Pius XI. - Ein Papst der Gratwanderungen

Am 10. Februar 1939 starb mit Pius XI. ein Nachfolger Petri, der mit besonderen Qualitäten ausgestattet war. Von Ulrich Nersinger

Papst Pius XI.
Ein Wissenschaftler von internationalem Ruf und energischer Kirchenführer: Papst Pius XI. Foto: KNA
Papst Pius XI.
Ein Wissenschaftler von internationalem Ruf und energischer Kirchenführer: Papst Pius XI. Foto: KNA

Wir begannen in möglichst gerader Richtung direkt auf die Felsen loszusteigen, die schließlich einen schmalen Grat zwischen den Couloir und dem oberen Gletscher bilden. Hätte der Felsgrat sich weiter fortgesetzt, so wäre es nicht schlimm gewesen. Das Unglück war aber, dass zwischen uns und dem Gletscher eine fünf bis sechs Meter breite Randkluft abstürzte. Die Schwierigkeit wäre wohl unüberwindlich gewesen, hätte nicht eine dünne und schmale Schneebrücke den Fels mit dem Gletscher verbunden. Man sah, dass das kein leichter Weg war, aber es gab keinen anderen. Und ferner war diese Schneebrücke, wenn auch sehr schwach, so doch haltbar und beinahe so fest wie Eis.“

Die Sätze entstammen einem Bericht von der Besteigung des Monte Rosa (Dufourspitze) und der ersten Überschreitung des Zumsteinsattels im Juli/August 1889. Er ist von niemand Geringerem als Achille Ratti verfasst, der von 1922 bis 1939 der katholischen Kirche als Papst vorstand. Es gab damals kaum einen Bergsteiger, der den Namen des norditalienischen Priesters nicht kannte. Rattis alpinistische Schriften erreichten eine beachtliche Auflagenhöhe – als Papst wird er später anmerken, sie hätten vermutlich mehr Interesse gefunden als seine Enzykliken. Sein Leben und sein Pontifikat sollten durch die Qualitäten eines Bergsteigers geprägt werden: entschiedenes, aber durchdachtes Vorgehen und Ausdauer.

Achille Ratti wurde am 31. Mai 1857 in Desio (Lombardei) geboren. 1879 zum Priester geweiht und mit einem dreifachen Doktorgrad ausgezeichnet galt er schon bald als ein Wissenschaftler von internationalem Ruf. Er versah viele Jahre lang das Amt des Präfekten der Biblioteca Ambrosiana in Mailand, bis ihm schließlich die Leitung der Apostolischen Bibliothek des Vatikans anvertraut wurde. Benedikt XV. schickte den ebenso gelehrten wie tatkräftigen Geistlichen nach dem 1. Weltkrieg als Apostolischen Visitator nach Polen und Litauen.

1919 wurde er zum Päpstlichen Nuntius in Warschau ernannt. Dort unterstützte er tatkräftig den Aufbau des jungen polnischen Staates. Doch schon bald stand er einem ungesunden, aggressiven Nationalismus gegenüber. Nur mit Mühe gelang es ihm, Streitigkeiten zwischen der polnischen Kirche und den mit Rom unierten Ruthenen zu unterdrücken.

In Oberschlesien ging es darum, durch Wahlen zu einem friedlichen Miteinander von Deutschen und Polen zu kommen. Zum „Kirchlichen Hohen Kommissar“ für die Abstimmungsgebiete bestimmt zog er durch seine Unparteilichkeit den Unmut aller Beteiligten auf sich. Ende 1920 wandte sich die öffentliche Meinung Polens gegen ihn. Im Sejm, dem Abgeordnetenhaus, brachte man den Antrag ein, dem Nuntius die Pässe zu übergeben. Lediglich zwei Stimmen fehlten an der nötigen Mehrheit, um die Ausweisung Rattis zu erzwingen. Die Stimmung in Warschau war so aufgeheizt, dass er am 2. Dezember nach Rom abreiste.

In Rom sah man das Wirken des Nuntius mit anderen Augen. Benedikt XV. berief ihn auf den prestigeträchtigen Stuhl des Erzbischofs von Mailand. Im Konsistorium des Jahres 1921 setzte ihm der Papst den Roten Hut auf und fand klare Worte: „Die Schüler und Lehrer der Diplomatie feiern den Apostolischen Nuntius von Polen, seine wohlwollende Festigkeit, seinen feinen Takt und seine unerschütterliche Ruhe.“

Nur wenige Monate später verstarb Benedikt XV. Am 2. Februar 1922 machten sich die Kardinäle auf, in das Konklave einzuziehen. Im 14. Wahlgang, am 6. Februar 1922, einigten sie sich auf Achille Ratti als Pontifex Maximus. Der neue Papst wusste zu überraschen. Er gab umgehend bekannt: „Es ist mein Wunsch und Wille, meinen ersten Segen als Unterpfand des von der Menschheit ersehnten Friedens nicht nur Rom und Italien, sondern der gesamten Kirche und dem ganzen Erdkreis zu spenden.“ Aus Protest gegen ihre „Gefangenschaft“ im Vatikan hatten die Päpste seit dem Ende des Kirchenstaates (1870) den Segen nur noch von der inneren Loggia der Basilika aus erteilt. Pius XI. erteilte ihn nun von der äußeren Loggia.

Er initiierte damit die Aussöhnung des Hl. Stuhls mit Italien, die am 11. Februar 1929 zu den Lateranverträgen und der Gründung des Vatikanstaates führte. Pius XI. wurde zum Papst der Konkordate – neben den „patti lateranensi“ war das wohl berühmteste unter ihnen das Konkordat mit dem Deutschen Reich (1933). Übergriffe totalitärer Regierungen, sowohl freimaurerischer wie faschistischer und kommunistischer, auf die Kirche geißelte er in berühmten Enzykliken. Mit dem in deutscher Sprache verfassten Rundschreiben „Mit brennender Sorge“ (1937) stellte er sich gegen die Ansprüche des Hitler-Regimes. Durch sein mutiges Bekenntnis „Geistlich sind wir Semiten“ solidarisierte er sich mit dem leidgeprüften jüdischen Volk.

Wer für Katholiken die Richtschnur sein sollte, dokumentierte er mit der Einsetzung des Christkönigsfestes (1925). Mit der Ausrufung zweier Heiliger Jahre und der Proklamation bedeutender Selig- und Heiligsprechungen intensivierte er das Glaubensleben. Seine Kenntnisse von der Welt der Berge setze der Pontifex für die Seelsorge ein. Im Jahre 1923 bestimmte er den heiligen Bernhard von Aosta, den Begründer des auf den Passhöhen des Grand St. Bernard gelegenen Hospizes, zum Patron der Bergsteiger und Alpenbewohner – die Augustiner-Chorherren des Hospizes betraute er mit der katholischen Mission in Tibet. Ausbau und Förderung der Mission im Osten Europas plante er mit der Gründung des Päpstlichen Russischen Kollegs.

Am 10. Februar 1939 erlag er den Folgen einer schweren Herzattacke. Gerüchte, Pius XI. sei auf dem Krankenbett ermordet worden, waren entstanden, weil er am Vorabend eines bedeutsamen Ereignisses verstarb. Für den 11. Februar war aus Anlass des 10. Jahrestages der Lateranverträge der italienische Episkopat nach Rom geladen. Benito Mussolini habe befürchtet, dass Pius XI. an diesem Tag eine Brandrede gegen den Faschismus und das Nazi-Regime in Deutschland halten wolle und ihn daher vergiften lassen. Die Gerüchte erwiesen sich jedoch als haltlos.

Ein katholisches Internetportal kennzeichnet das Pontifikat des Ratti-Papstes mit den Worten: „Sein Regierungsstil war offenkundig autoritär, sein persönliches Auftreten unkompliziert und er privat anspruchslos.“ Die Charakterisierung trifft zu. Allein das Mandat Jesu Christi an den Fischer aus Galiläa war für Pius XI. entscheidend. Der unkapriziöse Papst sah sich einzig der Nachfolge Petri verpflichtet. Daher auch seine testamentarisch verfügte Bitte, so nah wie nur möglich am Grab des ersten der Apostel beigesetzt zu werden – ein Wunsch, der ihm erfüllte wurde.