Römische Ostern

Kar- und Ostertage in der Citta Eterna in Vergangenheit und Gegenwart. Von Ulrich Nersinger

Ostern
Osterliturgie im Petersdom: Die Osterkerze steht dabei traditionell für Christus, der Alpha und Omega ist. Foto: KNA
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Osterliturgie im Petersdom: Die Osterkerze steht dabei traditionell für Christus, der Alpha und Omega ist. Foto: KNA

Wer für die Feier der Kartage und des Osterfestes günstig oder preislich akzeptabel nach Rom fliegen möchte, muss seinen Flug viele Wochen, meist aber sogar Monate zuvor buchen. Was Pilger und Touristen angeht, boomt die Ewige Stadt wie eh und je zu den Tagen des Hochfestes der Christenheit. Ist heute die Anreise nach Rom nicht selten mit Schwierigkeiten finanzieller Kalkulation verbunden, so mussten die Reisenden vergangener Jahrhunderte sich eher damit abmühen, eine Unterkunft in der Stadt am Tiber zu finden. Die Gelegenheit, die Heilige Woche gemeinsam mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche zu erleben, lockte schon im 18. und 19. Jahrhundert Gläubige wie auch Neugierige in die Ewige Stadt. Von Louis Veuillot stammt der Ausspruch: „Wenn Rom die Stadt der Seelen ist, dann fühlen sich die Seelen in Rom nie so sehr zu Hause wie gerade in der Karwoche.“ In die Liste jener, die für die Feierlichkeiten der Karwoche in Rom Bewunderung empfanden, reihten sich Berühmtheiten wie Charles Dickens, der Comte d'Espinchal, Henry Beyle-Stendhal und Hippolyte Taine ein.

Der Andrang zu den Gottesdiensten und die Nachfrage nach Eintrittskarten, um einen reservierten Platz für die Teilnahme an den Zeremonien zu erhalten, war gewaltig. So manch verbotener Obolus musste hierfür entrichtet werden. Die Versuche, einen guten Blick auf die Feierlichkeiten zu erhalten, sorgten bisweilen auch für humorvolle Kapriolen. Eine ausländische Dame hatte es, wie Charles Dickens erzählt, verstanden, sich einen guten Platz zu verschaffen. Da sie den hinter ihr Stehenden die Aussicht nahm, wurde sie zuerst mit Nadeln gestochen, und, als dies alles nichts nützte, von einem der robusten Männer ergriffen und einfach von ihrem Platz hinweggehoben.

Der französische Diplomat und Schriftsteller Henry Beyle-Stendhal schrieb an einen seiner Freunde: „Die Zeremonien der Karwoche haben mich überwältigt. Man kann sich nicht erinnern, jemals so viele Fremde in Rom gesehen zu haben. Viele von ihnen waren sogar gezwungen, nach Albano zu fahren, um ein Bett zu finden. In Rom selbst musste man einen Louis d'or zahlen, um ein ganz einfaches Zimmer zu bekommen. Mit den Mahlzeiten ist es eine höchst schwierige Sache. Die Gasthäuser sind schon von zehn Uhr morgens an so überfüllt, dass man kaum zur Türe hinein kann.“

In seiner „Italienischen Reise“ notierte Goethe unter dem Datum vom 1. März 1788: „Sonntags gingen wir in die Sixtinische Kapelle, wo der Papst mit den Kardinälen der Messe beiwohnte. Da die letzteren wegen der Fastenzeit nicht rot, sondern violett gekleidet waren, gab es ein neues Schauspiel. Das Ganze zusammen war einzig groß und doch simpel, und ich wundere mich nicht, wenn Fremde, die eben in der Karwoche, wo alles zusammentrifft, hereinkommen, sich kaum fassen können.“

In der Heiligen Woche kam in der Cappella Sixtina bei den Trauermetten Gregorio Allegris berühmtes „Miserere“ zur Aufführung. Johann Wolfgang von Goethe fand die Liturgie der Trauermetten „undenkbar schön“, und Madame de Stael wurde bei ihr von einem „süßen, reinen Gefühl“ ergriffen. Hippolyte Taine fühlte sich vom „Miserere“ so berührt, dass er „jene drei Stunden, die ich stehend warten musste“ vergaß. Chateaubriand schrieb an Frau von Récamier: „Ich beginne diesen Brief am Mittwochabend der Karwoche, soeben zurückgekehrt von der Sixtinischen Kapelle, wo ich beim Abendgottesdienst das Miserere habe singen hören. Ich erinnere mich, dass Sie einst mit mir über diese wunderbare Zeremonie gesprochen haben und deshalb war ich davon so erschüttert, wie selten in meinem Leben. Unvergleichlich ist dieses Licht, das nach und nach erstirbt, diese Schatten, die die Wunderwerke Michelangelos verhüllen, all diese auf den Knien liegenden Kardinäle und der Papst, hingestreckt zu Füßen des Altares.“

Im alten Kirchenstaat spendete der Papst am Gründonnerstag von der Loggia der vatikanischen Basilika seinen feierlichen Segen. Der Comte d'Espinchal schrieb in seinen Erinnerungen: „Und wie der Segen mit feierlicher Geste und lauter Stimme ausgesprochen wird, da donnern die Geschütze vom Kastell S. Angelo und wie ein Echo antworten ihm die Batterien der Vorwerke von den Hügeln, die die Stadt umsäumen.“ Damals begleiteten die Geschütze der Engelsburg die Feierlichkeiten des Osterfestes mit unüberhörbarer Präsenz. Zur Erteilung des päpstlichen Segens feuerte man 40, zur Ankündigung des Festes 30 und am Ostersonntag 50 Salven.

Höhepunkte des heutigen Mitfeierns des christlichen Pascha-Mysteriums in Rom sind die Palmprozession zu Beginn der Karwoche, die Chrisammesse am Gründonnerstag, die Liturgie des Karfreitags in St. Peter, das Beten des Kreuzweges mit dem Heiligen Vater beim Kolosseum, die Vigilfeier von der Auferstehung Christi in der Vatikanischen Basilika und am Ostersonntag der Empfang des Segens „urbi et orbi“. Die Tradition, dass der Papst in eigener Person am Karfreitag in und beim Kolosseum mit den Gläubigen die Via Crucis geht und betet, ist eine junge Tradition; sie wurde 1964 vom seligen Paul VI. begründet. Der heilige Johannes Paul II. sagte zur Bedeutung des Kreuzweges in den Ruinen des Amphitheaters: „Er ist ein Bekenntnis zu unserem Herrn vor aller Welt!“

Der Messe am Ostermorgen in oder vor St. Peter und die Erteilung des Segens „Urbi et Orbi“ sind um eine noch jüngere Tradition bereichert worden. Als Johannes Paul II. im Jahre 1985 dem Königreich der Niederlande einen Pastoralbesuch abstattete, wurde der erste Schritt zu einem neuen römischen Osterbrauch getan. Dem Papst war die Blumenpracht bei seinen Gottesdiensten ins Auge gefallen. Der Heilige Vater bat vor seinem Abflug ausdrücklich darum, den Verantwortlichen zu danken.

Die niederländischen Floristen zeigten sich erfreut – und erkannten ihre Chance. Als im November des Jahres der aus Oegeklooster bei Bolsward stammende und im Konzentrationslager Dachau ermordete Karmelit Titus Brandsma in Rom seliggesprochen wurde, gaben sie der Feier mit ihren Blumenarrangements einen würdigen Rahmen. Auf ein weiteres päpstliches Lob hin beschloss man 1986, erneut in den Vatikan zu kommen und den Ostersonntag zu verschönern. Aus einer einmaligen Gelegenheit wurde dann eine Tradition, die bis zum heutigen Tag andauert. „Bedankt voor de bloemen.“ Auf diese Dankesworte des Papstes freuen sich die niederländischen Katholiken jedes Jahr.

Papst Franziskus hat die Feiern des römischen Osterfestes – wie es ein Beobachter ausdrückte – „entschlackt“ und neue Schwerpunkte gesetzt. So feiert er das Abendmahl und die Fußwaschung des Gründonnerstags nicht mehr in der altehrwürdigen Lateranbasilika, sondern mit Randgruppen der Gesellschaft an für Liturgie ungewöhnlichen Orten wie Gefängnissen. Den österlichen Segen spendet er weder mit Chormantel und Mitra noch mit Rochett und Mozzetta; für die Zeremonie bedient er sich nur einer Stola. Auf Ostergrüße in einer Vielzahl von Sprachen verzichtet er. Aber er weiß auch darum, alten Traditionen eine neue Form zu geben.

Noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein konnte Rom in der Osteroktav mit einer Besonderheit aufwarten – der Weihe und Austeilung des „Agnus Dei“. Der Ursprung dieses wächsernen Medaillons reicht bis in die Frühzeit des Christentums zurück. Schon im 5. Jahrhundert wurde in Rom die Osterkerze zerstückelt und die Wachsstückchen an die Gläubigen ausgeteilt – zum Gebrauch gegen Unwetter und alle möglichen Gefahren des täglichen Lebens. Die Zerstückelung der Osterkerze wurde noch am Karsamstag vorgenommen.

Im 10. Jahrhundert fand die Verteilung der Wachsstückchen dann erst am Weißen Sonntag statt, denn es war inzwischen Usus geworden, die Kerze während aller Gottesdienste der Osteroktav anzuzünden. Da das Wachs der Osterkerze für die Vielzahl der Gläubigen nicht mehr ausreichte, begann man größere Mengen von Wachs zu weihen. Aus diesen formte man kleine Stücke und drückte ihnen ein Siegel mit dem Abbild des göttlichen Lammes – Agnus Dei – auf. Die Weihe der „Agnus Dei“ wurde seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts in der Osteroktav vorgenommen.

„Agnus Dei“ aus dem Vatikan gab es bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, dann jedoch verschwand dieser Brauch im Pontifikat Pauls VI. aus der päpstlichen Liturgie. Im Heiligen Jahr 2015–2016 nahm Papst Franziskus im Petersdom zu Christi Himmelfahrt an der Gebetswache „Tränen Trocknen“ teil. Bei der Feier überreichte er Gläubigen ein neues „Agnus Dei“. Auf der Vorderseite zeigt es das Osterlamm: „Und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen“ (Off 7,17); auf der Rückseite ist das Logo des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit eingeprägt mit dem Motto „Barmherzig wie der Vater“ (Lk 6,36). Es war der Wunsch von Papst Franziskus, dass diejenigen, die das „Agnus Dei“ bekommen, es trostbedürftigsten Menschen weitergeben, als Zeichen von Anteilnahme und Ausdruck der Barmherzigkeit, die der Vater an Ostern offenbart hat.