PATER FRANZ MAGNIS SUSENO SJ.

Pluralismus bedeutet nicht, dass alle Religionen gleich sind

Ein Gespräch mit dem Jesuitenpater Franz Magnis-Suseno. Von Michaela Koller

Pater Franz Magnis-Suseno SJ. Foto: IN
Pater Franz Magnis-Suseno SJ. Foto: IN

Pater Franz Magnis-Suseno SJ, im Jahr 1936 in Schlesien als Franz Graf

von Magnis geboren, ist einer der bekanntesten Gelehrten in Indonesien. In

den mehr als fünfzig Jahren, die er bereits in Indonesien lebt, hat sich

der Theologe und Sozialphilosoph große Verdienste im interreligiösen Dialog erworben. Der langjährige Rektor der Philosophischen Hochschule Driyarkara in der indonesischen Hauptstadt Jakarta erwarb 1977 die indonesische Staatsbürgerschaft und nahm den Namen Suseno an. Das Gespräch der „Tagespost“ führte Michaela Koller.

Aktivitäten islamischer Hardliner haben in Indonesien in der jüngsten Zeit zugenommen. Wie erklären Sie sich das?

Solche Aktivitäten hat es immer schon gegeben. Es gibt eine neue Welle von Hardlinern, Fundamentalisten, Extremisten, die sich die demokratische Öffnung nach 1998 zunutze gemacht haben. Sie konnten aus ihren Löchern herauskommen und können jetzt ihre Meinung frei sagen. Sie werden nicht mehr überwacht und müssen nicht mehr sagen, was das Religionsministerium ihnen vorschreibt. Sie benutzen also diese größere Freiheit.

Der Mainstream-Islam ist in Indonesien durch zwei Organisationen, die traditionalistische Nahdatul Ulama und die Muhammadiyah vertreten, die inzwischen Angst vor diesen Extremisten haben. Es gibt Organisationen, die ideologisch nicht so stark sind, aber Gewalt verüben. Sie sind in der Phase der Festigung der Demokratie teilweise von Leuten mit Polizei- und Militärhintergrund gegründet worden. Es gibt auch die Hizb-ut-Tahrir-Organisation, die das Kalifat wiederherstellen will. Sie ist international organisiert, aber gewaltfrei. Auch sind andere, die an der Muslimbruderschaft in Ägypten orientiert sind, präsent. Dazu kommen einige Salafisten. Der wahabistische Einfluss aus Saudi-Arabien ist groß, aber auch der Widerstand dagegen. Die Nahdatul Ulama, größte islamische Organisation der Welt, hat den Wahabismus in einer Fatwaals Irrlehre verurteilt. Diese Gruppen rekrutieren Nachwuchs und versuchen, den indonesischen Islam aus ihrer Sicht islamischer zu machen im Sinne eines arabischen Islam. Eigentlich ist der Islam in Indonesien offen und tolerant.

Schreitet die Arabisierung denn voran?

Ich habe nicht den Eindruck, dass sie da große Erfolge haben. Sie sind nicht in der Lage, ihre Ziele politisch umzusetzen.

Aber ein sunnitischer Mob hat kürzlich schiitische Studenten in Ostjava gejagt, von denen zwei getötet wurden. Polizisten standen daneben und der Religionsminister Suryadharma Ali schlug den Schiiten Konversion und Migration vor...

Der Hintergrund für diese Bedrohung anderer islamischer Gemeinschaften wie der Ahmadis oder Schiiten, aber auch der lokalen Einführung von Schariabestimmungen sowie des häufigen Widerstandes gegen den Bau von Kirchen, ist eine noch weit verbreitete dröge Einstellung weniger gebildeter Muslime, die wenig mit Toleranz am Hut haben und im Islam keinerlei Pluralität anerkennen. Diese Einstellung zeigt auch der derzeitige Religionsminister, der als Lösung des Problems vorgeschlagen hat, die Ahmadis und die Schiiten sollten eben zum Sunni-Islam zurückkehren. Hier sind die offeneren Muslime gefordert. Aber auch die Regierung tut nicht genügend ihre Pflicht. In einem Land wie Indonesien hat sie die Aufgabe, die Menschen zur Toleranz zu erziehen. Aber es scheint der Staatsführung an Mut zu mangeln, etwas zu sagen, was vielleicht von bestimmten Gruppen der Muslime nicht gut angenommen würde, etwa dass Angehörige von Minderheiten auch Staatsbürger sind, die ein Recht auf Schutz und auf Gottesdienst nach ihrer Überzeugung haben. Mit vielen Mainstream-Muslimen sind aber unsere Beziehungen viel besser geworden. So bewachen zum Beispiel seit vielen Jahren Milizen der Nahdatul Ulama an Weihnachten und Ostern unsere Kirchen. Die Situation in Indonesien ist also sehr kompliziert.

Wie erleben Sie sonst den interreligiösen Dialog in diesem bevölkerungsreichsten islamischen Land der Erde?

Der Dialog zwischen Christen und Muslimen in den letzten dreißig Jahren hat große Fortschritte gemacht, die sich auch in den beiden Bürgerkriegen zwischen Christen und Muslimen in Ostindonesien vor zwölf Jahren bewährten. Es begann damit, dass sich christliche und islamische Intellektuelle austauschten über Probleme des Landes und eben auch zwischen den Religionsgemeinschaften. Inzwischen kennen viele Bischöfe ihre islamischen Counterparts persönlich. Das ist zum Teil auch schon auf Ebene der Pfarreien der Fall. Verschiedene Orden und Priesterseminare ermöglichen ihren Priesterstudenten sogenannte Live-Ins in islamischen Boarding-Schools. Sind einmal solche Beziehungen aufgebaut, kommt es nicht mehr zu Gewalttätigkeiten. Dabei spielt der Bezug auf traditionelle indonesische Werte wie Toleranz und Akzeptanz der Vielfalt eine wichtige Rolle. „Wir sind schließlich alle Indonesier.“ Wir sind uns dabei einig, dass gegenseitige Akzeptanz und Anerkennung, wir nennen das Pluralismus, nicht bedeutet, dass alle Religionen gleich sind. Letztlich überlassen wir es Gott, wie er mit der von ihm zugelassenen Vielfalt umgeht.

Sie haben einmal gesagt, dass Mission bedeute, Zeugnis abzulegen. Was bedeutet dies im indonesischen Kontext?

Mission bedeutet, dass man durch sein Leben, dadurch, wie man mit anderen Menschen umgeht, mit seiner Familie lebt, wie man seine Arbeit tut und dadurch, dass man nicht korrupt ist, ein Zeugnis dafür ablegt, dass Gott die Liebe ist. Es sollten also die Anderen erfahren, dass die Anwesenheit der christlichen Gemeinschaft ein positives Element ist. Wenn dann jemand fragt, was die Quelle unserer Freude ist, dann werden wir von Jesus sprechen und uns freuen, wenn Menschen zur Taufe finden. In Indonesien gibt es jedes Jahr gut 20 000 Erwachsenentaufen. Darunter sind auch Muslime.

Pluralismus bedeutet nicht, dass alle Religionen gleich sind
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