Petrus beim Führer der Gläubigen

Am Samstag besucht der Papst Marokko. Die Begegnung mit dem Islam und Flüchtlingen steht im Zentrum der Viste. Von Oliver Maksan

(Archive) King Hassan II of Morocco (L)
Orientalischer Despot trifft katholischen Heiligen: Papst Johannes Paul II. wird 1985 vom marokkanischen König Hassan II. in Casablanca empfangen. Foto: IN
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Orientalischer Despot trifft katholischen Heiligen: Papst Johannes Paul II. wird 1985 vom marokkanischen König Hassan II... Foto: IN

 

Wenn Papst Franziskus am Samstag in Marokko eintrifft, dann wandelt er auf den Spuren seines heiligen Vorgängers Johannes Pauls II. 1985 besuchte der Pontifex auf Einladung König Hassans II. – eines typischen, mit seinen zahlreichen Gegnern kurzen Prozess machenden orientalischen Despoten – das islamische Land. Unvergessen bis heute ist seine Ansprache vor muslimischen Jugendlichen in Casablanca. „Wir glauben an denselben Gott, an den einzigen Gott, an den lebendigen Gott, an den Gott, der die Welten schafft und Seine Geschöpfe zu ihrer Vollendung führt“, so der polnische Papst. Den damals mit der islamischen Welt begonnenen Dialog setzt Papst Franziskus jetzt fort. Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr betritt er den Boden eines islamischen Landes. Etwa 99 Prozent der 37 Millionen zählenden Bevölkerung des aus Arabern, Berbern und Nomaden bestehenden Vielvölkerstaats Marokko bekennen sich zum sunnitischen Islam. Tatsächlich hängen der Besuch in den Vereinigten Arabischen Emiraten und die Visite im nordafrikanischen Königreich eng zusammen: Franziskus will die Bande mit den moderaten Kräften im Islam enger knüpfen.

Der Gastgeber des Papstes, König Mohammed VI. – Hassans Sohn – führt sich und seine Dynastie der Alawiden auf den Propheten Mohammed zurück. Der König trägt den Titel „Führer der Gläubigen“ und ist weltlicher und geistlicher Führer in einem. 2011 gab er dem Druck der Straße nach und veränderte die Verfassung. Die stärkste Partei stellt fortan das Amt des Regierungschefs und nicht mehr die vom König berufene. Als relativ moderat geltende Islamisten wurden so eingebunden. Durch diese Reformen gelang es Marokko, das Schicksal Tunesiens, Ägyptens oder Libyens zu vermeiden. Dennoch ist der Monarch weiterhin das Zentrum der Macht.

Mohammed VI. versteht sich als Reformer des Islam betreibt nach innen wie außen eine starke Religionspolitik. Ziel ist es, dem wahabitischen Islam ein moderates Religionsverständnis entgegenzusetzen. In der konservativen Bevölkerung finden radikale Ideen durchaus Anklang. Nicht wenige Marokkaner schlossen sich als Dschihadisten Terrorgruppen an. Imamschulen sollen den Geistlichen und über sie den Gläubigen den traditionellen, als gemäßigt geltenden Malekismus beibringen – eine der Rechtsschulen des Islam. Dort studieren marokkanische, aber auch Imamanwärter aus anderen Teilen vor allem Westafrikas. Papst Franziskus wird mit dem „Institut Mohammed VI.“ eine solche Einrichtung besuchen.

Doch bereits in den Schulen soll der Radikalisierung gewehrt werden. Der König ließ deshalb 2016 die Schulbücher überarbeiten. Getilgt wurden Koransuren und Texte, die zum heiligen Krieg aufriefen und nicht-muslimische Minderheiten abwertend darstellten. Anfang 2016 berief er eine vielbeachtete interreligiöse Konferenz nach Marrakesch ein. Nach dem Aufstieg des „Islamischen Staats“ und seinem Terror gegen religiöse Minderheiten wollte der Monarch so ein Zeichen setzen. In der Abschlusserklärung heißt es: „Wer die Religion missbraucht, um in muslimischen Ländern gegen Minderheiten Gewalt anzuwenden, steht im Widerspruch zum Islam!“. Kritiker bemängelten, dass das Dokument immer im islamischen Bezugsrahmen bleibt und nicht an die universalen Menschenrechte anknüpft.

Nicht-muslimische Minderheiten gibt es in Marokko selbst nur wenige. Die Zahl der Juden ist auf etwa 3-4000 Menschen geschrumpft, nachdem die meisten nach der israelischen Staatsgründung das Land verlassen haben. Dabei beherbergte das Land einst die größte jüdische Gemeinde in der islamischen Welt. Das Judentum ist indes offiziell anerkannt und wird in der Verfassung erwähnt. Manche Juden stiegen als Berater des Königs hoch auf. Die Zahl der Christen ist mit etwa 50 000 deutlich höher als die der Juden. Dennoch sind die meisten Christen Ausländer aus 100 verschiedenen Ländern, wie das Hilfswerk „Kirche in Not“ berichtet. Ihre Kirchen und Einrichtungen gehen auf die Zeit des französischen und spanischen Protektorats vor der Unabhängigkeit 1956 zurück.

Zwar gibt es auch einheimische Christen – das heißt konvertierte Ex-Muslime –, doch diese leiden sehr unter sozialem Druck. Staatlicherseits wird der Abfall vom Islam seit 2017 zwar nicht mehr bestraft. Mission ist aber weiterhin verboten. Immer wieder werden vor allem evangelikale Missionare des Landes verwiesen. Die traditionellen Kirchen wie die römisch-katholische missionieren nicht aktiv. Das caritative und schulische Wirken der katholischen Kirche genießt indes hohe Anerkennung. 15 Schulen unterhält die katholische Kirche und einige Krankenhäuser. Besucht werden sie überwiegend von Muslimen.

Heute gilt die Sorge der katholischen Kirche vor allem den zahlreichen Migranten, die von Marokko aus ihr Glück in Europa versuchen wollen – darunter nicht wenige Christen aus Ländern südlich der Sahara. Papst Franziskus wird in der Hauptstadt Rabat am Sitz der Caritas mit Migranten zusammentreffen. Den Abschluss des zweitägigen Besuchs bildet am Sonntagnachmittag eine Messe im Stadion von Rabat.