Rom muss Klarheit schaffen

Papst Franziskus erklärt, von den Vergehen McCarricks nichts gewusst zu haben. Doch das entsprechende Dossier lag im Vatikan bereit. Von Guido Horst

Papst Franziskus zum Fall McCarrick
Der Fall McCarrick ist ein dunkler Fleck auf der Weste des Vatikan. Foto: Vatican Media (KNA)

Er ist ein dunkler Fleck auf der Weste des Vatikans: der Fall McCarrick. Und gerade in einer Zeit, in der man hinter den heiligen Mauern Wert darauf legt, dass in Sachen Missbrauch und sexueller Nötigung die Zeiten des Vertuschens und der stillen Mitwisserschaft in der Hierarchie endgültig vorbei sind – nichts Anderes wollte der Kinderschutzgipfel im Vatikan im Februar erreichen ¬, müssen Papst und Kurie peinlich genau darauf achten, selber glaubwürdig zu sein und zu bleiben.

Von McCarrick wusste ich nichts,
natürlich, nichts. Ich habe es
verschiedene Male gesagt, ich wusste nichts,
ich hatte davon keine Ahnung“
Papst Franziskus

Als Franziskus vor einer Woche im Interview mit dem mexikanischen Sender „Televisa“ gefragt wurde, was er von den Vergehen des inzwischen laisierten Ex-Kardinals gewusst habe, antwortete er: „Von McCarrick wusste ich nichts, natürlich, nichts. Ich habe es verschiedene Male gesagt, ich wusste nichts, ich hatte davon keine Ahnung.“ Dann sagte der Papst weiter – und diesen Satz unterschlug der Onlinedienst „VaticanNews“ bei der ersten Veröffentlichung des Fernsehinterviews mit „Televisa“ auf Italienisch: „Und wenn er (Vigano) sagt, er habe mit mir an jedem Tag gesprochen, dass er gekommen sei ... und ich erinnere mich nicht mehr, ob er mit mir auch darüber gesprochen hat, ob es wahr ist oder nicht. Ich habe keine Ahnung.“ Den letzten Satz des Papstes hat „VaticanNews“ wiederum auch in der ersten Fassung gebracht: „Ihr wisst, dass ich von Mc Carrick nichts wusste, sonst hätte ich nicht geschwiegen.“

Der ehemalige Nuntius und Papstankläger Carlo Maria Vigano meldete sich jetzt aus seinem Versteck und gab gegenüber „LifeSiteNews“ zu Protokoll, dass Franziskus mit dieser Aussage in dem Interview gelogen habe. In seinen Anklageschriften vom vergangenen Jahr hatte Vigano behauptet, dass der Papst ihn, als er noch Nuntius in Washington war, genauer am 23. Juni 2013, im Vatikan gefragt habe, wie denn McCarrick so sei. Und er, Vigano, habe Franziskus darauf aufmerksam gemacht, dass der ehemalige Erzbischof von Washington Vielen Leid zugefügt habe und ein Dossier der vatikanischen Bischofskongregation die Fakten dazu enthalte. Somit steht Aussage gegen Aussage. Entweder lügt Vigano, oder es lügt Franziskus – oder er hat den Inhalt des Gesprächs mit dem damaligen Nuntius tatsächlich vergessen.

McCarrick konnte unter Franziskus eine rege Reisetätigkeit entfalten

Tatsache ist, dass McCarrick unter Franziskus mit Wissen des Papstes eine rege Reisetätigkeit entfalten konnte, auch auf einer Mission in China. Schon 2008 hatte Benedikt XVI. den Kardinal angewiesen, das Priesterseminar, in dem er wohnte, zu verlassen und sich zu einem Leben in Stille und des Gebets zurückzuziehen – was ihm der damalige Nuntius in Washington, Erzbischof Pietro Sambi, auch persönlich mitgeteilt hatte. Doch McCarrick hielt sich nicht an die Auflagen – im Gegenteil, er drehte so richtig auf. Als Geldbeschaffer – für den Vatikan über die „Papal Foundation“ und für die Kirche in den Vereinigten Staaten – hatte McCarrick einen legendären Ruf. Ob ihm dieser half, seine Reisetätigkeit fortzusetzen, auch seine Besuche im Vatikan?

Nachdem Franziskus Anfang Oktober 2018 angeordnet hatte, alle in den vatikanischen Dikasterien liegenden Akten über McCarrick zu untersuchen und die entsprechenden Ergebnisse zu gegebener Zeit öffentlich zu machen, war es dann der Präfekt der Bischofskongregation, der kurz danach auf die Vorwürfe Viganos in einem Offenen Brief antwortete. Ouellet schrieb damals, dass in der Römischen Kurie Ermittlungen laufen, von denen er hoffe, dass diese „bald einen kritischen Gesamtüberblick über die Abläufe und Umstände dieses schmerzlichen Falles geben werden, damit sich solche Ereignisse in Zukunft nicht wiederholen“. Vor einer Woche hat Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin bestätigt, dass diese Untersuchungen immer noch laufen. Könnte das alles nicht etwas schneller gehen? Ist das die gebotene Klarheit und Entschiedenheit, mit den Vertuschungen der Vergangenheit aufzuräumen?