Portrait der Woche: Der heilige Johannes Paul II.

Die attackierte Autorität. Von Stefan Meetschen

Der heilige Johannes Paul II.

Im nächsten Jahr steht sein 100. Geburtstag an, doch die Vorfreude darauf ist in Polen derzeit etwas getrübt. Fünf Jahre nach der Heiligsprechung von Johannes Paul II. ist man in der Heimat erschüttert, dass seine Reputation im Zusammenhang mit den kirchlichen Missbrauchsfällen angezweifelt wird. Hat der Mann aus Wadowice während seines Pontifikats (1978–2005) Taten vertuscht und Täter gedeckt?

Der frühere Sekretär des Papstes, Kardinal Stanis³aw Dziwisz, und der Pressesprecher der Polnischen Bischofskonferenz, Pawe³ Rytel-Andrianik, tun alles, um derartige Verdächtigungen auszuräumen (siehe DT vom 14. Februar, S. 12). Gegenüber säkularen Medienvertretern erinnert der Sprecher an das Motu proprio „Sacramentorum sanctitatis tutela“, mit dem der polnische Papst das Thema Missbrauch bereits 2001 von der Diözesanebene auf die globale Ebene hob. Außerdem machte Johannes Paul II. bereits im April 2002 gegenüber Vertretern des amerikanischen Episkopats deutlich, dass es „in den Reihen der Kleriker und im religiösen Leben keinen Platz für diejenigen gibt, die etwas Böses an Jugendlichen tun“.

DIE ATTACKIERTE

AUTORITÄT

Klare Fakten. Doch das Bild des heiligen Papstes wirkt weiterhin seltsam befleckt. Was aus Sicht des Journalisten Grzegorz Górny vor allem am Buch „Der Tag der Gerechtigkeit“ von Andrea Tornielli und Gianni Valente liegt. Als Defensivhilfe für Papst Franziskus nach den Vigano -Vorwürfen konzipiert, bietet das Werk unfaire Attacken auf Johannes Paul II.: die Unfehlbarkeit der Heiligsprechung wird darin von einem Kurienmitarbeiter relativiert, eine Audienz von Marcial Maciel Degollado ein halbes Jahr vor dem Tod des polnischen Papstes hervorgehoben.

Dass ausgerechnet Tornielli, der 2010 im Buch „Der Papst im Gegenwind“ noch betonte, dass Johannes Paul II. nichts vom Doppelleben des einstigen Ober-Legionärs wusste, bald nach Erscheinen der aktuellen Attacken unter Franziskus zum Medienchef des Vatikans gemacht wurde und nun die Informationspolitik beim „Kinderschutz-Gipfel“ verantwortet, macht Górny Sorgen.

In einer großen Titelstory in der Zeitschrift „Sieci“ deutet er die Attacken auf den kommunistischen Dämonenbezwinger in einem größeren Kontext. Demnach versuchen böse Kräfte im Vatikan, die Schuld auf Johannes Paul II. zu schieben, um von den wahren Tätern abzulenken. Und: „Der Widerstand der strenggläubigen Milieus in der Kirche gegen die liberalen theologischen und pastoralen Projekte stützt sich zum großen Teil auf die Lehre von Johannes Paul II. Wenn man seine Autorität zerstört, wird es einfacher sein, eine Revolution durchzuführen.“