„Positionen und Auseinandersetzungen nachvollziehbar machen“

Die Akten des Konzils von Ephesus werden an der Universität Bonn übersetzt und kommentiert – Ein Gespräch mit Wolfram Kinzig. Von Barbara Stühlmeyer

Die frühchristlichen theologischen Dispute über die Muttergottes prägten die Marienverehrung. Im Bild die Gottesgebäreri... Foto: IN

Über die Frage, ob Maria die Gottesgebärerin sei, wurde in der Spätantike gestritten. Das Konzil von Ephesus befasste sich 431 damit. Die Übersetzung und Kommentierung der Konzilsakten haben sich evangelische Theologen und klassische Philologen der Universität Bonn zum Ziel gesetzt. Darüber sprach Barbara Stühlmeyer mit Wolfram Kinzig, seit 1995 Professor für Kirchengeschichte mit dem Schwerpunkt Alte Kirchengeschichte an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Sie sind Projektleiter für die Übersetzung der Akten des Konzils von Ephesus. Worum geht es bei diesem Projekt?

Einer der zentralen Punkte des im Jahre 431 abgehaltenen Konzils von Ephesus war die Frage, ob Maria, die Mutter Jesu, „Gottesgebärerin“ sei (so der Patriarch von Alexandrien, Kyrill) oder ob man sie lediglich „Christusgebärerin“ nennen dürfe (so Nestorius, Patriarch von Konstantinopel). Dahinter verbirgt sich die weitergehende Frage, inwiefern Jesus Christus in der Inkarnation Mensch wurde und wie sich dieses Menschsein zu seinem Gottsein verhält. Die erste Phase dieses christologischen Streites, die in dem zu seiner Schlichtung einberufenen Konzil (dem III. Ökumenischen Konzil) gipfelte, ist in zahlreichen Dokumenten überliefert, die in der heute maßgeblichen Textausgabe knapp 1 800 Seiten auf Griechisch und Latein füllen. Sie geben uns einen faszinierenden Einblick, wie die strittigen theologischen Fragen auf dem Konzil verhandelt wurden und warum die Versammlung in zwei Teilkonzile zerfiel, die sich gegenseitig verurteilten. Diese Dokumente gilt es erstmals vollständig in eine moderne Sprache zu übersetzen, zu kommentieren und sie vor allem auch zum ersten Mal in eine Anordnung zu bringen, die den Ablauf der Geschehnisse in seiner Chronologie transparent macht.

Welche neuen Einsichten erwarten Sie von der chronologischen Übersetzung sämtlicher Dokumente?

Die angestrebte kommentierte Übersetzung soll zunächst den Zugang zu dem umfangreichen Textmaterial deutlich erleichtern. Auch der des Griechischen und Lateinischen nicht kundige Leser soll bei der Lektüre den Hergang der Auseinandersetzungen unmittelbar nachvollziehen können. Durch die Erschließung wird, zweitens, deutlich, wie Reichskonzilien gearbeitet haben: wer sie einberief und die Tagesordnung erstellte, wie die Verhandlungen protokolliert wurden, und auf welchen Wegen man am Ende zu den (natürlich bereits bekannten) Entscheidungen kam. Drittens werden die Debatten im Hinblick auf die zur Verhandlung stehenden theologischen Fragen transparent: Welcher Bischof, welcher Theologe hat wann was gesagt? Wer dominierte die Diskussion? Welche Argumente führten am Ende zu den Beschlüssen?

Welchen Stellenwert hatte die Frage, ob Maria zu Recht als Gottesgebärerin bezeichnet werden könne, damals für die Konzilstheologen?

Die Frage mag uns heute für sich genommen eher haarspalterisch erscheinen, doch sie ist Teil eines tiefergreifenden theologischen Problems und war daher damals von großer Bedeutung. Das zentrale Problem ist die Frage danach, in welchem Verhältnis die göttlichen und menschlichen „Anteile“ (theologisch: „Naturen“), die Jesus Christus den Schriften des Neuen Testaments nach in sich bergen muss, zueinander stehen. Muss man diese als eher getrennt oder eher als vereint verstehen? Sind sie, im Bezug auf Ephesus gesprochen, so weit getrennt, dass man sagen muss, Maria kann bloß für den Menschen Jesus Christus die Mutterschaft zugesprochen werden, oder sind sie in solchem Maße vereint, dass eine solche Aufteilung der Person Jesu Christi häretisch wäre?

Warum wurde die Frage so kontrovers diskutiert?

Es ging darum, sowohl den Aussagen der Heiligen Schrift gerecht zu werden, denen zufolge Jesus Christus menschlichen Nöten und Bedürfnissen unterlag, als auch daran festzuhalten, dass in Christus Gott die gesamte Menschheit gerettet hat.

Was wären die Folgen gewesen, wenn das Konzil anders entschieden hätte?

Diese Frage ist natürlich hoch spekulativ, zumal das Konzil von Ephesus ja auch nicht den Endpunkt der christologischen Streitigkeiten markierte, sondern nur einen Ausschnitt daraus darstellt. Die dort getroffenen Entscheidungen hätten also durchaus auch wieder rückgängig gemacht werden können, wie es beim Zweiten Konzil von Ephesus von 449 unter fragwürdigen Umständen der Fall gewesen ist. Hätte sich aber die Ansicht des Nestorius, dass Maria nur als Christusgebärerin zu bezeichnen sei, dauerhaft durchgesetzt, hätte sich vermutlich eine andere Form der Marienverehrung entwickelt. Auch wäre es zu massiven Rissen in der Kirche gekommen, die wahrscheinlich tiefer gewesen wären, als sie ohnehin bereits auftraten.

Welche Schwerpunkte werden Sie bei den im Kommentar zur geplanten Übersetzung behandelten historischen, geistesgeschichtlichen und theologischen Fragen setzen?

Die theologischen Fragestellungen werden natürlich schwerpunktmäßig darauf abzielen, die Positionen und die Auseinandersetzungen beider Konfliktparteien geistes- und theologiegeschichtlich nachvollziehbar zu machen. In historischer Hinsicht wird es wichtig sein, dem Benutzer der geplanten Ausgabe ein solides Hintergrundwissen an die Hand zu geben: Wer waren die beteiligten Personen? Welche Ämter hatten sie inne? Welche Machtbefugnisse hatten sie? Es sollen aber auch philologische Fragen erörtert werden. Wenn beispielsweise Texte in mehreren voneinander abweichenden Fassungen vorliegen, sollen diese Varianten im Kommentar erläutert werden.

Welche Frage hätten Sie den Konzilsvätern gestellt, wenn Sie am Konzil von Ephesus hätten teilnehmen können?

Da gibt es für jemanden, der sich schon seit langem intensiv mit dieser Periode auseinandersetzt, natürlich Hunderte von Fragen, die man gerne loswerden möchte. Vielleicht würde ich aber derzeit tatsächlich am liebsten Kyrill von Alexandrien, dem Wortführer der Gottesgebärerin-Fraktion, ein paar kritische Fragen zu seinem durchaus fragwürdigen und moralisch anfechtbaren Verhalten in dieser Angelegenheit stellen und mit ihm auch theologisch diskutieren wollen.

Wie schätzen Sie die Bedeutung und die Auswirkung dieses Konzils ein?

Das Konzil von Ephesus mit seinen dramatischen Auseinandersetzungen ist, wie schon angedeutet, nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu einer verbindlichen Lösung des Problems. Das Verhältnis der Naturen Christi zueinander wurde erst auf dem Konzil von Chalkedon (dem IV. Ökumenischen Konzil) 451 dogmatisch definiert und auch dann nicht von allen Christen akzeptiert. Allerdings stellt Ephesus durchaus eine wichtige Etappe auf diesem Weg dar. Die dort gefassten Beschlüsse wurden in der Präambel zur Schlussformel von Chalcedon ausdrücklich bestätigt.