Papst: Allein Christus ist die Hoffnung

Mit Caserta in Kampanien hat Franziskus nach Kalabrien und Molise die dritte Krisenregion Italiens aufgesucht. Von Guido Horst

Vor dem barocken Königsschloss von Caserta feierten zweihunderttausend Gläubige eine bewegende Messe mit Papst Franziskus. Foto: dpa
Vor dem barocken Königsschloss von Caserta feierten zweihunderttausend Gläubige eine bewegende Messe mit Papst Franzisku... Foto: dpa

Rom (DT) Am gestrigen Montag ist Papst Franziskus gleich nochmals in Caserta gewesen, jener Stadt vierzig Kilometer nördlich von Neapel, die zu der italienischen Region Kampanien gehört. Nach dem Gottesdienst in der Ebene von Sibari am 21. Juni in Kalabrien und nach der Region von Molise, wo Franziskus am 5. Juli in der Stadt Campobasso eine Messe gefeiert hatte, war es die dritte Reise des Papstes in ein italienisches Krisengebiet.

Am vergangenen Samstagnachmittag, am Patronatsfest der heiligen Anna, waren um die zweihunderttausend Menschen zu einem Gottesdienst unter freiem Himmel mit Franziskus zusammengeströmt. Gestern dann flog Franziskus mit dem Helikopter wieder dorthin, diesmal, um in völlig privater Form den evangelikalen Pastor Giovanni Traettino und dessen Gemeinde zu besuchen. Diesem evangelischen Pastor, den Franziskus 1998 in Buenos Aires kennengelernt hatte, verdanken die katholischen Gläubigen von Kampanien den Besuch des Papstes. Denn zunächst hatte Franziskus mit seinem Freund Traettino das Treffen in Caserta vereinbart. Dann zog der Bischof von Caserta nach und erreichte beim Papst die Begegnung mit den Menschen der Diözesen Kampaniens.

Die Region ist auch als „Terra dei fuochi“ bekannt, als „Land der Brände“, in dem die Camorra illegal Gefahrenmüll aus Italien und ganz Europa vergraben hat – bis sich die gefährlichen Substanzen entzündeten. Eine hohe Umweltbelastung und überdurchschnittlich hohe Zahlen von Krebserkrankungen sind die Folge. Bei der Messfeier am Samstag strahlte jedoch der alte Glanz des Königreichs Neapel über die Menschenmasse: Als „Bühnenbild“ für den Gottesdienst diente der gewaltige Königspalast von Caserta, ein barocker Bau, kurz die „Reggia“ genannt, den die Bourbonen Mitte des achtzehnten Jahrhunderts errichten ließen. Doch dieser alte Glanz ist in Kampanien längst dahin. Alle drei jetzt im Sommer von Franziskus besuchten Regionen – Kalabrien, Molise und nun Kampanien – leiden unter hoher Arbeitslosigkeit, vor allem der Jugend. Und Kalabrien unter der Mafia und Kampanien unter der Camorra.

Aber der Papst unterließ es diesmal, das Übel mit starken Worten zu geißeln, so wie er es am 21. Juni in der Ebene von Sibari getan hatte, als er von den Exkommunikation der Mafiosi sprach. Franziskus erwähnte auch nicht das Schicksal von Don Peppe Diana, des Pfarrers des nahe gelegenen Orts Casal di Principe, einer Hochburg der casertanischen Camorra, der genau an seinem Geburtstag, am 19. März 1994, in der Sakristei seiner Pfarrkirche von der Camorra erschossen worden war. Stattdessen sprach Franziskus – ausgehend vom Tagesevangelium mit dem Gleichnis vom Schatz im Acker und der wertvollen Perle – über die Hoffnung und den Aufbau des Reichs Gottes auf Erden. Heute, als er angekommen sei, meinte Franziskus in seiner Predigt, habe sich ihm jemand der Gläubigen genähert und ihn gebeten: „Vater, geben Sie uns Hoffnung.“ „Aber ich“, so der Papst weiter, „kann euch die Hoffnung nicht geben, ich kann euch nur sagen, dass dort, wo Jesus ist, auch die Hoffnung ist.“ Das war das Thema seiner Predigt.

Es ging um das Reich Gottes auf Erden. Was das sei, fragte Franziskus mit Bezug auf den Schatz im Acker und die wertvolle Perle, für die die beiden Finder im Evangelium alles hingegeben hätten. Das Reich Gottes auf Erden sei in der Lage, die Welt zu verändern. Und es würde sich in der Person Jesu Christi selbst vergegenwärtigen, sagte Franziskus. Er, der Herr, sei der verborgene Schatz, und es sei die Freude eines jeden Einzelnen, die Nähe und die Gegenwart Jesu Christi im eigenen Leben zu entdecken. Dabei habe jeder, so der Papst weiter, einen eigenen Lebensweg. Manche würden darauf warten, Jesus zu begegnen, für andere geschehe das unerwartet, eher zufällig. Manchmal lasse sich Christus zur unerwarteten Zeit und an ungewöhnlichen Orten finden. Doch wenn man auf ihn stoße, sei man angezogen, fasziniert. Es sei dann eine Freude, das alte, unsympathische Leben abzustoßen und das Evangelium zu umarmen. Die „Logik des neuen Lebens“ finde sich in den Worten des Herrn, im Evangelium. „Ich stelle euch jetzt eine Frage, aber ich will nicht, dass ihr antwortet: Wie viele von euch lesen jeden Tag einen Abschnitt des Evangeliums? Das Evangelium in den Händen zu halten, es auf dem Nachttisch liegen zu haben, im Aktenkoffer, es in der Tasche zu haben, es zu öffnen und das Wort Jesu zu lesen: So kommt das Reich Gottes. Der Kontakt mit dem Wort Jesu bringt uns dem Reich Gottes näher. Denkt daran: Habt immer ein Evangelium zur Hand. Man öffnet es an einer zufälligen Stelle und liest, was Jesus sagt – und Jesus ist dort.“

„Wir müssen

Gott die Ehre geben und Nein sagen

zu allem Bösen“

Es reiche jedoch nicht, sagte der Papst weiter, über diese Entdeckung froh und begeistert zu sein. Es sei nötig, die kostbare Perle des Reichs Gottes in alle irdischen Wirklichkeiten hineinzutragen. „Wir müssen Gott die Ehre geben und Nein sagen zu allem Bösen, zu aller Gewalt und aller Unterdrückung. Denn wir alle kennen die Namen dieser Illegalität!“, rief der Papst und die Zuhörer applaudierten, weil sie den Bezug des Papstes auf das organisierte Verbrechen erkannten. „Wir sind alle aufgerufen“, spielte Franziskus auf die illegalen Mülldeponien an, „das Leben und die Gesundheit der Mitmenschen zu schützen, sowie die Schöpfung und die Natur zu bewahren.“

Am Ende der Messfeier machte Franziskus noch eine Ankündigung. In seiner Grußadresse hatte Bischof Giovanni D’Alise von Caserta dem Papst ausdrücklich für das Privileg gedankt, dass seine Diözese der erste Ort in Kampanien sei, den er aufgesucht habe. Und Franziskus antwortete ihm: „Herzlichen Dank für die vielen netten Worte! Und ich danke euch allen für die brüderliche Aufnahme. Vielen Dank! Und ich bitte euch, für mich zu beten. Macht ihr das bitte? Ich möchte auch dem Erzbischof von Neapel, Kardinal Sepe, danken. Ich habe gehört, dass die Neapolitaner vielleicht ein bisschen eifersüchtig waren, ich weiß nicht… Aber ich will allen Neapolitanern versichern, dass ich sie dieses Jahr bestimmt noch besuchen werde.“ Neapel wird sich freuen.