"Populistische Forderungen"

Der Medienwissenschaftler Michael Schaffrath warnt vor der Instrumentalisierung der Missbrauchskrise für Strukturreformen. Von Regina Einig

Michael Schaffrath lehrt an der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften der Technischen Universität München. Foto: Privat

Herr Professor Schaffrath, die Kirche leidet unter Glaubwürdigkeitsverlust im Zug des Missbrauchsskandals. Wer muss sich den Schuh eigentlich anziehen?

 

Schuldig sind die Priester und Ordensleute, die diese teuflischen Verbrechen begangen haben. Sie haben den Körper und die Seele unschuldiger Kinder zerstört und damit auch deren Vertrauen in und an Gott zerrüttet. Mitschuldig sind alle Mitwisser, die bei der Vertuschung geholfen haben und so zu Mittätern geworden sind.

 

Es gab öffentliche Schuldbekenntnisse von Bischöfen, Päpste trafen Opfer, die deutschen Bischöfe veröffentlichten die MHG-Studie, ein Kardinal wurde laisiert. Welche Wirkung zeitigen solche Taten?

Nach jahrzehntelanger Ignoranz, Tabuisierung und Vertuschung passiert nun endlich etwas und dies auf verschiedenen Ebenen. Der von Papst Franziskus einberufene Missbrauchsgipfel in Rom und der von ihm vorgelegte 21-Punkte-Plan zur Bekämpfung von Missbrauch sind jedoch nur dann etwas wert, wenn den Worten auch Taten folgen. Die vom Heiligen Vater angekündigte „Null-Toleranz“-Haltung muss umgesetzt werden. Die Laisierung von Kardinal McCarrick vor wenigen Tagen ist das passende Signal, dass Rom nun auch personelle Konsequenzen zieht und dabei nicht vor hohen Würdenträgern halt macht.

Manche Bischöfe und Laien erhoffen sich von Strukturreformen die Lösung der Probleme. Auf ihrer Agenda stehen: Änderungen beim Zölibat, die Einführung der Frauenweihe, Änderungen der Lehre zur Homosexualität. Wie bewerten Sie diese Forderungen?

Ich finde das ziemlich ärgerlich, dass das schwere Verbrechen des Kindesmissbrauchs von manchen nun dazu benutzt wird, wieder Strukturveränderungen wie die Abschaffung des Zölibats oder die Einführung der Frauenweihe zu fordern. Hier einen Zusammenhang zu konstruieren, ist in meinen Augen grotesk. Für mich sind das alles populistische Forderungen, die den missbrauchten Opfern überhaupt nicht helfen.

Inwieweit wird die ganze Debatte von den Bischöfen sachlich geführt?

Das Bemühen um Sachlichkeit und Aufrichtigkeit spreche ich keinem Bischof ab. Aber die medialen Auftritte Einzelner konnten nicht wirklich überzeugen. Das liegt an dem grundsätzlichen Problem, dass manche Priester und Bischöfe selbst gute Argumente schlecht verkaufen. Und wenn man wie beim Missbrauchsskandal nicht einmal gute Argumente hat, dann verschärft defizitäre Rhetorik die Problematik zusätzlich. Man darf nicht vergessen, dass wir nun mal in einer Mediengesellschaft leben, wo es nicht nur um Wahrheiten, sondern immer mehr um Wahrnehmungen geht. Deshalb meine ich, dass die Christen von den Bischöfen als Leiter eines Bistums vernünftige Antworten auf die vielen Fragen im Missbrauchsskandal erwarten dürfen. Den Multiplikationseffekt, den nationale, aber auch regionale Medien bieten, sollten die Bischöfe häufiger nutzen. Nicht jeder kann das. Nicht jeder traut es sich zu. Trotzdem bleibt es unerlässlich.

Welche Rolle spielen die Medien in der Missbrauchsdebatte?

Man könnte es mit den Worten des Soziologen Niklas Luhmann sagen: „Konflikte werden in Medien bevorzugt, weil sie die Spannung erhöhen.“ Das bedeutet, egal ob es sich um die Diesel-Affäre oder Doping-Fälle im Spitzensport handelt: Skandale sind für Medien immer von Interesse, weil sie publikumswirksam sind und Auflagenzahlen wie Einschaltquoten zumindest kurzfristig erhöhen. Ein Wesenselement von Skandalberichterstattung ist die mangelnde Differenzierung. Das führt bezogen auf den Missbrauchsskandal dazu, dass auch unschuldige Priester unter Generalverdacht stehen und mit grundsätzlichem Argwohn leben müssen. Das wird vielen unbescholtenen Klerikern nicht gerecht. Sie müssen es aber trotzdem aushalten, weil wir es bei dem Missbrauchsskandal nicht nur mit einem Verstoß gegen die selbstauferlegte Sexualmoral der Kirche zu tun haben, sondern mit einem schweren Verbrechen.

Immer wird absolute Transparenz im Umgang mit Missbrauchsfällen gefordert. Was halten Sie davon?

Wie seelisch stabil die Opfer sind und wie viel an Öffentlichkeit man ihnen zumuten kann, das können nur die Opfer beurteilen. Deshalb muss man endlich anfangen, mit ihnen zu sprechen und entsprechend nachzufragen. Die Gefahr, dass unschuldige Priester beschuldigt und so selbst zu einer Art Opfer werden, besteht zweifellos. Ich meine aber gerade mit Blick auf die Opfer und mit Blick auf die vielen unschuldigen Priester ist Transparenz erforderlich, wenn man Glaubwürdigkeit zurückgewinnen will. Glaube und Glaubwürdigkeit sind zentrale Markenkerne der katholischen Kirche. Die bisherigen innerkirchlichen Versuche zur Rückgewinnung von Glaubwürdigkeit werden von vielen Gläubigen als nicht wirklich glaubhaft eingestuft.

Wie bewerten Sie die Rolle von Papst Franziskus als Krisenmanager?

Im Unterschied zu vielen seiner Vorgänger stellt sich Papst Franziskus wenigstens nun dem Thema, das er zu Beginn seines Pontifikates vielleicht auch ein wenig unterschätzt hat. Soweit ich gelesen habe, hat Franziskus ja nicht nur die Laisierung des Amerikaners McCarrick angeordnet, sondern im letzten Herbst auch zwei andere Bischöfe laisiert. Dieser Heilige Vater schreckt jedenfalls nicht vor personellen Konsequenzen zurück. Und diesen Weg wird er weitergehen müssen, wenn auch er seine Glaubwürdigkeit behalten möchte.

Was müsste die Kirche tun, um wieder glaubwürdig zu werden?

Ein weltweites, glaubwürdiges Schuldeingeständnis gepaart mit einer wahrhaftigen Bitte um Verzeihung an alle Opfer wäre eine Maßnahme. Noch wichtiger erscheint mir, dass die Kirche den Opfern zuhört und mit ihnen in einen ernsthaften Dialog tritt. Das Abspielen von Videobotschaften bei der Konferenz in Rom löst Betroffenheit aus, ist aber zu wenig. Ein direkter, persönlicher Austausch ist notwendig. Außerdem muss bereits die Kenntnisnahme von Missbrauchsverdachtsfällen eine Information an die Strafverfolgungsbehörden nach sich ziehen und die müssen dann die Vorwürfe nach rechtsstaatlichen Kriterien sorgfältig prüfen. Dies ist auch für den künftigen Schutz aller Kinder unerlässlich.