„Pille danach“, Gotteslob und Frauenfrage

Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe in Trier im Zeichen der Vertrauenskrise – Weitgehender Schulterschluss mit Kardinal Meisner. Von Regina Einig

Nichts Neues in Sachen Weltbild. Doch das Tagesgeschehen hatte Erzbischof Robert Zollitsch und Pater Hans Langendörfer SJ einige Top-Themen für das Treffen beschert. Foto: dpa
Nichts Neues in Sachen Weltbild. Doch das Tagesgeschehen hatte Erzbischof Robert Zollitsch und Pater Hans Langendörfer S... Foto: dpa

Trier (DT) Gewichtige kirchenpolitische Fragen haben in Trier die Beratungen der deutschen Bischöfe bestimmt. Der Rücktritt Papst Benedikts XVI. und die bevorstehende Sedisvakanz, die Abgabe der „Pille danach“ an vergewaltigte Frauen in katholischen Krankenhäusern, das Karlsruher Urteil zum Adoptionsrecht Homosexueller und der scharfe Wind, der der Kirche öffentlich entgegenkommt, waren die Top-Themen. In seiner Predigt in der Benediktinerabtei St. Matthias sprach der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner am Donnerstag die stürmische See an, die dem Schiff der Kirche in Deutschland derzeit zu schaffen macht: „Der große Vertrauensverlust, der über uns hereingebrochen ist, kommt aus unserem eigenen Versagen als Kirche: die sexuellen Missbräuche und die Abweisung einer vergewaltigten Frau in zwei unserer katholischen Krankenhäuser“. Es schmerze immer besonders, wenn das Unheil der Kirche vom Innern der Kirche nach außen gehe, sagte der Kardinal. Und es liege an der politischen Großwetterlage unserer Gesellschaft, „dass unser Versagen als katholische Kirche dramatisiert und multipliziert wird, als ob es nichts anderes mehr bei uns gäbe“.

Einiges Aufsehen hatte die rasche Entscheidung der Bistümer Mainz, Trier und Speyer erregt: Die katholischen Krankenhäuser in Rheinland-Pfalz hatten im Vorfeld der Frühjahrsvollversammlung erklärt, die „Pille danach“ künftig nach einer Vergewaltigung verschreiben zu wollen. Das ergab ein Gespräch zwischen Gesundheitsminister Alexander Schweitzer (SPD) und den Trägern der katholischen Krankenhäuser im Land, an dem der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann und Vertreter der Bistümer Trier und Speyer teilgenommen hatten.

Andere Hirten hätten es bevorzugt, in Trier die Kölner Erklärung in Ruhe zu besprechen und dann eine einheitliche Regelung der deutschen Bistümer anzupeilen. Viele hatten in den Tagen vor der Vollversammlung Post von besorgten Lebensschützern erhalten. Erzbischof Robert Zollitsch, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, erwähnte während der Abschlusspressekonferenz am Donnerstag, ihm sei vorab die Regelung der amerikanischen Bischofskonferenz als Orientierungshilfe zugegangen. In den Vereinigten Staaten gilt seit 2001 für alle Bistümer die Richtlinie, dass Vergewaltigungsopfer in katholischen Kliniken die „Pille danach“ erhalten können, solange diese nicht abortiv, sondern verhütend wirkt und zuvor durch „angemessene Tests“ ausgeschlossen wurde, dass bereits eine Empfängnis stattgefunden hat. Angesichts der erregten Debatten schien den Bischöfen eine offizielle Absprache mit Rom geboten. Der Beschluss der Bischofskonferenz übernimmt daher grundsätzlich die Position Kardinal Meisners. Man behält sich aber weitere Feinjustierungen vor. Vergewaltigte Frauen können demnach in katholischen Krankenhäusern die „Pille danach“ erhalten, „insofern sie eine verhütende und nicht eine abortive Wirkung hat. Medizinisch-pharmazeutische Methoden, die den Tod eines Embryos bewirken, dürfen weiterhin nicht angewendet werden.“ Darüber hinaus erkenne die Vollversammlung die Notwendigkeit an, neben ersten Stellungnahmen zur „Pille danach“ die weiteren Zusammenhänge der Fragestellung auch in Kontakt mit den zuständigen Stellen in Rom zu ergründen. Die Bischöfe sehen die Verantwortung für die praktische Entscheidung bei der Behandlung von Vergewaltigungsopfern bei den Ärzten.

Unumstrittener Konsens verband die deutschen Hirten mit Blick auf die Bedeutung der traditionellen Familie: In Anspielung auf das Karlsruher Urteil, das die Adoptionsrechte Homosexueller stärkt, sprach sich etwa Kardinal Meisner in seiner Predigt am Donnerstag gegen gleichgeschlechtliche Verbindungen aus: Die schöpfungsgemäße Zweipoligkeit menschlichen Daseins als Mann und Frau dürfe nicht durch die Genderideologie aufgelöst werden. Erzbischof Zollitsch erklärte am selben Tag, dass sich die Kirche stets kritisch zu einem Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften geäußert habe. Für die Identitätsfindung und Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes sei das Aufwachsen mit Vater und Mutter von großer Bedeutung. Familienbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst unterstrich im Gespräch mit dieser Zeitung die Perspektive „des gottgegebenen Zueinanders von Mann und Frau“. Dass die katholische Kirche dazu stehe, bedeute keine Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Personen. Kinder, so der Familienbischof, sollten für ihre persönliche Entwicklung die Möglichkeit erhalten, die dauerhafte und treue eheliche Beziehung von Mann und Frau von Anfang an als einen Reichtum in der Schöpfung zu erleben. Sie bräuchten diese Orientierung, um eine innerliche Klarheit für sich selbst gewinnen zu können. „Das wollen wir als Kirche deutlich herausstellen“, gerade in der Genderdiskussion. In diesem Punkt sei sich die Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz vollkommen einig.

Mit Blick auf die internationale Debatte über die Homo-„Ehe“ wies der Familienbischof darauf hin, dass die Position der Kirche eindeutig sei: Familienähnliche Konstellationen, die eine Gleichsetzung mit der ehelichen Verbindung von Mann und Frau insinuierten, entsprächen nicht dem biblischen Schöpfungsauftrag. Die dauerhafte und treue Verbindung von Mann und Frau sei für die Ehe wesenhaft und für die Kinder Orientierung.

Unter hohem Entscheidungsdruck sieht die Öffentlichkeit die katholische Kirche in der Aufarbeitung von sexuellen Missbrauchsfällen. Erzbischof Zollitsch ließ in Trier durchblicken, dass er und seine Mitbrüder sich über die unablässige einschlägige Medienschelte ärgern. Obwohl sich die Kirche wie keine andere Institution um Aufklärung bemüht, steht sie seit Wochen am Pranger. Die Bischöfe seien enttäuscht, so Zollitsch, dass die Absprachen am Runden Tisch nicht eingehalten worden seien. Nach dem Scheitern des Forschungsprojektes mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen hätten sich mehrere „interessante Institute“ gemeldet. Die Bischöfe gehen im zweiten Anlauf vorsichtiger zu Werke gehen als im ersten: Für das Projekt soll ein Beraterkreis eingerichtet werden.

Offen ist auch, wieweit die Entscheidungen in der Causa Weltbild gediehen sind: Die Umwandlung des Konzerns in die geplante Stiftung „Pro mundo“ erfordert unter anderem eine Satzung. Der Sekretär der deutschen Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer SJ, äußerte sich in Trier nicht näher zum Stand der Verhandlungen.

Resultate vorweisen konnte dagegen der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann, unter dessen Federführung seit 2002 das derzeit in Druck befindliche neue Gotteslob für die deutschen und österreichischen Diözesen sowie für das Bistum Bozen-Brixen erarbeitet wurde. Den Stammteil stellte er in Trier vor. Das neue Gotteslob umfasst Gesänge vom gregorianischen Choral bis zum Neuen Geistlichen Lied, darunter auch Stücke, die als ökumenetauglich eingestuft und daher mit einem „ö“ versehen worden sind. 136 Lieder sind neu in den Stammteil aufgenommen worden, 144 sind identisch mit dem alten Gotteslob, 56 gehören zum neuen geistlichen Liedgut. Dabei wurde nach Angaben von Bischof Hofmann darauf geachtet, dass „eingesungene“ Lieder erhalten blieben. Neben der Aufnahme neuer Kompositionen wie „Selig seid ihr“ oder „Stern über Bethlehem“ finden sich auch Klassiker wieder, die in der alten Ausgabe nicht im Stammteil, sondern nur in einigen diözesanen Eigenteilen zu finden waren: „Stille Nacht“ oder „Ein Danklied sei dem Herrn“.

Erstmals findet sich die Wort-Gottes-Feier im Gotteslob. Der Würzburger Bischof unterstrich, dass diese nicht als Konkurrenzangebot zur Eucharistie zu sehen sei: „Wir tun alles, um die Eucharistie zu fördern, aber wir wollen diejenigen nicht im Regen stehen lassen, die keine andere Möglichkeit haben.“ Im Messteil ist das Zweite Hochgebet zweisprachig – Latein und in der neuen, approbierten deutschen Übersetzung – wiedergegeben. Den Wandlungsworten „pro multis“ entspricht im Deutschen „für viele“. Auf vielfachen Wunsch seien auch Vorlagen für Feiern in der Familie und kleineren Gemeinschaften aufgenommen. Eine weitere Neuerung stellt das Stichwortverzeichnis „Was bedeutet?“ dar. Im Herbst soll die Auslieferung an die Bistümer und Gemeinden beginnen. Ein Novum ist das Gotteslob in digitaler Form. Aus urheberrechtlichen Gründen scheidet eine E-Book-Version vorerst aber aus.

Dass die Frühjahrsvollversammlung auch den alten Reizthemen nicht entrinnen konnte, veranschaulichte die Debatte über den Diakonat der Frau. Im Rahmen des Studientages befasste sich der emeritierte Kurienkardinal Walter Kasper mit der Zusammenarbeit von Frauen und Männern in der Kirche. Kasper unterstrich, dass sowohl das Priester- als auch das Diakonenamt Männern in der katholischen Kirche vorbehalten sind. In der Antike sei die Weihe der Diakoninnen von der der Diakone unterschieden worden. Anders als der Diakon hätten Diakoninnen keine Funktion am Altar übernommen. Für die Einführung eines im heutigen Sinn verstandenen sakramentalen Diakonats gebe also keine Grundlage. Mit Nachdruck verwies der ehemalige Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen auf die Spaltungen, die die anglikanische Gemeinschaft im Zusammenhang mit der Frauenfrage durchleide: „Ich wünsche die Konflikte der anglikanischen Kirche meiner Kirche nicht.“ Doch könne er sich eine Gemeindediakonin vorstellen, deren Beauftragung mit einer Benediktion ähnlich der Äbtissinnenweihe geschehe und die caritative, katechetische und liturgische Dienste wahrnehme.

Auf die Frage, was eine solche Gemeindediakonin nun von einer Pastoralassistentin oder Gemeindereferentin unterscheide, blieben die Antworten am Donnerstag vage. Deutliche Worte fand hingegen der Mainzer Kardinal Lehmann, dem Kaspers Vorschlag nicht weit genug geht. Er mahnte im SWR mit Verweis auf das Votum der Würzburger Synode von 1975 und die vom Vatikan erbetene Prüfung „eine verbindliche gute Entscheidung“ an. Darunter versteht er „ein überzeugendes Berufsbild für Frauen, das wirklich auch eine sakramentale Weihe braucht“.