„Revolution der Liebe“

Mit der Eröffnungsmesse an der Copacabana beginnt der Weltjugendtag in Rio. Von Clemens Mann

Wie ein Leuchtturm ruht die Altarinsel auf dem berühmtesten Strand Brasiliens: Zur Messe strömten Jugendliche aus allen Kontinenten zusammen. Foto: dpa
Wie ein Leuchtturm ruht die Altarinsel auf dem berühmtesten Strand Brasiliens: Zur Messe strömten Jugendliche aus allen ... Foto: dpa

Rio de Janeiro (DT) „Are you ready – Seid ihr bereit?“, ruft der Moderator ein letztes Mal in die Menge. Die Pilgern jubeln. Dann geht es los. Die Band beginnt zu spielen. In grüne T-Shirts gekleidete Volontäre schultern das Weltjugendtagskreuz, das in den letzten Monaten durch die Diözesen Brasiliens und davor durch die ganze Welt gepilgert ist, und tragen es durch einen engen Korridor im Menschenmeer. Minuten später sind sie auf der in hellen Farben illuminierten Bühne angekommen, auf der sie das Weltjugendtagskreuz zur Linken des Altars aufstellen. Als sie das Kreuz aufrichten, brandet ein tosender Applaus auf. Auch die hunderte Bischöfe, die auf der Bühne Platz genommen haben, applaudieren. Es ist der erste Höhepunkt des Weltjugendtags.

Viele Pilger harrten schon seit Stunden an dem kilometerlangen Strand aus. Christliche Bands hatten in einem musikalischen Vorprogramm Stimmung gemacht. Vor der Bühne und den aufgestellten Videowänden tanzten und sangen die Pilgergruppen. Jetzt sitzen viele auf dem feuchten Sand. Graue Wolken hängen bedrohlich am dunklen Nachthimmel. Seit den frühen Morgenstunden regnet es immer wieder. Überall sieht man deshalb Pilger mit gelben oder weißen Ponchos herumlaufen. Es weht ein kräftiger Wind. Er zerrt an den am Boulevard aufgestellten Zelten. Wellen branden wuchtig an den weltberühmten Strand.

Eine Stunde vor dem Beginn des Gottesdienstes: Tausende Pilger strömen an die Copacabana. Dennoch: Der Strand füllt sich nur langsam. Eine Ursache: Die Überlastung der Metro. Drei Stunden vor Beginn des Eröffnungsgottesdienstes fuhren vom Hauptbahnhof zwischenzeitlich keine U-Bahnen mehr in den Süden Rios. Die Wartezeit überbrückten die Pilger, die in den Tunneln auf ihre Züge warteten, mit Gesängen: „Esta est la juventud del papa“, (Das ist die Jugend des Papstes) skandierte man schon auf dem Weltjugendtag 2011 im spanischen Madrid, aber auch in Rio hört man es häufig. „Ole Ola“ stimmen brasilianische Gruppen an. Später werden die Rolltreppen zu den Gleisen abgestellt und die Metro-Station gesperrt. An der Oberfläche herrscht auf dem großen Platz Chaos. Tausende versuchen mit Bussen zur Copacabana zu kommen. Es grenzt fast an ein Wunder, dass niemand überfahren wird.

Und dennoch: Trotz des Verkehrschaos und des nasskalten Wetters herrscht keine schlechte Stimmung. Im Gegenteil. Weit-räumig ist die Avenida Atlantica, die von Norden nach Süden am Strand entlangläuft, abgesperrt. Polizisten und Soldaten haben Stellung bezogen an den Zufahrtsstraßen. Auf dem Prachtboulevards auf dem normalerweise Taxis, Autos und Busse im Sekundentakt vorbeidonnern und Touristen vorbeiflanieren, strömen nun die Weltjugendtagspilger Richtung Norden der Altarinsel zu. In langen Schlangen ziehen größere Gruppen vorbei. Das Gelb und Grün der brasilianischen Flagge dominieren, aber auch die Farben anderer lateinamerikanischer Länder wie Argentinien, Chile und Bolivien stechen aus dem Fahnenmeer hervor. Zum ersten Mal wird die Internationalität und Weite der katholischen Kirche sichtbar. Strandverkäufer laufen auf und ab und bewerben lautstark ihre Produkte. Kitschig blickende Imitate des Cristo Redentor, der weltberühmten dreißig Meter hohen Christusstatue auf dem Corcovado, gibt es genauso zu kaufen wie T-Shirts, Ponchos, Hüte und Leuchtstäbe. Jugendliche lassen sich mit einem Papstdouble fotografieren. Mit dem Beginn des Rosenkranzes, teilweise auch auf Deutsch vorgebetet, bereiten sich viele auf den Gottesdienst vor.

In seiner Predigt ermutigt der Kardinal von Rio de Janeiro, Orani Joao Tempesta OCist, die Jugendlichen, ihrer Berufung zu folgen: „Wir sind dazu berufen, Protagonisten einer neuen Welt zu sein. Ich bin davon überzeugt, dass ihr das in eurer Heimat tut. Die Welt braucht Jugendliche wie euch!“ Mit Blick auf das „Jahr des Glaubens“ erinnert der Erzbischof die Jugendlichen an ihre Taufe und lädt sei ein, ihre Aufgaben in der Gemeinschaft der Christen zu erfüllen. In einer Zeitenwende voller Fragestellungen seien sie gefordert, den Enthusiasmus der vom Heiligen Geist geführten Gläubigen vorzuleben. Mit Nachdruck lädt Kardinal Tempesta die Jugendlichen ein, sich dem Nächsten zuzuwenden und spricht wörtlich von einer „Revolution der Liebe“. Jeder solle spüren, dass Christus ihn angenommen habe: „Wir sind dazu berufen, eine Welt der Brüder aufzubauen“.

Angela aus dem Bistum Hildesheim freut sich, dass der Weltjugendtag jetzt endlich losgeht: „Ich freue mich total! Das ist jetzt mein vierter Weltjugendtag. Als in Madrid verkündet wurde, dass der nächste in Rio stattfindet, habe ich alles darangesetzt, hier dabei zu sein.“ Es fühle sich nach einer ereignisreichen „Woche der Mission“ noch sehr ungewohnt an, in Rio zu sein.

„Die Brasilianer haben schon immer bei den Weltjugendtagen eine prägende Rolle gespielt: Ihre Stimmung, ihre Gesänge, ihre Tänze durch die Straßen. Mit ihnen jetzt in ihrer Heimat diesen Weltjugendtag zu feiern, ist schon etwas Besonderes.“