Rote Karte für Klischees

Lucetta Scaraffia widerlegt Vorurteile über die katholische Kirche. Von Katrin Krips-Schmidt

Lang ist die Liste der Vorurteile gegenüber der katholischen Kirche und ihren Gläubigen, die ahnungslose bis ignorante Zeitgenossen noch heute hegen und weiterverbreiten. Kaum auszurotten ist etwa das Klischee von der frauen- und wissenschaftsfeindlichen Kirche, die mit ihrer ewiggestrigen Gesinnung dem angeblich „moderneren“ Protestantismus nicht das Wasser reichen kann. Gar nicht zu reden von den in Diskussionen immer wieder auftauchenden monotonen Klagen über Hexenverfolgung, Inquisition und Antisemitismus der römisch-katholischen Kirche. Dem Lepanto-Verlag ist die Herausgabe der deutschen Ausgabe des im italienischen Original im Vatikan-Verlag erschienenen Werkes „La gran prostituta“ in der ausgezeichneten Übersetzung durch Claudia Reimüller zu verdanken.

Die Herausgeberin Lucetta Scaraffia, Geschichtswissenschaftlerin und Journalistin – unter anderem tätig für den Osservatore Romano – hat sieben weitere Historikerinnen versammelt, die nicht alle katholisch sind, deren Hauptaugenmerk jedoch auf der Analyse der gängigsten zehn Gemeinplätze liegt, die nicht nur innerhalb der nicht-katholischen Welt kursieren, sondern auch heute noch vielfach unter Katholiken allgegenwärtig sind. Diese Klischees „sind so verbreitet und unumstritten, dass jemand, der sich auf sie bezieht, nicht einmal eine Überprüfung vornimmt“. Die „verleumderischen Klischees“ seien „fast alle im Zuge eines zunehmenden Antiklerikalismus im 19. Jahrhundert entstanden“ und hätten „häufig eine protestantische Prägung, wie John Henry Newman in seinen 1851 verfassten Lectures on the Present Position of Catholics in England feststellt“, schreibt Scaraffia im Vorwort.

Die Intention der Autorinnen ist ausdrücklich nicht apologetischer Art, sondern steht unter einem wissenschaftlichen Anspruch, die Ressentiments und deren zugrunde liegende Ursachen auseinanderzunehmen und kritisch zu durchleuchten. Im vorliegenden Buch beschäftigt sich die Herausgeberin eingehend mit dem Zölibat und geht der Frage nach, was es mit der angeblich „größeren Modernität der Protestanten“ auf sich hat. Die Historikerin jüdischen Glaubens Anna Foa widmet sich mit ihren Texten „Antisemitismus“ und „Die Mutter aller Inquisitionen“ zwei weiteren brisanten Themen der Kirchengeschichte. Die unbeschuhte Karmelitin Cristina Dobner geht in ihrem Beitrag „Die Gläubigen sollen leiden“ dem Einwand nach, das ganze Dasein desjenigen, der sich zum Glauben an Jesus Christus bekenne, „müsse von der Neigung durchzogen sein, das Opferlamm zu spielen“ und stets Leiden und Schmerzen auf sich zu nehmen. Giulia Galeotti, Redakteurin beim Osservatore Romano, untersucht unter anderem anhand der Causa Galileo Galilei die irrigerweise immer wieder vorgebrachte „Feindseligkeit gegenüber der Wissenschaft“.

In ihrem Beitrag „Die Unterdrückung der Frauen“ rückt sie einem hartnäckigen Vorurteil zu Leibe, das sie biblisch und auch kirchenhistorisch auf 30 Seiten zerpflückt. Die Zuwendung Jesu Frauen gegenüber – „die neue Haltung Christi“ – wirkte sich schon in biblischer Zeit auf dem Schauplatz der Ehe massiv aus. Damit wurde die Kirche zur „Überbringerin einer revolutionären Auffassung des Ehebandes, indem sie Ehemann und Ehefrau auf dieselbe Stufe stellt. Sie tut dies unter anderem dadurch, dass sie beiden Eheleuten dieselbe Pflicht zur Treue abverlangt: In der Tat hat lange Zeit nur das Kirchenrecht den Ehebruch des Mannes mit den Ehebruch der Frau gleichgesetzt“, stellt Galeotti fest. Außerdem war es die Kirche, die durch ihr Pochen auf die Unauflöslichkeit der Ehe besonders und in erster Linie die Frauen schützte. Als Beschützerin der Frauen hat sie sich im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder bewährt: „Dank des Kirchenrechts wurde auch der Pflichtteil in der Erbnachfolge eingeführt, um auf diese Weise wiederum die Schwächsten – unter ihnen die Töchter – zu schützen.“

Die verschiedenen Beiträge sind trotz der anspruchsvollen Thematik gut zu lesen und seien jedem, der sich mit den – von einer säkularen Umwelt oftmals als neuralgisch empfundenen – kirchengeschichtlichen Fragestellungen vertraut machen möchte, wärmstens ans Herz gelegt.

Lucetta Scaraffia (Hrsg.): Große Hure Babylon – Zehn kirchengeschichtliche Klischees kritisch hinterfragt“.

Lepanto Verlag, 2016, 284 Seiten,

ISBN 978-3-94260514-4, EUR 16,80