Papst Pius XII. - Advokat des Friedens

"Der Engelspapst" - Am 2. März jährt sich die Wahl von Pius XII. zum 80. Mal. Von Michael Hesemann

Papst Pius XII.
Die Tiara wurde für den Friedenspapst Pius XII. zur Dornenkrone. Foto: IN

Als Eugenio Pacelli am 2. März 1939, seinem 63. Geburtstag, schon im zweiten Wahlgang zum Papst gewählt wurde und sich fortan Pius XII. nannte, war sich die freie Welt einig, dass er der richtige Mann war, um das Schiff Petri sicher durch die stürmische Zeit der antichristlichen Diktaturen zu steuern. Tatsächlich schien es, als habe die Vorsehung ihn ein Leben lang auf diese Aufgabe vorbereitet. Der letzte Römer und Adlige auf der Kathedra Petri stammte aus einer Familie, die seit Generationen im Dienst des Heiligen Stuhls stand. Sein Berufswunsch war, in Rom als Pfarrer zu wirken. Doch schon früh wurden vatikanische Würdenträger auf den brillanten jungen Theologiestudenten aufmerksam. Sie rekrutierten ihn für die päpstliche Diplomatenlaufbahn, holten ihn ins Staatssekretariat, wo ihn Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri unter seine Fittiche nahm. Als „Außenminister“ des Heiligen Stuhls erlebte er die Neutralitätspolitik und Friedensbemühungen Benedikts XV. aus nächster Nähe. Ausgerechnet am Fatima-Tag, dem 13. Mai 1917, weihte ihn der Papst zum Bischof und ernannte ihn zum Titularerzbischof von Sardes, um ihn kurz darauf als neuen Nuntius nach München zu entsenden. Mit dem Königreich Bayern unterhielt der Heilige Stuhl damals diplomatische Beziehungen, mit dem protestantisch-preußischen Kaiserreich noch nicht. Sein Auftrag, Kaiser Wilhelm II. für den päpstlichen Friedensplan zu gewinnen, scheiterte an der Siegesgewissheit der deutschen Generäle. In München wurde Pacelli Zeuge der Nachkriegs-Wirren. Von den Kommunisten der Räterepublik, die ihn 1919 zur Herausgabe der Nuntiatur-Limousine zwingen wollten, ließ er sich nicht einschüchtern. Den Aufstieg Adolf Hitlers erlebte er aus der Nähe – und bescheinigte dem Nationalsozialismus schon 1924, er sei „antikatholisch“ und „die wohl gefährlichste Häresie unserer Zeit“. Für umso dringlicher hielt er es, die Rechte und Stellung der Kirche in dieser Zeit der Umbrüche zu sichern und mit möglichst vielen, gerade auch kirchenfremden Regierungen Konkordate zu schließen. Trotz aller Widrigkeiten erlebte er wohl in München die glücklichste Zeit seines Lebens. Bekanntschaften aus diesen Tagen begleiteten ihn ein Leben lang – allen voran seine ebenso treue wie resolute Haushälterin Pascalina Lehnert, eine Menzinger Lehrschwester vom Heiligen Kreuz, die ihm bis in den Apostolischen Palast folgen sollte. So zog Pacelli 1925 zunächst ungern in das „gottlose Berlin“, um doch bald die Weimarer Republik schätzen zu lernen. Seine engen Kontakte und legendären Reitausflüge auch mit Mitgliedern der Generalität sollten ihn später zum Vertrauensmann des deutschen Widerstandes gegen Hitler werden lassen. Mit der Unterzeichnung der Lateranverträge, seines Lebenswerkes, endete die Dienstzeit Pietro Gasparris und Pacelli wurde 1930 von Pius XI. zum neuen Kardinalstaatssekretär ernannt. Von Rom aus gelang ihm 1933 die Verabschiedung des Konkordats mit dem Deutschen Reich, das jetzt unter der Herrschaft Adolf Hitlers stand. So konnte er bis 1939 ganze 45 Protestnoten an das NS-Regime richten. Schließlich lud er 1937 die drei prominenten Hitler-Gegner Kardinal Faulhaber, Bischof von Preysing und Bischof von Galen nach Rom, um für Pius XI. eine Enzyklika zu verfassen. „Mit brennender Sorge“, von Pacelli selbst in der Sprache verschärft, wurde zur heftigsten Verurteilung eines politischen Regimes in der jüngeren Kirchengeschichte. Kein Wunder, dass Hitler auf jede Gratulation zur Papstwahl verzichtete und das Deutsche Reich bei der feierlichen Inthronisierung Pius XII. am 12. März 1939 nur durch seinen Vatikanbotschafter vertreten war.

Pacelli ahnte, dass „die Tiara für ihn zur Dornenkrone werden“ würde. Denn die Zeichen der Zeit standen auf Krieg. Demonstrativ gab er sich als Friedenspapst, sah in den ersten vier Buchstaben seines Familiennamens einen Wink der Vorsehung. „Opus Iustitiae Pax“, „Der Frieden ist das Werk der Gerechtigkeit“ wurde sein Wahlspruch, die Taube mit dem Ölzweig des Friedens im Schnabel zierte sein Wappen. Noch am 24. August 1939, eine Woche vor Hitlers Einmarsch in Polen, richtete er einen verzweifelten Appell an die Welt: „Nichts ist mit dem Frieden verloren, aber alles kann mit dem Krieg verloren sein!“ Vergeblich. Weder die scheinbare Neutralität des Vatikans noch sein klandestines Bündnis mit dem deutschen Widerstand, der versprach, Hitler zu stürzen, konnten das Morden in Europa beenden. Erst als er sich auf die Botschaft von Fatima besann, geschah das Unglaubliche. Auf seine Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens am 31. Oktober 1942 folgte die Wende im Weltkrieg. Bis dahin, so Churchill, „hatten die Deutschen jede Schlacht gewonnen, seitdem verloren sie eine nach der anderen“. Trotz aller Pläne und Befehle Hitlers, den Vatikan zu stürmen und den Papst zu verschleppen, hielt der Himmel selbst während der neunmonatigen deutschen Besatzung seine schützende Hand über Rom. Vereinzelte Fliegerangriffe richteten keinen größeren Schaden an und auch von den 8 000 römischen Juden, die Hitler deportieren und ermorden lassen wollte, überlebten 6 500, weil Pius XII. die Deportationen stoppte und die Juden in über 200 Klöstern und im Vatikan versteckte. So feierten die Römer ihn als „Defensor civitatis“, die verfolgten Juden aber als ihren größten Retter: Fast eine Million überlebte den Holocaust Dank päpstlicher Rettungsaktionen und 40 diplomatischer Interventionen.

Vor Pius XII. lag jetzt die Jahrhundertaufgabe, ein demokratisches Nachkriegseuropa mitzugestalten. Die europäische Versöhnung und Einigung war sein Ziel. Dem CSU-Mitbegründer Josef Müller riet er zur ökumenischen Ausrichtung seiner Partei; die Zeit der konfessionellen Grabenkämpfe sei vorüber. Als neuen Feind, der die gerade befreite Welt bedrohte, sah er den Kommunismus. Auf diese neue, veränderte Welt bereitete er seine Kirche vor. In zwei Konsistorien internationalisierte er das Kardinalskollegium erstmals mit Bischöfen aus Übersee. Seine Vision war ein Konzil, für das er die theologische Grundlage legte: Kein anderer Papst wurde im II. Vatikanum so oft und ausgiebig zitiert wie er, ganze 219 Mal. Seine 40 Enzykliken behandeln jeden Bereich des kirchlichen und modernen Lebens: Summi pontificatus (1939) die Neuordnung der Staaten, Mystici corporis (1943) eine Definition der Kirche, Divino afflante Spirito (1943) das Verständnis der Heiligen Schrift, Mediator Dei (1947) die Liturgie, Humani generis (1950) den Neo-Modernismus. In unzähligen Ansprachen im Radio und vor Audienzgruppen ging er aus katholischer Perspektive auf politische, wissenschaftliche und medizinische Fragen der Gegenwart ein. Dabei wechselte sich demonstrative Feierlichkeit bei liturgischen und sakramentalen Handlungen stets mit großer Herzlichkeit und Nähe im Umgang mit den Menschen ab.

Zum Höhepunkt seines Pontifikates wurde das „Heilige Jahr“ 1950. Zu Weihnachten gab er die Entdeckung des Petrusgrabes bei geheimen Ausgrabungen während der Kriegsjahre bekannt. Zuvor, am 1. November, hatte er das Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel verkündet und damit als erster (und bislang einziger) Papst vom 1870 definierten Charisma der Unfehlbarkeit Gebrauch gemacht. Unmittelbar vor und nach dem feierlichen Akt erlebte Pius XII. das Sonnenwunder von Fatima in den vatikanischen Gärten.

Vier Jahre später, schwer erkrankt, hatte er eine Christusvision – und wurde augenblicklich geheilt. Für viele Gläubige war der Papst, der 33 Heiligsprechungen (etwa seines früheren Förderers Pius X.) vorgenommen hatte, damit selbst zum Heiligen geworden. Bewahrheitete sich die uralte Prophezeiung des Malachias, war er der „Pastor Angelicus“, der endzeitliche Engelspapst? Die Welt rief jedenfalls „Santo subito!“, als er am 9. Oktober 1958 in Castelgandolfo für immer seine Augen schloss. Noch erinnerte man sich daran, dass er nicht der später von Hochhuth karikierte zaudernde „Stellvertreter“, sondern ein leidenschaftlicher Advokat des Friedens war.