Politik und Heiligkeit

Ulrich Nersinger zeichnet den Weg des seligen Erzbischofs Romero nach. Von Barbara Stühlmeyer

Steht wie eine Mauer im Gedächtnis der Menschen in El Salvador: Das Bild des seligen Erzbischofs Romero auf einer Lichtinstallation in San Salvador im Mai 2015. Foto: KNA
Steht wie eine Mauer im Gedächtnis der Menschen in El Salvador: Das Bild des seligen Erzbischofs Romero auf einer Lichti... Foto: KNA

Als Óscar Arnulfo Romero am 24. März 1980 in einer Krankenhauskapelle in San Salvador durch die Kugel eines Attentäters starb, während er die heilige Messe feierte, wurde in seiner Heimat und darüber hinaus sofort der Ruf nach seiner Heiligsprechung laut. Das entscheidende Kriterium schien denjenigen, die damals subito santo riefen, schrieben oder dachten, erfüllt. War Erzbischof Romero nicht für seinen Glauben gestorben? Doch genau an dieser Frage schieden sich die Geister. Denn der am 15. August 1917 in Ciudad Barrios in El Salvador geborene Romero hatte im Laufe seines Lebens eine Entwicklung vollzogen, die nicht wenige als politisch ansahen. In der angespannten, oftmals vergifteten Atmosphäre der 1970er und 1980er Jahre war es schwierig geworden, zu unterscheiden, ob eine Predigt oder ein Hirtenwort die Verkündigung des Evangeliums oder eine sozialpolitische und damit die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse kritisierende Schlussfolgerung war.

Die Vorbereitungen für das am 24. März 1994 eröffnete Verfahren um die Seligsprechung zog sich deshalb lange hin und auch während des Verfahrens selbst stellten sich immer neue Fragen und Herausforderungen. Denn Selige und Heilige leben nicht im luftleeren Raum. Wenn die Seligsprechung eines Menschen, auch wenn dessen Leben über alle Zweifel erhaben sein mag, als politisches Signal gewertet und instrumentalisiert wird, kann es klug sein, zunächst abzuwarten. Schließlich sind die Heiligen Hausgenossen Gottes und keine Kombattanten, die in innerkirchlichen Auseinandersetzungen von den miteinander streitenden Parteien in Stellung gebracht werden sollten.

Wenn tagesaktuelle Themen eine eigentlich ganz andere Fragestellung überlagern und deren Beurteilung erschweren oder gar unmöglich machen, ist es oft hilfreich, einen Schritt zurückzutreten und einen Blick in die Geschichte zu werfen.

Ulrich Nersinger, den Lesern dieser Zeitung durch seine fundierten historischen Beiträge bekannt, hat genau diesen Ansatz für sein Buch über den Seligsprechungsprozess Erzbischof Romeros gewählt und die grundlegenden Fakten, die zu einer Selig- oder Heiligsprechung führen, in Erinnerung gerufen. Für die Antike, die Welt, in der sich die jungen christlichen Gemeinden entfalteten, waren zwei Dinge grundlegend: zum einen die grundsätzliche Berufung aller Christen zu einem heiligen Leben, die in Erinnerung zu rufen heute immens heilsam sein kann. Denn in der gegenwärtigen Lage der Welt und der Kirchen kann es nicht mehr um kleinliche Auseinandersetzungen darum gehen, wer wann, wo und mit welcher Befugnis ausgestattet Sakramente spenden darf, es muss vielmehr die Forderung „seid heilig, denn ich bin heilig“ die zentrale Aufgabenstellung sein. Zum anderen war es das Martyrium, das als entscheidendes Kriterium dafür galt, dass jemand ein heiliges Leben geführt hatte.

Auch dieser Aspekt ist heute, in der westlichen Kirche noch weitgehend unverstanden, von bedrängender Aktualität. Denn während sich hierzulande Gemeinden über Graduierungen auszuprobierender Zusammenarbeit zerstreiten, sterben anderswo Menschen für ihren christlichen Glauben oder werden mitten unter uns, von der durch die Tabuisierung der Wahrnehmung eben jenes Unrechtes betäubten Gesellschaft übersehen, für eben jenen Glauben drangsaliert. Tertullians von Nersinger zitiertes Diktum „Das Blut der Märtyrer ist der Same für neue Christen“ erhält heute eine völlig neue, zum Handeln und zur Bildung eines neuen Bewusstseins aufrufende Bedeutung. Den ersten Christen waren die Gebeine der Märtyrer „wertvoller als Edelsteine und kostbarer als Gold“.

Heute dagegen halten selbst Kirchenvertreter es oft nicht für nötig, bei uns verfolgte Christen wirkungsvoll zu schützen, und die Verehrung von Reliquien findet in der Reenactmentbewegung oft mehr Interessenten als unter den Katholiken.

Nersinger erinnert daran, dass die Flucht vor Verfolgung in der Kirche immer als legitim galt. In einer ausweglosen Lage jedoch, in der eine Entscheidung für oder gegen Jesus Christus gefällt werden muss, ist das Martyrium alternativlos. Für die Beurteilung des Falles von Bischof Romero ist dies ein wichtiger Aspekt. Nach seiner Entwicklung von einem auf persönliche Frömmigkeit und Gelehrsamkeit konzentrierten Priester hin zu einem Verkünder, der das Evangelium auf die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse hin auslegte und Unrecht deutlich beim Namen nannte, rechnete Romero schon längere Zeit vor seiner Ermordung mit Anschlägen auf seine Person. Ähnlich wie der heilige Thomas Morus, auf dessen Beispiel der Autor verweist, war ihm klar, dass er, wenn er seinen Kurs nicht änderte, sein Glaubenszeugnis mit dem Leben bezahlen würde. Denn das unbedingte Einstehen für das Beispiel Jesu Christi kostete Menschen zu allen Zeiten das Leben – ob in der ehemaligen Sowjetunion, in Albanien, der Heimat Mutter Teresas oder im Dritten Reich – immer wieder sahen sich Menschen wie Bernhard Lichtenberg oder Óscar Romero vor die Frage gestellt, ob sie den breiten oder den schmalen Weg wählen wollten. Durch die Kontextualisierung des Falles Romero macht Nersinger unmissverständlich klar, dass der Bischof von San Salvador ungeachtet der politischen Kräfte, die ihn, auch innerhalb der Kirche, nur zu gern für ihre Zwecke instrumentalisieren wollten, unzweifelhaft ein Märtyrer ist. Seine Seligsprechung war deshalb eine gute Entscheidung, zumal für die salvadorianische Ortskirche, in der er schon lange verehrt worden ist.

Was bedeutet Martyrium eigentlich?

Nersinger legt zudem dar, inwiefern sich das Bild des Märtyrertums in den vergangenen Jahrhunderten gewandelt hat. Bernhard Lichtenberg erlitt nicht ein Martyrium zweiter Klasse, als er, von langer Haft bereits geschwächt und schwer krank, auf dem Transport in das KZ Dachau in Hof starb. Ebenso kann aus den politischen Forderungen, die sich aus der Verkündigung des Evangeliums durch Bischof Romero ergeben, keine Minderung seines Blutzeugnisses abgeleitet werden. Die Debatte über diesen Punkt ist im Übrigen, wie Nersinger dankenswerterweise in Erinnerung ruft, schon einige Jahre alt. Bereits Thomas von Aquin dachte darüber nach, ob der Tod für das Allgemeinwohl nicht als Martyrium einzuschätzen sei und kommt mit der ihm eigenen unbezwingbaren Logik zu dem Schluss, dass menschliche Güte, insofern sie auf göttliche Güte zurückzuführen sei, wenn sie einen Menschen das Leben koste, nichts anderes sei als ein Blutzeugnis. Oder, um es mit den vom Autor angeführten Worten der seligen Edith Sein zu sagen – „Wenn wir von Kreuzeswissenschaft sprechen, so ist das nicht bloße Theorie, sondern eine lebendige, wirkliche und wirksame Wahrheit.“ Óscar Romeros Motto, das Kardinal Amato bei der Seligsprechungsfeier auf seiner Mitra trug, war Sentir con la Iglesia – Fühlen und Denken mit der Kirche. Der salvadorianische Erzbischof hat dieses Leitwort unter schwierigsten Bedingungen durchgehalten. Der herausfordernde Weg hin zu seiner Seligsprechung macht deutlich, dass es bei diesem Leitwort um das schmerzliche Durchhalten der Treue zur Kirche geht, auch wenn sich die streitende Kirche mitunter als dornenreiches Trainingsgelände erweist. Um auf dem Weg des Glaubens dennoch nicht müde zu werden, sind die Seligen und Heiligen ideale Weggefährten, die als Strahlen des göttlichen Lichtes die jeweiligen Wegstrecken erhellen helfen, genau wie das lesenswerte Buch von Ulrich Nersinger.

Ulrich Nersinger: Attentat auf den Glauben. Das Martyrium des Óscar A. Romero. Bernardus Verlag, Mainz 2015, Taschenbuch, 118 Seiten,

ISBN 10: 3-8107-0232-3, EUR 14,80