„Schauen, was man machen kann“

Gerede über Homo-Lobbys rund um den Vatikan und zwei konkrete Namen. Von Guido Horst

Rom (DT) Noch Anfang dieser Woche hatte der Substitut im vatikanischen Staatssekretariat, Erzbischof Angelo Becciu, gegenüber der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“ das Gerede über angebliche Homo-Seilschaften im Vatikan beklagt. Er bezog sich dabei ausdrücklich auf eine Erklärung des ehemaligen Kommandanten der Schweizer Garde, Elmar Mäder, der zuvor dem Wochenblatt „Schweiz am Sonntag“ gesagt hatte, er könne aufgrund seiner Erfahrung die Existenz solcher Seilschaften im Vatikan nicht ausschließen. Mäder stand von 2002 bis 2008 der päpstlichen Schutztruppe vor. Entrüstet warnte Becciu vor anonymen Anschuldigungen. Es sei leicht, die Existenz einer solchen Lobby einfach zu behaupten, „ohne Vor- und Familiennamen zu nennen“, meinte der Erzbischof.

Kaum waren diese Worte gesprochen, konnte der Substitut gleich zwei Namen in der italienischen Presse nachlesen. Der eine lautet Nunzio Scarano. Als wegen versuchten Geldschmuggels im letzten Sommer verhafteter und dann unter Hausarrest gestellter Prälat hatte dieser vor Monaten in Italien traurige Berühmtheit erlangt – bekleidete der heute 62 Jahre alte Scarano bis vor gar nicht langer Zeit doch das einflussreiche Amt eines Rechnungsprüfers in der vatikanischen Vermögensverwaltung APSA. Vor Tagen hat die italienische Staatsanwaltschaft Scarano erneut verhaften lassen, weil weitere Straftaten wie Geldwäsche ans Licht gekommen waren. Der andere Namen lautet Luigi Noli, 55 Jahre alt, Priester und Pfarrer bei Rom und – wie sich im Zuge der Ermittlungen gegen den ehemaligen APSA-Mitarbeiter und laut abgehörten Telefonaten herausstellte – der homosexuelle Partner Scaranos. Seit dreißig Jahren sind die beiden ein Paar. Beide, der ehemalige Vatikan-Prälat und Don Luigi, hatten ein gemeinsames Liebesnest in Salerno – eine Wohnung von nicht weniger als siebenhundert Quadratmetern Fläche, vollgestopft mit Kunstschätzen und antiquarischen Wertgegenständen, die der verdutzte Fernsehzuschauer dann diese Woche im Bild bestaunen konnte. Die Kirche und ihre Prälaten... Substitut Becciu dürfte diese Berichterstattung mit bitterer Miene verfolgt haben. Scarano war alles andere als ein Unbekannter hinter den heiligen Mauern.

Der Vatikan geht jedem begründeten Verdacht nach

Gegenüber „La Repubblica“ hatte der Substitut noch erklärt, der Vatikan gehe jedem begründeten Verdacht auf eine Homosexuellen-Seilschaft nach; erst kürzlich seien „zwei Personen im Dienst der Kurie“ bei einer Überprüfung „von einem entsprechenden Verdacht vollständig entlastet“ worden. Das lehre, „dass man aufpassen sollte, bevor man solche Vorwürfe erhebt“, meinte Becciu. Papst Franziskus sei „der Erste, der Klarheit will“, und das gelte „für uns alle“. Und der Substitut fügte an: „Mein Büro steht offen. Wenn Elmar Mäder kommen und sagen will, auf wen er sich genau bezieht, stehe ich zur Verfügung.“

Nun hatte der ehemalige Garde-Kommandant aber gar keine Anklage erhoben, sondern war anonymen Beschuldigungen entgegengetreten, die zuvor ein nicht genannter ehemaliger Schweizer Gardist wiederum in der „Schweiz am Sonntag“ zum Besten gegeben hatte. Vor wenigen Wochen hatte der Ex-Gardist in dem Blatt erzählt, er sei in der Zeit des Pontifikats von Johannes Paul II. mehrfach von Geistlichen und Würdenträgern, ja auch einem Kardinal sexuell belästigt worden. Mäder warnte jetzt in diesem Zusammenhang vor „Räubergeschichten“. Die Erzählungen des Ex-Gardisten entbehrten „offensichtlich jeder tatsächlichen Grundlage“, sagte Mäder dem schweizerischen Wochenblatt. Dennoch – und das war wohl der Satz, der den Substituten empört hat – könne er die Behauptung, es gäbe ein Homosexuellen-Netzwerk im Vatikan, nicht widerlegen. „Meine Erfahrungen sprechen für die Existenz eines solchen“, fügte der Ex-Kommandant gegenüber der Zeitung hinzu. Ihm selbst bereite besonders eine mögliche Verbrüderung von Homosexuellen in der Kurie Sorge, meinte Mäder weiter. „Ich habe auch erfahren, dass viele Homosexuelle dazu neigen, untereinander loyaler zu sein als gegenüber anderen Personen oder Institutionen. Wenn diese Loyalität so weit geht, dass daraus ein Netzwerk oder gar eine Art Geheimbund wird, würde ich es in meinem Entscheidungsbereich nicht tolerieren“, meinte Mäder. Und: „Im Vatikan scheinen entscheidende Personen mittlerweile ähnlich zu denken.“

Meldungen über praktizierte Homosexualität in Kurienkreisen sind in Rom keine Seltenheit. Das Besondere war jetzt, dass sie kurz nach dem Schlagabtausch von Mäder und Becciu ein konkretes Gesicht erhielten: Das von Prälat Scarano. Und in diesem Fall geht es zusätzlich um sehr viel – schwarzes – Geld. Selbst Papst Franziskus hat die Existenz von Homo-Seilschaften bestätigt. „Es gibt sie“, hatte er am 6. Juni in einer Privataudienz gegenüber lateinamerikanischen Ordensleute bestätigt, „man muss schauen, was man machen kann.“