Romano Guardinis Weihnachtstheologie

Grundgedanken der Weihnachtstheologie Romano Guardinis. Von Michael Karger

Jesus on the Manger
Baby Jesus resting on a manger with light from the star filters through window Foto: Gino Santa Maria (97061628)

Als junger Jesuitenpater kam einst Papst Franziskus nach Deutschland, um über Romano Guardini zu promovieren. Daraus ist irgendwie nichts geworden. Offensichtlich hat aber der Argentinier mit italienischen Eltern beim gebürtigen Italiener Guardini, der in Deutschland lehrte und in deutscher Sprache publizierte, etwas für sich und die Kirche Bedeutsames gefunden. Schauen wir einmal, was in der Weihnachtstheologie Guardinis von bleibender Bedeutsamkeit sein könnte. „Da ist ein Kind, wie Menschenkinder sonst; weint und hungert und schläft wie alle, und ist doch das ,Wort, das Fleisch geworden‘ (Johannes 1,14). Gott wohnt nicht nur in ihm, und sei es auch in aller Fülle; es ist nicht nur vom Himmlischen her angerührt, … sondern dieses Kind ist Gott, von Sein und Wesen.“

Direkt und ungeschützt bringt der katholische Religionsphilosoph Romano Guardini (1885–1968) hier das Glaubensgeheimnis der Menschwerdung Gottes auf den Punkt. Er tat dies 1937 in seinem Buch „Der Herr“. Es setzt sich aus Predigten und Betrachtungen zusammen, die Guardini ursprünglich als geistlicher Begleiter der katholischen Jugendbewegung gehalten hatte. Kann und darf Gott aber ein menschliches Schicksal haben? Ist er dann noch der absolute, freie, übergeschichtliche Gott? Für die damalige Zeit äußerst erstaunlich, hat Guardini diese Vorbehalte zugelassen: „Vielleicht empfindet jemand einen Widerstand gegen den Gedanken der Menschwerdung. Vielleicht ist er bereit, ihn als liebliches, tiefsinniges Gleichnis zu nehmen, nicht aber als wörtliche Wahrheit …“. Es folgen dann aber keine Gegenargumente, sondern die Einladung, das Geheimnis unaufgeregt zu betrachten: „In diesem Falle wollen wir ehrfürchtig sein und Geduld haben. Wir wollen dieses Herzensgeheimnis des Christentums mit ruhiger, wartender bittender Aufmerksamkeit umgehen, dann wird uns schon einmal der Sinn aufgeschlossen werden.“ Allerdings bleibt Guardini nicht beim bloßen „Ernstnehmen“ der Ablehnung des Menschwerdungsglaubens stehen. Er gibt eine stille „Weisung“ mit dem Wort: „Die Liebe tut solche Dinge“.

Zwei Jahre später hatte Guardini seinen Lehrstuhl für „katholische Weltanschauung“ in Berlin verloren und wurde von den NS-Behörden zwangspensioniert. Nach dem Krieg lehrte er von 1948 bis 1962 in München. Als Universitätsprediger zog er dort eine große Hörerschaft an. Als Guardini, einst der geistliche Führer der Jugendbewegung der Zwischenkriegszeit, 1968 starb, waren auch große Teile der katholischen akademischen Jugend vom atheistischen Gesellschaftsmodell des Kommunismus fasziniert. Zugleich war die Liturgie der Kirche, deren Symbolgehalt er in zahlreichen Büchern einer ergriffenen Leserschaft erschlossen hatte, nach dem Konzil zum Experimentierfeld und zum Schauplatz erbitterter Richtungskämpfe geworden. Auf seinem Schreibtisch hinterließ der 83-Jährige das Manuskript seines unvollendet gebliebenen letzten Buches: „Die Existenz des Christen“. Entstanden aus überarbeiteten Vorlesungen der letzten Münchener Universitätsjahre, wurde der Text erst 1976 aus dem Nachlass veröffentlicht. In diesem geistigen Vermächtnis hat Guardini seine „Weisung“ von 1937 wieder aufgenommen: „Der Gott, an den die Christen glauben ist jener, der solches tut. Die Liebe Gottes ist die Gesinnung, in welcher Gott, man möchte sagen, aus dem Schutz seiner Absolutheit heraustritt und im Menschen sich selbst einsetzt; durch die Menschwerdung in dessen Dasein tritt und die Verantwortung für seine Schuld übernimmt – so sehr, dass er aus der geschichtlichen Verwirklichung dieser Verantwortung Schicksal erfährt.“ Als Guardini starb, war er bereits weithin vergessen. Er starb aber mit der Zuversicht, dass der Menschwerdungsglaube, „das ungeheuerliche, dass Gott … in unsere Situation eingetreten ist“, nicht verschwinden wird, auch wenn dieser Glaube in einer „tiefen Krise“ steckt.

Eine Ursache dafür sah Guardini darin, dass der „Gottmensch Jesus Christus, sein Bild und das Verhältnis zu ihm weithin ins Harmlose abgeglitten“ ist. So wurde aus Jesus ein „religiöses Genie, ein Revolutionär, ein Sozialreformer, ein Menschenfreund und schließlich ein Psychopath“ gemacht. Die Überwindung der Krise beginnt für Guardini damit, dass die modernen Menschen „nicht von sich aus, von einer autonomen religiösen Erfahrung darüber urteilen, wie Gott sei, sondern von Gott her das Zeugnis empfangen, das er über sich gibt und von da aus erkennen, wie Gott ist.“

Am Anfang steht für Guardini die Offenbarungserkenntnis, dass Gott kein Prinzip, kein höchster Wert, sondern Person ist und dass sein Geschöpf, der Mensch, „nur von Gott her, vor Gott und auf Gott hin“ Person genannt werden kann.

Entscheidend ist dann die durch Christus offenbarte Wahrheit: „In Gott ist selbst Gemeinschaft“. Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist: „Der ,Monotheos‘, der bloß einpersonale Gott des Islam und der Aufklärung, ist eine Reduktion, welche die Anmaßung der menschlichen Vernunft an der Offenbarung vorgenommen hat. Ihn gibt es nicht. Der Gott, den ,es gibt‘ ist der Dreieinige.“

Zukunft hat die Kirche dann, wenn Offenbarung und Glaube „in einer Unbedingtheit gedacht und gelebt werden, welche die Verflachung der vergangenen Jahrhunderte hinter sich lässt. Wenn wir etwas gelernt haben, dann die Wahrheit, dass ein halbes Christentum nicht lohnt.“

Hier kommt Guardini nun wieder auf seine „Weisung“ zurück:

„Die Liebe tut solche Dinge“.

Als großer Pädagoge geht Guardini von einer Grunderfahrung aus: Für den Menschen bedeutet der Ernst der Liebe, „dass Einer durch seine Liebe zum Anderen Schicksal erfährt“. Was im Ernst lieben für Gott selbst bedeutet ist, „dass das Schicksal des Menschen für ihn selbst zum Schicksal wird; nicht weil er vom Menschen abhängig wäre, sondern weil sein freier Liebeswille ihn in solche Nähe zum Menschen bringt.“ Wenn die Liebe solche Dinge tut, dann macht sich darin auch „eine Unerbittlichkeit geltend, nicht der Gewalt, sondern der Verbundenheit“, die aber aus der Sicht des Liebenden nicht verhandelbar ist.

Zum Ernst der Liebe gehört, dass der Liebende wenn er sieht, dass der Geliebte einen falschen Weg geht und sich entwürdigt, dies nicht gleichgültig bedauert, sondern er empfindet im anderen sich selbst: „So kann er ihm nicht erlauben, zu tun, was er will, in Unrecht zu geraten, den Sinn seines Lebens zu vergeuden. Sobald die Liebe ernst wird, wird sie schenkend bis ins Eigenste – sie wird aber auch fordernd, nicht mit Gewalt, aber in der Gesinnung. Sie muss vom Anderen verlangen, dass es mit ihm recht werde, er sich in seiner Pflicht und seiner Würde erfülle. Sie sagt ihm: Du hast meine Liebe und damit mich selbst; aber nun hüte dich, denn du schuldest mir mich selbst, ebenso wie du mir dich schuldest.“ Wenn Gott „mit jenem Ernst liebt, der in Christus deutlich wird“ dann, so Guardini, wird dass Leben unter Umständen „ungemütlich“.

Guardinis Weihnachtstheologie lehrt die Wahrheit von der Menschwerdung des Gottessohnes, der Ernst macht mit der Liebe. Nur wer im Ernst liebt „tut solche Dinge”. Gottes Menschwerdung, sagt Guardini, „hat die Form des unscheinbaren: Die Geburt eines Kindes in einem für die große Welt bedeutungslosen Städtchen Palästinas und das Leben eines Wanderlehrers, das es als Erwachsener führen wird. Die gleiche Unauffälligkeit wiederholt sich bei jedem Menschen, zu dem die Botschaft kommt: Er hört ein Wort, liest ein Buch, bedenkt es und sagt schließlich in der Stille seines Gewissens: ,Ja‘ oder ,Nein‘.“ Mit der Glaubensentscheidung, sich selbst dem Kind in der Krippe anzuvertrauen beginnt, was die Offenbarung „Wiedergeburt” nennt, dass Erwachen dessen, was für Guardini „die Existenz des Christen“ ausmacht. Somit ist die angefangene Promotion von Papst Franziskus kein eher peinliches, biographisches Detail, sondern ein Wink des Heiligen Geistes. Im Lateinischen bedeutet „promovere“ vorwärts bewegen, fördern, befördern, aber auch offenbaren, ans Licht bringen. Mit Guardini kann die richtende Klarheit des Evangeliums für unsere Zeit ans Licht befördert werden. Zuletzt will Guardini zur Anbetung des Gottessohnes „aus der Tiefe des Herzens“ führen, zur Verherrlichung Gottes, in dem sich die Liebe offenbart, „die solche Dinge tut“.