „auf dem Weg voranzugehen, der unbedingt genommen werden muss, um aus dem dunklen Loch herauszukommen, in dem wir stecken“. Es wäre nicht verwunderlich, so die anonyme Quelle, wenn der Papst in naher Zukunft auch andere, „mit ähnlichen Problemen“ belastete Bischofskonferenzen nach Rom zitierte, um mit den Hirten „in sehr offener Weise zu sprechen“ und sie „dem Gebet und der Reflexion“ anzuempfehlen.

Ähnlich kryptisch bleibt La nación – Costa Rica –, die berichtet, „kirchliche Quellen“ hätten bestätigt, dass Papst Franziskus in jedem Fall die Ablösung der Geistlichen Juan Barros Madrid (Bischof von Osorno), Horacio Valenzuela (Bischof von Talca), Tomislav Koljatic (Bischof von Linares) und Andrés Arteaga (Weihbischof von Santiago de Chile) beabsichtige. Diese vier hätte als Zöglinge des von Fernando Karadima geleiteten Exerzitienhauses der Gemeinde El Bosque in Santiago „unter dessen Einfluss“ gestanden. Die vielgelesene argentinische Zeitung Clarín rollt gleich den ganzen Fall Karadima noch einmal auf, einschließlich eines Fotos, das die vier genannten Bischöfe im Segensgestus über dem knieenden Karadima zeigt. Bis ins Jahr 1958 gingen die Taten Fernando Karadima zurück, so der Clarín, der die Opfer noch einmal ausführlich zu Wort kommen lässt, die den sexuellen Missbrauch und die Manipulation durch ihren „Padre“, denen sie ebenfalls ausgesetzt waren, detailreich schildern.

Verhältnismäßig nüchtern listet El Universo (Ecuador) die Fakten auf und enthält sich jeden Kommentars. Überhaupt werden die aktuellen Entwicklungen in Lateinamerika zwar aufgegriffen und dargelegt, substanzielle Einordnungen oder polemische Abrechnungen fehlen. Offenbar warten man ab, was einer von ihnen demnächst in der Rücktrittsangelegenheit entscheidet: Papst Franziskus ist nun am Zug.