Reformen ja – aber welche?: Agenda

Aus den Reihen der deutschen Bischöfe kommen Vorschläge, über die kirchliche Lehre und Disziplin nachzudenken. Von Helmut Hoping

Die von den deutschen Bischöfen in Auftrag gegebenen Studie zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker in der katholischen Kirche (MHG-Studie) lässt, bei aller Kritik an Forschungsdesign und wissenschaftlicher Methodik, das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs erahnen. Die Kleriker, bei denen Hinweise auf sexuellen Missbrauch an Minderjährigen gefunden wurden, sind fast ausnahmslos Priester (98,6 Prozent). Es wurden über 38 000 Personal- und Handakten ausgewertet. Der relative Anteil der beschuldigten Diakone betrug 1,0 Prozent, bei den Priestern waren es dagegen 4,4 Prozent. Die Studie erklärt sich das damit, dass Ständige Diakone in der Regel verheiratet sind.

Jahrzehntelang war es üblich, Priester bei sexuellem Missbrauch von Minderjährigen einfach zu versetzen oder in eine andere Diözese zu bringen, wo sie weiterhin eine mögliche Gefahr darstellten. Bei den kirchlichen Sanktionen, die bei schwerem sexuellem Missbrauch verhängt wurden, waren Laisierungen selten. Bis heute folgen sie keinen allgemein verbindlichen Kriterien. Statt der Entlassung aus dem Priesterstand wurden zumeist weichere Strafen verhängt, etwa das Verbot, öffentlich die Messe zu feiern und die Sakramente zu spenden. Vom international anerkannten Rechtshistoriker und Kanonisten Peter Landau kommt inzwischen die Forderung nach Exkommunikation.

Da es bei sexuellem Missbrauch keine Anzeigepflicht gibt, haben sich Bischöfe, die es unterließen, bei sexuellem Missbrauch durch Priester die Strafverfolgungsbehörden einzuschalten, nicht strafbar gemacht. Das ganze System des Vertuschens sexuellen Missbrauchs muss man zumindest im moralischen Sinne als kriminell bezeichnen. Auf die Frage, ob einer der Diözesanbischöfe, die in Fulda an der Herbstvollversammlung teilnahmen, aufgrund persönlicher Schuld oder Übernahme von Verantwortung erwogen habe, seinen Amtsverzicht anzubieten, antwortete Reinhard Kardinal Marx mit einem lapidaren „Nein“. Das von Papst Franziskus angekündigte Tribunal, vor dem sich Bischöfe bei Vertuschung von sexuellem Missbrauch durch Priester zu verantworten haben, existiert bis heute nicht.

Die Opfer sexuellen Missbrauchs sind zum größten Teil männlichen Geschlechts, der Anteil bei den ausgewerteten Personal- akten, Interviews und Strafakten bewegt sich nach der MHG-Studie zwischen 62,8 Prozent und 80,2 Prozent. Das entspricht in etwa dem Befund vergleichbarer Studien, zum Beispiel der Studie des John Jay College of Criminal Justice (2003–2004) und dem Bericht der Grand Jury in Pennsylvania (2018). Wenn die Erzdiözese Freiburg nun eigene Zahlen veröffentlicht, wonach knapp mehrheitlich Mädchen Opfer sexuellen Missbrauchs durch Kleriker wurden, so ist das eine erstaunliche Abweichung vom Befund der MHG-Studie und anderer Studien.

Die Psychologen Giovanni Cucci SJ und Hans Zollner SJ von der Päpstlichen Universität Gregoriana, die sich intensiv mit sexuellem Missbrauch durch Priester beschäftigt haben, stellen fest: „Was den Missbrauch von Minderjährigen angeht, ist der homosexuelle Missbrauch von Jugendlichen durch Priester zahlenmäßig das weitaus größte Problem. Dies wird noch deutlicher, wenn man die Zahlen für die Gesamtbevölkerung vergleicht: Dort überwiegt bei weitem der Missbrauch von (pubertierenden) Mädchen“ (Ordenskorrespondenz 2010).

Für die Forscher der MHG-Studie besteht kein ursächlicher Zusammenhang von Homosexualität und sexuellem Missbrauch: „Homosexualität ist kein Risikofaktor für sexuellen Missbrauch.“ Das ist in dieser allgemeinen Form natürlich richtig und gilt ebenso für Heterosexualität. Fakt aber ist, dass wir es bei sexuellem Missbrauch durch Priester in den meisten Fällen mit erzwungenen homosexuellen Handlungen zu tun haben. Es ist umstritten, woran das liegt. Die MHG-Studie betrachtet verdrängte Sexualität, klerikale Machtstrukturen, die katholische Sexualmoral und das Verbot, homosexuelle Männer zu Priestern zu weihen, als mögliche Risikofaktoren. Sie empfiehlt daher den Bischöfen, „sich damit zu beschäftigen, welche Bedeutung den spezifischen Vorstellungen der katholischen Sexualmoral zu Homosexualität im Kontext des sexuellen Missbrauchs zukommt. Die grundsätzlich ablehnende Haltung der katholischen Kirche zur Weihe Homosexueller ist dringend zu überdenken.“

Es ist bekannt, dass das Verbot der Weihe von Männern mit klarer homosexueller Präferenz, das durch ein von Papst Franziskus approbiertes Schreiben der Kleruskongregation vor zwei Jahren noch einmal bekräftigt wurde, vielfach nicht eingehalten wird. Der Münchener Generalvikar Peter Beer erklärt in einem Interview zur Missbrauchsstudie: „Es gibt schwule Geistliche genauso wie schwule Mitarbeiter und lesbische Mitarbeiterinnen in allen Bereichen kirchlichen Handelns.“ Doch kann man das miteinander vergleichen? Inzwischen wissen wir, dass es unter den „schwulen Geistlichen“ auch Bischöfe und Kardinäle gibt.

Jeder von ihnen hat bei seiner Weihe zum Diakon vor Gott und der Kirche versprochen, ehelos zu leben, also auf Familie und Kinder zu verzichten, und hat sich zu vollkommener sexueller Enthaltsamkeit verpflichtet. Der Zölibat geht zurück auf die frei gewählte Lebensform der Ehelosigkeit „um des Himmelreiches willen“. Eine Ehe gibt es nach katholischem Eheverständnis aber nur zwischen einem Mann und einer Frau. Eine gleichgeschlechtliche Ehe lehnt die katholische Kirche ab. Mit dem performativen Widerspruch, homosexuellen Priesterkandidaten bei ihrer Weihe das Versprechen abzunehmen, ehelos zu leben, scheint man sich nicht nur in München abgefunden zu haben. Es ist auch wenig wahrscheinlich, dass ein Bischof schon bald offen das katholische Eheverständnis in Frage stellen wird oder sich stattdessen entschließt, homosexuellen Priesterkandidaten bei ihrer Weihe das Versprechen abzunehmen, ihre Homosexualität nicht zu praktizieren.

Zum Zölibat heißt es in der MHG-Studie: „Der Zölibat ist eo ipso kein Risikofaktor für sexuellen Missbrauch. Die Verpflichtung zu einer zölibatären Lebensführung erfordert aber eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Emotionalität, Erotik und Sexualität. Ein vorwiegend theologischer und pastoraler Umgang mit diesen Entwicklungsanforderungen ist nicht ausreichend. Diese Auseinandersetzung erfordert vielmehr eine themengerechte, lebenslange professionelle Begleitung und Unterstutzung.“

Die Forscher der MHG-Studie fordern nicht wie der Bericht der australischen „Royal Commission“ (2017) zum sexuellen Missbrauch die Abschaffung des Zölibats. Allerdings scheint den Forschern der MHG-Studie die zölibatäre Lebensform besonders risikoanfällig zu sein: „Auch wenn die Verpflichtung zum Zölibat sicherlich keine alleinige Erklärung für sexuelle Missbrauchshandlungen an Minderjährigen sein kann“, so lege der Befund, dass der Anteil der beschuldigten Diakone deutlich geringer sei, doch nahe, „sich mit der Frage zu befassen, in welcher Weise der Zölibat für bestimmte Personengruppen in spezifischen Konstellationen ein möglicher Risikofakt für sexuelle Missbrauchshandlungen sein kann“. Dagegen heißt es in der forensischen Studie „Sexuelle Übergriffe durch katholische Geistliche in Deutschland (2000–2012) von Norbert Leygraf unter anderem: „Man mag dem Zölibat kritisch gegenüberstehen, aber eine Koppelung der Debatten um sexuellem Missbrauch durch Geistliche und dem Zölibat entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Grundlage.“

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Laienverbünde und eine Reihe von Theologen nutzen den Missbrauchs- skandal, um die Abschaffung des Zölibats und eine Änderung der kirchlichen Sexualmoral durchzusetzen (damit verbinden sie auch die bekannte Forderung nach Frauenordination). Doch was soll an die Stelle des Zölibats treten: die Wahl zwischen Ehe und Zölibat, oder eine Entkoppelung von Lebensform und geistlichem Amt, wie wir sie aus den meisten evangelischen Kirchen kennen? Während Peter Kohlgraf, Bischof von Mainz, inzwischen offen darüber nachdenkt, den Pflichtzölibat abzuschaffen (bei seinem Amtsantritt hatte er noch erklärt, dass er bleiben werde), verteidigt Bischof Stephan Oster von Passau die Verbindung von Priesteramt und Zölibat, von der das Zweite Vatikanische Konzil sagt, sie sei zwar „nicht vom Wesen des Priestertum gefordert, [...] jedoch in vielfacher Hinsicht dem Priestertum angemessen“ (PO 16).

Wie immer die Diskussion über Priesteramt, Homosexualität und Zölibat unter den Bischöfen weitergeht – in jedem Fall müssen alle erforderlichen Maßnahmen ergriffen werden, die sexuellen Missbrauch durch Priester wirksam verhindern können. Da Priester keine asexuellen Wesen sind, ist dem Thema Sexualität in der Priesterausbildung ein weitaus größerer Raum zu geben als bislang. Es muss in der Seminarausbildung offener und intensiver über Sexualität und Zölibat gesprochen werden. Der Zölibat darf nicht eine Flucht vor der eigenen Sexualität und der Welt sein. Der Zölibat muss in voller Freiheit übernommen und innerlich bejaht werden. Da der Zölibat eine lebenslange Aufgabe ist, muss auch darüber nachgedacht werden, wie man den Priestern auf ihrem Weg der Nachfolge helfen kann, den Zölibat besser zu leben.

Schließlich darf man nicht die Augen vor der Realität des priesterlichen Lebens verschließen. Sicherlich, wir haben viele Priester, die pastoral segensreich wirken und ihrem Versprechen, zölibatär zu leben, treu bleiben. Auf der anderen Seite sind sexuell aktive Priester ebenso wenig Einzelfälle wie Priesterkonkubinate, die geduldet werden, sofern sie nicht allzu öffentlich sind. Nicht nur das Vertuschen sexualisierter Gewalt, auch Heuchelei (1 Petrus 2,1) gefährdet die Glaubwürdigkeit der Kirche. Im lateinischen Text steht an der angegebenen Bibelstelle das treffende Wort simulatio.

Es ist an der Zeit, dass sich die Bischöfe beim Thema Priesteramt und Sexualität radikal und umfassend ehrlich machen.