Paulus und die Homosexualität

Nach der „Causa Wucherpfennig“ folgt die Debatte: Was sagt der Apostel über Liebe unter Homosexuellen? Von Anthony Giambrone OP

Weltkulturerbe
Weltkulturerbe Insel Reichenau Die Kirche Sankt Peter und Paul in Niederzell wurde im 11. und 12. Jahrhundert erbaut und wurde um 1750/60 im Stil des Rokoko umgestaltet. Bild: Statue des Paulus im nördlichen Seitenschiff. Die Insel Reichenau ist seit 2000 mit dem Kloster Reich... Foto: Harald Oppitz

Wer die Nachrichten verfolgt, ist inzwischen über die „Causa Wucherpfennig“ wohl informiert; eine heiße Diskussion, die derzeit für Unruhe in der deutschen Kirche sorgt, doch dabei Themen berührt, die allen Katholiken weltweit große Sorgen bereiten. Es handelt sich es um die Weigerung des Vatikan (was nunmehr als Verzögerung gemeldet wird), der Wiederernennung des Rektors der bekannten Jesuitenfakultät Sankt Georgen in Frankfurt zuzustimmen. Grund sei dessen öffentlich vertretene, positive Haltung zur Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren.

Der Rektor, Pater Ansgar Wucherpfennig, ist Neutestamentler und verteidigt seinen Standpunkt mit Hilfe einiger Schriftstellen. In einem Interview vom 9. Oktober blieb der Jesuit unerschütterlich bei seinen Überzeugungen. „Ich sehe meine Äußerungen zur Homosexualität und zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare auf dem Boden der katholischen Lehre“, sagte er.

Mainzer Bischof ruft zur öffentlichen Debatte auf

Als Reaktion auf diese brisante Kontroverse, die gleich mehrfach heikle Themen berührt, hat der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf nun zu einer öffentlichen Debatte über die biblischen Grundlagen der kirchlichen Lehre aufgerufen und zugleich sein eigenes Unvermögen ausgedrückt, die Korrektheit der exegetischen Auffassungen von Pater Wucherpfennig zu beurteilen.

Eine aufrichtige und sachkundige öffentliche Debatte könnte diesen Fall in der Tat in eine sehr viel eindeutigere Richtung lenken. Zugleich ist im gegenwärtigen gesellschaftlichen und kirchlichen Klima eine sachliche exegetische Debatte in Bezug auf die biblischen Grundlagen der traditionellen kirchlichen Lehre über gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehr leider nur sehr schwer vorstellbar.

Aufrichtige Bereitschaft für zufriedenstellende Antwort muss im Voraus zugesichert werden

Ein angemessenes Abwägen der Antworten, die auf Pater Wucherpfennigs Einwände gegeben werden könnten, muss zunächst die bedauerlichen Einzelheiten seines persönlichen Falls ausklammern. Die praktische pastorale Frage nach der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften muss ebenfalls vorerst als zweitrangiges Problem in den Hintergrund treten. Wichtiger und schwieriger als ein derartiges Absehen von den Details der gegenwärtigen Kontroverse ist jedoch, dass eine aufrichtige Bereitschaft zu der echten Möglichkeit einer zufriedenstellenden Antwort auf Pater Wucherpfennigs Argumente im Voraus gewissermaßen zugesichert werden muss.

Angesichts der mächtigen politischen Strömungen, die so oft und so bereitwillig das Wohlwollen und die moralische Aufgeklärtheit derjenigen infrage stellen, die den entgegengesetzten und heutzutage recht unpopulären Standpunkt einnehmen, ist eine solche Bereitschaft leider wohl kaum gewährleistet – und das nicht nur in Deutschland. Selbstverständlich muss die gleiche Gutwilligkeit den vielen unterstellt werden, die einen progressiveren Standpunkt verteidigen und jegliche Verteidigung der überlieferten Lehre der Kirche anfechten.

Eine Einladung zu einem Austausch von Argumenten vor den Augen der Kirche

Der Aufruf von Bischof Kohlgraf muss dementsprechend als Einladung zu einem mehrfachen Austausch von nüchternen und vernünftigen Argumenten unter katholischen Exegeten vor den Augen der ganzen Kirche vernommen werden. Darüber hinaus muss auf allen Seiten konsequent klar sein, dass jede authentische theologische Debatte eine gemeinsame Erkenntnis der Wahrheit und die Unterordnung unter dieselbe zum Ziel hat – eine Unterordnung, so sei hinzugefügt, unter die geoffenbarte Wahrheit, die durch den übernatürlichen Glauben erkannt und von der Kirche vermittelt wird, und nicht nur das Ergebnis unserer historisch-kritischen und hermeneutischen Argumentation ist.

„Auf dem Boden der katholischen Lehre“ zu stehen, bedeutet mehr, als – aus welchen Gründen auch immer – einfach nur eine neue Lesart eines bestimmten biblischen Textes – in unserem Fall einiger Passagen aus dem Römerbrief – vorzulegen. Die eindeutige kirchliche Überlieferung muss, sowohl in der exegetischen als auch in der ethischen Auseinandersetzung, bei der Lektüre dieser Verse und der Beurteilung gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen offen benannt und geduldig angesprochen werden.

Erhebliche Schwächen in Pater Wucherpfennigs Argumentation

Auch wenn es falsch ist, einer Auseinandersetzung zwischen Universitätsprofessoren über einen umstrittenen Punkt übermäßiges dogmatisches Gewicht zu verleihen, genießen die Gelehrten dennoch ein besonderes Charisma innerhalb der Kirche, und es gibt eine lange und hilfreiche Geschichte der akademischen Debatte als Instrument der pastoralen und dogmatischen Unterscheidung der Geister.

Aus der fachlichen Perspektive eines katholischen Exegeten sehe ich in Pater Wucherpfennigs Aussagen mehrere gravierende Probleme. Tatsächlich hat er seine Argumente noch an keiner Stelle ausführlich entwickeln können. Dennoch müssen einige erhebliche Schwächen seiner bisherigen Argumentation deutlich herausgestellt werden. In Bezug auf Römer 1–3 stützt sich Wucherpfennig im Wesentlichen auf eine einzige Behauptung: „Paulus spricht nicht von Liebe, sondern von gleichgeschlechtlicher Begierde.“ Daraus folgt, so insinuiert er meines Erachtens, dass genauso wie heterosexuelle Lust das Reich Gottes nicht erben, aber durch aufrichtige Liebe im Rahmen der Ehe verwandelt und erlöst werden kann (1 Kor 7,9), dasselbe für gleichgeschlechtliche Lust gelten müsse.

Paulus dachte nicht an lebenslange gleichgeschlechtliche Partnerschaften

Zweifellos ist es richtig, dass Paulus im Römerbrief die ihm denkbar moralisch verwerflichsten Handlungen herauf beschwört, um eines anderen rhetorischen Zweckes willen. Ganz gewiss denkt er dabei nicht an lebenslange gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Ein solches Phänomen existierte einfach nicht in der griechisch-römischen Welt, in der von verheirateten Männern praktizierte Päderastie der bekannteste Ausdruck von gleichgeschlechtlicher „Liebe“ war. Der bekannte Fall von Hadrian und seinem jugendlichen Liebhaber Antinoos, den der Kaiser schließlich vergöttlichte, ist vielleicht das nächst vergleichbare zu einem derartigen Ausdruck von gegenseitiger Zuneigung.

Dennoch ist es äußerst irreführend, aus diesem Mangel an Liebessprache im Römerbrief und aus der weitgehend missbräuchlichen Natur gleichgeschlechtlicher Verhaltensweisen im ersten Jahrhundert („starke Abhängigkeits- und Unterwürfigkeitsverhältnisse“) zu dem Schluss zu kommen, dass Paulus nicht an den sündhaften Charakter jeglicher sexueller Praktiken zwischen Personen des gleichen Geschlechts geglaubt und diesen nicht unmittelbar gelehrt habe.

Jüdische Texte aus der Zeit des Zweiten Tempels

Es liegen zu viele jüdische Texte aus der Zeit des Zweiten Tempels vor, die das Gegenteil beweisen, als dass man ein solches Urteil als gesichert begründen könnte; und es ist eindeutig, dass die Verbote im Buch Levitikus die Juden der damaligen Zeit davor bewahrten, der offenkundigen sexuellen Freizügigkeit der sie umgebenden heidnischen Kultur zu frönen – eine Freizügigkeit, die Juden wie Paulus für völlig gottlos und abscheulich empfanden. In diesem Zusammenhang ist eine Stelle wie 1 Kor 6,9–10 nicht irgendein oberflächlicher Beweistext, sondern ein kraftvolles Zeugnis für die eindeutige Überzeugung Pauli, wie sie sich ebenfalls im Römerbrief offenbart: „Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lustknaben (malakai), noch „Sodomiten“ (NRSV; arsenokotai), noch Diebe, noch Habgierige, keine Trinker, keine Lästerer, keine Räuber werden das Reich Gottes erben.“

Heutige sexuelle Kategorien unterscheiden sich massiv von antiken Vorstellungen

Da die heutigen sexuellen Kategorien sich auf so vielfältige Weise derart massiv von den antiken Vorstellungen unterscheiden (schon das Wort „homosexuell“ ist ein Hybrid, das im 19. Jahrhundert erfunden wurde), besteht die tatsächliche Herausforderung in der lexikalischen, begrifflichen und kulturellen Übersetzung von Schlüsselbegriffen dieser Passage, wie zum Beispiel den Begriffen malakai und arsenokotai. Diese Worte benennen ganz einfach das, was in der damaligen Zeit die zügellosesten Praktiken gleichgeschlechtlichen Verhaltens waren.

Wie hätte Paulus überhaupt denkbar von „Homosexuellen in einer festen, auf Liebe basierenden Partnerbeziehung“ im Griechisch des ersten Jahrhunderts sprechen können, um diese moralische Schöpfung des 21. Jahrhunderts entweder zu segnen oder zu verurteilen? Sollen wir von einer biblischen Segnung der Euthanasie ausgehen, weil die nächstgelegene Redeweise, die wir in der Heiligen Schrift vorfinden, eine Verurteilung des Mordes ist, der offenbar nicht mit dem gleichen Bekenntnis zu menschlichem Mitgefühl begangen wird? Der Irrtum, eine theologische Lehre auf einer imaginären konzeptuellen Auslassung zu entwerfen, muss daher in Pater Wucherpfennigs Konstruktion offen und ehrlich angesprochen werden.

Die Frage nach der Definition der moralischen Essenz

An der Wurzel dieses Problemkreises steht in vielerlei Hinsicht die Frage danach, wie die moralische Essenz der betreffenden Handlungen zu definieren sei. Pater Wucherpfennig behauptet, dass Paulus‘ Verurteilungen lediglich auf die missbräuchliche Ungleichstellung und die ungeordnete Penetration gesellschaftlich Höherstehender durch ihre Untergebenen abzielen, wie es von diesen malakai und arsenokotai vermutlich praktiziert wurde.

Die Dürftigkeit dieser Position ist offensichtlich in Anbetracht der Tatsache, dass (1) der letztgenannte dieser beiden Ausdrücke (arsenokotai) Männer bezeichnet, die mit anderen Männern ins Bett gehen und unmittelbar Lev 18,22 und Lev 20,13 im Griechischen der Septuaginta-Übersetzung evoziert, Schriftstellen, die einem Mann (arsen) eindeutig verbieten, mit einem anderen Mann zu schlafen (koimao), wie er es mit einer Frau tun würde; dass (2) nichts im Rahmen des Römerbriefes oder des ersten Korintherbriefes (oder 1 Tim 1,10) auf ein fundamentales Interesse hindeutet, abhängige und gefügige Geschlechtspartner zu befreien oder das System der Kinderschändung durch einen Aufruf zur Liebe anzufechten; und dass (3) die Infragestellung der hierarchisch ungeordneten Penetration das Problem von weiblichen gleichgeschlechtlichen Handlungen völlig im Unklaren lässt, die Paulus ebenfalls entschieden verurteilt (Röm 1,26).

Die weitaus zwingendere und weniger anachronistische Lesart ist, dass Paulus‘ Rede über Gleichgeschlechtlichkeit nicht auf missbräuchliche Formen einer sozialen Unterordnung abzielt, sondern auf diejenigen Arten sexueller Unordnung, die wesentlich durch ihren gleichgeschlechtlichen Charakter definiert sind.

Eine bessere Erkennung der Ausprägung des Problems

Dort, wo die Semantik sexuellen Verhaltens weniger heikle Übersetzungsprobleme aufwirft, kann die Ausprägung des Problems vielleicht besser erkannt werden. Nur wenige würden bezweifeln, dass sich viele Unzucht treibende und die Ehe brechende Paare heute wirklich von Herzen lieben (pornoi und moichoi), genauso wie sie sich in der griechisch-römischen Welt des Paulus tatsächlich aufrichtig liebten; und in 1 Kor 6,9–10 zählt Paulus noch einmal diesen Katalog von sündhaften Gräueln auf, weit entfernt von einem Diskurs über die Adelung menschlicher Liebe.

Es wäre ziemlich unredlich, auf dieser Grundlage zu behaupten, dass Paulus ausschließlich gegen jene Art von „Unzucht“ und „Ehebruch“ war, die voll und ganz von einer wahnsinnigen, animalischen und missbräuchlichen Begierde (orexis) angetrieben wird, und frei von jeglichem Hauch von menschlicher Liebe ist.

Der Apostel ist schlicht gegen all diese Ausdrucksformen von ungeordneter Sexualität. Wenn das für ein derartiges Verhalten zwischen Männern und Frauen gilt, wie es in der Tat gewiss der Fall ist, wie vielmehr gilt es dann für das, was Paulus im Römerbrief ausdrücklich als einen Akt contra naturam bezeichnet? Es würde eine verantwortungsvolle historische Vorstellungskraft übersteigen – ja es wäre ein kompletter Missbrauch derselben –, sich Paulus vorzustellen, wie er Hadrians Liebe für Antinoos segnet.

Eine Frage nach der moralischen Autorität von Paulus

Es kann schon sein, dass die moralische Autorität von Paulus von einigen als historisch bedingt und als eingeschränkt angesehen wird bis hin zu dem Punkt, dass er die Kirche nicht länger über gleichgeschlechtliche Sexualpraktiken unterweisen kann. Ein derartiges Untergraben der moralischen Autorität des Apostels fordert zu einer weitergehenden Debatte auf, die für sich genommen wichtig ist. Doch man sollte nicht so tun, als ob Paulus in irgendeiner Weise Partei für das derzeitige Gezeter gegen die überlieferte Lehre der Kirche ergreife. Pastorale Fragen können immer gestellt werden, doch an dogmatischer Klarheit ermangelt es Paulus in keiner Weise.

Die Schilderung der grotesken porneia inmitten der Gemeinde von Korinth, der porneia, „wie sie nicht einmal unter den Heiden vorkommt“ (1 Kor 5,1), der Verbindung eines Mannes mit der Frau seines Vaters, bringt Paulus nicht dazu, über Liebe, Verbindlichkeit oder graduelle Bekehrung zu theoretisieren. Er fordert ganz einfach dazu auf, den Mann unverzüglich aus der Gemeinde zu verstoßen, damit er zur Reue geleitet und somit gerettet werden kann. Wenn manche in der Kirche sich heute moralisch überlegen fühlen in ihren Gesten von Gastlichkeit einer sexuellen Praxis gegenüber, die der antiken heidnischen Welt völlig unbekannt war, so würde Paulus hierin keinen Grund sehen, sich wichtig zu machen (1 Kor 5,2).

Aus dem Englischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt

Der Autor lehrt Exegese des Neuen Testaments in Jerusalem und Washington.