Schätze aus Deutschlands „heimlicher Konzilshauptstadt“

Zur Ausstellung „Erneuerung in Christus“: Das Zweite Vatikanum im Spiegel Münchener Kirchenarchive. Von Michael Karger

Er prägte die nachkonziliare Debatte in Deutschland: Julius Kardinal Döpfner. Foto: KNA
Er prägte die nachkonziliare Debatte in Deutschland: Julius Kardinal Döpfner. Foto: KNA

München (DT) Der Besucher der Konzilsausstellung in der ehemaligen Karmeliterkirche in München fühlt sich fünfzig Jahre zurückversetzt in die römische Konzilaula: Zur Rechten und Linken die Konzilsväter mit hohen Mitren und ganz vorne die Moderatoren des Konzils in Lebensgröße: Der Erzbischof von Bologna, Kardinal Lercaro, der Erzbischof von Mechelen-Brüssel, Kardinal Suenens, der Erzbischof von München und Freising Kardinal Döpfner und der eher für sich stehende Kurienkardinal Agagianian. Im Begleitband zur Ausstellung werden die von Paul VI. zu Beginn der zweiten Sitzungsperiode 1963 bestellten Moderatoren ein „schlagkräftiges kleines Gremium“ genannt. Da der Papst dem Konzils vorsteht, hätten sie eigentlich Legaten heißen müssen. Ausdrücklich wies Kardinal Döpfner damals in einem Interview auf diesen Unterschied hin, als er sagte: „Das Kollegium der Moderatoren ist eher – wenn auch vom Papst ernannt – als Organ des Konzils zu bezeichnen, das freilich dem Papst als dem eigentlichen Präsidenten des Konzils in besonderer Weise zur Seite steht.“

Damit ist man schon mitten in einem der am meisten umkämpften Themen des Konzils angekommen: Der Zuordnung von päpstlichem Primat und Kollegialität der Bischöfe. Am Beginn des Rundgangs liegt ein Faksimile-Druck der Apostolischen Konstitution zur Einberufung des Konzils durch Johannes XXIII. am 25. Januar 1959 aus dem Besitz von Kardinal Döpfner aus. Anschließend werden ausgewählte Protagonisten der Kirchenversammlung vorgestellt. Neben den Konzilspäpsten Johannes XXIII. und Paul VI. sind dies der Jesuitenpater und Kurienkardinal Augustin Bea, der Moderator Kardinal Döpfner, die beiden Konzilstheologen Pater Karl Rahner SJ und Joseph Ratzinger. Man kann den berühmten „Döpfner-Plan“ vom Juli 1963 im Original studieren. Er enthält die von Papst Paul VI. erbetenen Überlegungen zur Verbesserung der Arbeitsweise des Konzils, die dann im Herbst 1963 mit Beginn der zweiten Sitzungsperiode umgesetzt wurden. Erstaunlich ist darin die deutliche Aufforderung an den Papst, sich entsprechend dem Verhalten seines Vorgängers möglichst nicht in die inhaltliche Arbeit des Konzils einzumischen.

Dazu schreibt Döpfner an den Papst: „Bei der ersten Konzilsperiode wurde die Zurückhaltung des Papstes in der Öffentlichkeit sehr bewundert. Auch hier ist zu wünschen, dass die Linie Papst Johannes XXIII. fortgesetzt wird. Das schließt nicht aus, dass der Papst gelegentlich durch sein Eingreifen das Konzil von Hindernissen befreit, etwa wenn durch Unklarheiten der Geschäftsordnung Schwierigkeiten entstehen. Es entspricht dem Wesen des Konzils, dass der Nachfolger Petri all diese Maßnahmen trifft in enger Verbindung mit dem Kollegium der Bischöfe, das er leitet.“ Wie bekannt, hat sich Paul VI. über den Rat Döpfners hinweggesetzt, als er 1964 eine „Erläuternde Vorbemerkung“ zum Verhältnis von Primat und Kollegialität dem Text der Kirchenkonstitution hinzugefügt hat. Aus dem Besitz Kardinal Bea ist der Konzilsring ausgestellt, den jeder Konzilsvater von Paul VI. zur Erinnerung erhalten hatte. Aus dem Nachlass von Karl Rahner stammt ein Brief von Professor Ratzinger vom 19. Juni 1963. Darin bewertet der Münsteraner Dogmatiker die überarbeiteten Konzilsvorlagen. Leider sind von dem sechs Seiten umfassenden Brief nur die erste und letzte Seite zu lesen. Auch im Katalog wurde der übrige Inhalt nicht abgedruckt, sondern nur allgemein zusammengefasst.

Ebenso bedauerlich ist, dass vom sieben Seiten umfassenden Gutachten von Joseph Ratzinger über die Kapitel zur Mariologie aus der Kirchenkonstitution auch nur drei lesbar sind. Das Gutachten stammt aus dem Nachlass von Döpfner und wurde von Karl Rahner mit Anmerkungen versehen. Dem Rundgang folgend wird der Betrachter über den Konzilsverlauf, die Organisation, Arbeitsweise und Geschäftsordnung informiert. Ein kleiner Zettel mit den Namen deutscher Bischöfe, die für die Wahl in die Kommissionen vorgeschlagen werden sollten, erinnert an den ersten Paukenschlag am ersten Sitzungstag, als die Väter, angeführt von Kardinal Frings, die Wahl der Kommissionsmitglieder ohne vorherige Konsultationen untereinander ablehnten. Damit hatten die Väter der kurialen Regie die Konzilsplanung verdorben und ihre Entschlossenheit gezeigt, selbst gestaltend an den Vorlagen arbeiten zu wollen, sie zu verändern oder auch abzulehnen. Exemplarisch wird die Entstehungsgeschichte der beiden Konzilsdokumente „Lumen gentium“ und „Nostra aetate“ nachgezeichnet. Knappe Einblicke in die Pressearbeit auf dem Konzil und eine instruktive Darstellung der Umsetzung der Liturgiereform im Erzbistum München und Freising beschließen den Rundgang. Bilder aus dem Nachlass des Fotografen Bernhard Moosbrugger, der mit Mario von Galli seinerzeit die weithin bekannten Konzils-Bildbände gestaltete, erwecken die Dokumente zum Leben.

Diese erste Ausstellung, die sich in Deutschland mit dem Konzil anhand von Archivalien beschäftigt, wurde durch die Zusammenarbeit dreier Münchener Archive ermöglicht. Mit der Zusammenlegung der beiden bisherigen deutschen Ordensprovinzen der Jesuiten wurde auch ein zentrales Archiv in München eingerichtet. Es besitzt den Nachlass von Kardinal Bea, dem ersten Präsidenten des Sekretariats zur Förderung der Einheit der Christen, sowie die Nachlässe weiterer Konzilstheologen aus dem Jesuitenorden. Außerdem ist seit 2008 das Karl-Rahner-Archiv von Innsbruck nach München umgezogen und als eigenständige Abteilung dem Ordensarchiv angeschlossen.

Vom Erzbischöflichen Archiv in München werden die inzwischen vorbildlich erschlossene Konzilsakten von Kardinal Döpfner verwahrt. Darum war es nicht übertrieben, als der Münchener Archivdirektor Peter Pfister bei der Einführung in die Ausstellung von München als Deutschlands „heimlicher Konzilshauptstadt“ sprach und damit die Anregung verband, in München „nach dem Vorbild anderer Länder – das seit langem überfällige deutsche Zentrum für Konzilsforschung einzurichten“.

Den Reigen der Aufsätze im Begleitbuch eröffnet Franz Xaver Bischof mit einem Durchblick durch alle vier Sitzungsperioden zwischen 1962 und 1965. Kardinal Döpfners Wirken auf dem Konzil erschließt Stephan Mokry unter besonderer Berücksichtigung seines Anteils an der Entstehungsgeschichte der Kirchenkonstitution „Lumen gentium“. Kardinal Döpfner war an allen Phasen des Konzils beteiligt. Er war Mitglied der vorbereitenden Zentralkommission, der Koordinierungskommission des Konzils, einer der vier Moderatoren der in den Augen vieler Konzilsväter bisweilen etwas barsch bei Überschreitung der Redezeit die Ansprachen beendete oder bei zu weit vom Thema abschweifenden Ausführungen unterbrach und zur Ordnung rief.

Darüber hinaus war Döpfner als Präsident der Würzburger Synode (1971–1975) der Organisator der nachkonziliaren Kirchenstruktur in Deutschland. Es ist nicht übertrieben, wenn Pater Nikolaus Klein SJ in seinem Beitrag Kardinal Bea als „Schlüsselgestalt“ des Konzils bezeichnet. Mit seinen Stellungnahmen etwa zum Entwurf „Über die Quellen der Offenbarung“ trug Bea neben Frings wesentlich zur Ablehnung dieses Textes durch die Generalkongregation bei. Eines der Hauptargumente von Bea war, dass der traditionell lehrmäßige Entwurf nicht dem Willen des Heiligen Vaters entspreche, der doch keine Definition von Lehrinhalten und keine Verurteilungen wünsche, sondern dass das Konzil Mittel und Wege finde, wie dem heutigen Menschen der Glaube nahegebracht werden könne“.

Eine Reaktion von Johannes XXIII. auf das Vorgehen von Bea und anderer Väter hat Klein in den Tagebüchern des Papstes gefunden: „Interessant ist der Beginn der Diskussion über ,de fontibus revelationis‘. Es lässt sich eine Konfrontation voraussehen: Auf der einen Seite der Text des Entwurfes, der die präzisen Hinweise des Papstes in seinen offiziellen Reden nicht berücksichtigt, auf der anderen Seite acht Kardinäle, die sich auf diese Rede stützen und so den zentralen Gedanken des Entwurfs in Frage stellen. Möge der Herr ihnen beistehen und sie eine Übereinkunft finden lassen.“

Über den Konzilstheologen Joseph Ratzinger schreibt der wissenschaftliche Herausgeber der gesammelten Werke des Papstes Rudolf Voderholzer. Detailliert wird die Zusammenarbeit mit Kardinal Frings, dessen Berater Ratzinger vor dem Konzil und während des Konzils gewesen ist, dargestellt. Für alle Wortmeldungen von Frings in der Konzilsaula zu theologischen Grundsatzfragen sind ausgearbeitete Vorlagen von Ratzinger bekannt. Zusammen mit Rahner hat Ratzinger einen Gegenentwurf zur offiziellen Vorlage über die Offenbarung verfasst, der dann an die Väter in St. Peter verteilt wurde. Wie ein in der Ausstellung zu lesender Brief von Karl Rahner an seinen Bruder Hugo, berichtet hat diese Aktion den beiden Periti eine gehässige Aburteilung als Häretiker seitens französischer Erzkonservativer eingebracht. Nach den Forschungen von Voderholzer hat Ratzinger als Mitglied der Unterkommission der Theologischen Kommission an den Beratungen über die Kollegialität der Bischöfe teilgenommen, arbeitete er an der Verbesserung der späteren Offenbarungskonstitution „Dei Verbum“ mit und erstellte er eine theologische Grundlegung für das Missionsdekret „Ad gentes“.

Darüber hinaus war Ratzinger sowohl Berichterstatter über das Konzil in vielen Vorträgen und Publikationen und kommentierte auch die Beschlüsse wissenschaftlich. Über Rahners Anteil am Konzil berichtet der Jesuit Andreas Batlogg. Aus den Quellen wird die zermürbende Strategie des Heiligen Offiziums geschildert, die eine Teilnahme Rahners an den Beratungen in Rom unbedingt verhindern sollte. Umfassend wird Rahners Zuarbeit für seinen Konzilsvater Kardinal Franz König dargestellt. Für Rahner, Ratzinger und die anderen Theologen des Konzils gilt, was Yves Congar über die Periti gesagt hat:„In gewisser Weise ist ihre Arbeit unpersönlich geworden. Sie wurde im Dienste des Konzils geleistet und hat daher die Grenzen eines persönlichen Gedankens, einer persönlichen These gesprengt, um in die Form einer Lehre der Kirche einzugehen, wobei sie allerdings von der Fülle der Belege und Gedanken profitierte, die von der Person des Gelehrten als solcher stammten.“

Weitere Beiträge stellen die Konzilstheologen Otto Semmelroth SJ, Alois Grillmeier SJ, Johannes Hirschmann SJ und Friedrich Wulf SJ vor (Clemens Brodkorb), sowie den Münchener Kirchenrechtler Klaus Mörsdorf (Stephan Haering OSB). Auf einen Einblick in die Entstehungsgeschichte von „Nostra aetate“ (Hans Hermann Henrix) folgen noch die Entstehungsgeschichte der Liturgiekonstitution und ihre Umsetzung im Erzbistum München und Freising (Winfried Haunerland) und eine Chronologie der liturgischen Reformen (Wolfgang Steck).

Den nachkonziliaren Erschütterungen des Jesuitenordens widmet sich Pater Klaus Schatz SJ und abschließend gibt Peter Pfister einen kundigen Überblick zu den Quellen zum Konzil in deutschen Archiven. Im angefügten Katalog zur Ausstellung werden alle Exponate erfasst und fachkundig erläutert. Titel von Ausstellung und Buch „Erneuerung in Christus“ sind der Christkönigspredigt von Kardinal Döpfner von 1965 entnommen. In seinem Grußwort zur Eröffnung der Ausstellung sagte Kardinal Reinhard Marx: „50 Jahre nach dem Beginn des Konzil sind wir aufgerufen, zurückzublicken auf den Weg, den unsere Kirche seither zurückgelegt hat, aufgerufen aber auch, die Dokumente des Konzils immer wieder neu zu lesen, uns daran zu orientieren und mit ihrer Hilfe den Weg der Kirche in die Zukunft zu gestalten.“ Dazu bieten Ausstellung und Begleitband eine ausgezeichnete Hinführung.

Die Ausstellung in der ehemaligen Karmeliterkirche, Karmeliterstr. 1, Ecke Promenadeplatz, ist vom 9. Oktober bis 10. Dezember 2012 täglich von 10-18 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei.

Andreas R. Batlogg SJ, Clemens Brodkorb, Peter Pfister (Hrsg.): Erneuerung in Christus. Das Zweite Vatikanische Konzil im Spiegel Münchener Kirchenarchive. (Schriften des Archivs des Erzbistums München und Freising Band 16) Verlag Schnell und Steiner Regensburg 2012, 184 Abbildungen, 608 Seiten, gebunden, EUR 19,95