Religiöse Spurensuche auf dem tridentinischen Kontinent

50 Jahre Adveniat: Die Kölner Diözesanbibliothek beleuchtet die „Geschichte der Kirche in Lateinamerika“. Von Regina Einig

Frau für alle Lebenslagen und Altersgruppen: Das Gnadenbild von Guadalupe. Foto: Erzbistum Köln
Frau für alle Lebenslagen und Altersgruppen: Das Gnadenbild von Guadalupe. Foto: Erzbistum Köln

Köln (DT) Die Bandbreite der Exponate dokumentiert die Früchte der Gelehrsamkeit und geschickter Finger: Bücher, Landkarten, aufwändig gearbeitete Paramente, Kunsthandwerk und Comics veranschaulichen in der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek in Köln die Geschichte der katholischen Kirche in Lateinamerika. Insgesamt 290 Exponate sind zu sehen, darunter Kostbarkeiten der missionswissenschaftlichen Abteilungen der Walberberger Klosterbibliothek.

Zu Beginn erwartet den Besucher ein Modell der Kolumbus-Flotte. Auf die Entdeckungsfahrten des Genueser Seefahrers folgten die Mühen der Mission: Ein winziger Bilderkatechismus und eine mit pastellfarbenen Blumen und Vögeln bestickte Baßgeige zeugen von der kaum zu überbietenden Kreativität der indigenen Bevölkerung. Ein 1657 in Köln angefertigtes hölzernes Reliquiar für einen Rosenkranz des heiligen Franz Xaver (1506–1552) erinnert an das Engagement, das man Missionsgebieten in fernen Erdteilen in der Domstadt traditionell entgegenbringt. Der frühere Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Höffner befasste sich wissenschaftlich mit der Frage der Menschenwürde und der Kolonialisierung. Von der transatlantischen Leuchtkraft Kölner Heiliger zeugen Aufnahmen eines Dreikönigssanktuariums auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán.

Wie jung die Kirche in Lateinamerika ist, geht aus den das Zeitempfinden europäischer Archivare fast druckfrisch anmutenden Dokumenten hervor: Die Ernennungsurkunde für den ersten Bischof im peruanischen Huancavelica datiert vom 6. Juli 1945. Schriftsatz und graphische Gestaltung der Urkunden verraten den europäischen Einfluss auf die Buchdruckkunst in der Neuen Welt. Eine Augenweide sind die Dokumente der mexikanischen Provinzkonzilien.

Wie leicht die Grenzen zwischen Kunsthandwerk und Kitsch verschwimmen, zeigt die Abteilung Heiligenverehrung am Beispiel der heiligen Rosa von Lima (1586–1617) und des heiligen Martin von Porres (1579–1639).

Geradezu aufklärerischer Wert besitzt die Comicsammlung. „Der Sonnentempel“ aus der Reihe „Tim und Struppi“ belegt hartnäckige Überlegenheitsgefühle seitens der Europäer – und das sicher nicht seitens der katholischen Kirche.

Bei der Eröffnung der Ausstellung am Donnerstag unterstrich der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner die Bedeutung der Volksfrömmigkeit für den „marianischen“ und bis heute leidgeprüften Kontinent. Nicht nur die Begegnung mit den spanischen Eroberern bedeutete für die indigene Bevölkerung eine harte Prüfung. Zeiten der Verfolgung setzten den lateinamerikanischen Katholiken sowohl im neunzehnten als auch im zwanzigsten Jahrhundert zu. In Kuba enthalten die kommunistischen Machthaber die Christen bis heute Religionsfreiheit vor. Eine Quelle religiöser Widerstandskraft bleibt die Marienverehrung der Kirche in Lateinamerika. Als „wahre Befreierin“ werde die Mutter Jesu im mexikanischen Guadalupe verehrt, hob Kardinal Meisner hervor. Zugleich zog er eine kritische Bilanz der Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil: Wo die Volksfrömmigkeit seither zurückgegangen sei, hätten sich Sekten eingenistet. Dass die nachkonziliare Geschichte der Kirche Lateinamerikas nördlich der Alpen nahezu reflexartig mit dem Schlagwort Befreiungstheologie in Verbindung gebracht wird, ist ein unumstößliches Faktum. Das Pontifikat Johannes Pauls II. auf die Auseinandersetzungen zwischen Rom und dem marxistisch einfärbten Flügel der Befreiungstheologie zu verkürzen, wäre jedoch eine verzerrte Perspektive. Kardinal Meisner erinnerte an den ersten Besuch seines seligen Freundes in Mexiko im Jahr 1979. Priestern und Ordensleuten war es dort damals noch verboten, in der Öffentlichkeit Soutane oder Habit zu tragen. In seinen weißen Talar gekleidet, widersetzte sich Johannes Paul II. dem Gesetz, das wenige Jahre später abgeschafft wurde. Tribut zollte der Kardinal auch der ansteckenden Glaubensfreude der lateinamerikanischen Katholiken. Er selbst sei stets beschenkt von seinen Reisen auf den Kontinent zurückgekommen.

Vom persönlichen Faible des seligen Papstes für Lateinamerika zeugt die bunte Fülle der Briefmarken, die lateinamerikanische Staaten dem polnischen Papst widmeten. Insbesondere Mexiko galt als sein „Lieblingsland“. Fünfmal besuchte er die Heimat des heiligen Juan Diego (1474–1548). Welch starkes Band die Marienverehrung zwischen Katholiken unterschiedlicher Kulturkreise knüpfen kann, das verkörperte kein Katholik des 20. Jahrhunderts besser als der Pontifex selbst: Er sprach den Seher der Marienerscheinung von Guadalupe heilig und stärkte mit seinen Pastoralreisen das Selbstbewusstsein der indigenen Bevölkerung. Die sprichwörtliche „Papstferne“, die der Historiker Heinz Finger in einem kurzweiligen Vortrag der Kirche Lateinamerikas für das sechzehnte Jahrhundert bescheinigte, war da längst Geschichte.

Höchste Bedeutung für den Subkontinent maß Finger dem Konzil von Trient bei. Mit vollem Recht werde Lateinamerika als der „tridentinische Kontinent“ bezeichnet, so der Historiker und begründete diese These mit der zeitnahen Umsetzung der Beschlüsse „bis zum letzten Jota“. Demgegenüber hätten die meisten Ortskirchen Europas zunächst nur die Glaubensentscheidungen angenommen.

Die hochinformative Schau ist die bisher umfangreichste in der Diözesanbibliothek. Sie überzeugt als rundherum gelungener Einstand für die frisch renovierte Bibliothek, deren Räume dem Besucher nun nach mehr als einem Jahr Renovierungszeit wieder uneingeschränkt zugänglich sind.

Die Ausstellung ist bis zum 20. April in der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek im Maternushaus in der Kardinal-Frings-Straße 1–3 zu sehen. Geöffnet ist die Ausstellung montags, dienstags, mittwochs und freitags von 9 bis 17 Uhr und donnerstags von 12 bis 19 Uhr. Ausstellungskatalog in der Bibliothek erhältlich.