„Osterfest für Maria“

Maria Vesperbild setzt am Hochfest der Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel Glanzpunkte im Fatimajahr: Pontifikalamt und Lichterprozession mit Kurienkardinal Kurt Koch. Von Regina Einig

Zu Füßen der Muttergottes knieen die Nachbildungen der Hirtenkinder, allerdings nicht wie in Fatima auf der rauen Erde, sondern auf einem bunten Blumenteppich. Foto: Weizenegger
Zu Füßen der Muttergottes knieen die Nachbildungen der Hirtenkinder, allerdings nicht wie in Fatima auf der rauen Erde, ... Foto: Weizenegger

Ziemetshausen (DT) Zwei Bischöfe beim Großen Wallfahrtstag in Maria Vesperbild sind eine Premiere. Kurienkardinal Kurt Koch und Weihbischof Jan Hendriks aus dem Bistum Haarlem-Amsterdam zeigen durch ihre Teilnahme im Fatimajubiläumsjahr, dass der mittelschwäbische Wallfahrtsort über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt ist. Tausende Pilger füllen die Wiese vor der Grotte beim abendlichen Pontifikalamt. Der Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen predigt vor Geistlichen, Seminaristen und Ordensleuten aus verschiedenen Diözesen sowie Laien aller Altersstufen und vieler Sprachgruppen. Auch Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, die Marianische Frauenkongregation Regensburg sowie zahlreiche bayerische Politiker und Vertreter von drei Studentenverbindungen sind gekommen.

Der Zelebrant und Prediger Kardinal Koch betrachtet das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel vor dem Hintergrund, dass „viele Menschen und selbst Christen“ in ihrer Deutung des Todes und dessen, was danach komme, unsicher geworden seien. Darin unterscheide sich die gegenwärtige Situation der Kirche maßgeblich von derjenigen der frühen Kirche. In Anlehnung an den ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther und den darin fest verankerten Glauben an die Auferstehung zitiert Kardinal Koch die Kurzformel der frühen Kirche: „Nimm die Auferstehung hinweg, und auf der Stelle zerstörst du das Christentum“.

Mit dem Glauben an die Auferstehung Christi und die Teilhabe der Toten an ihr „steht und fällt der christliche Glaube“, so der Schweizer Kurienkardinal. Es handele sich bei ihm „um einen radikalen Ernstfall, gleichsam um die Feuerprobe, die er zu bestehen hat“. Als erste habe die Mutter Jesu Anteil an der Auferstehung ihres Sohnes erhalten. Das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel bedeute „Ostern für Maria“ und lade die Gläubigen ein, sich in das Geheimnis dieses Festes zu vertiefen. Die mit der Sonne bekleidete Frau bringe den Menschen „die mütterliche Qualität des Himmels und damit auch Gottes selbst nahe, unterstreicht Kardinal Koch. Durch Jahrhunderte hindurch preise die Kirche Maria daher als die ganz Schöne, die ihrerseits bezeuge, dass „Gott nicht nur gut und wahr ist, sondern vor allem auch schön, und dass wir allen Grund haben, die Schönheit Gottes und aller Menschen, die an ihr Anteil erhalten haben, zu preisen.“ Maria sei das „Urbild und die Siegelbewahrerin“ der ganzen Schöpfung. Wörtlich sagte der Kardinal: „Wen Christus zu sich nehmen und vollenden will, den will er bei sich haben.“ Nichts Geschöpfliches werde liegengelassen, sondern alles heimgebracht. Maria habe Gott in sich aufgenommen. „Ihr Leib ist gleichsam zum lebendigen Tabernakel geworden, in dem das Allerheiligste in unserer Welt gegenwärtig geworden ist. Was Maria für Gott getan hat, genau dies hat Gott bei ihrer Aufnahme in den Himmel an ihr verwirklicht.“

Mit einer Botschaft der Hoffnung schließt der Prediger: In der Vollendung Mariens dürften die Gläubigen heute auch ihre eigene Vollendung vorweg schauen. Das heutige Osterfest für Maria sei auch das Fest der ganzen Kirche. Tief beeindruckt zeigte sich Kardinal Koch nach der Lichterprozession über Maria Vesperbild. „Schon am Morgen werden viele heilige Messen gefeiert – die Kirche ist immer voll“, erklärt er gegenüber dieser Zeitung. An der Grotte sei ihm die Feldrede des Herrn in Erinnerung gekommen. „Es ist eine gute Verbindung von einer tiefen Volksfrömmigkeit und einer neuen Evangelisierung – gerade in der Art und Weise, wie das hier gefeiert wird. Bei der Lichterprozession wird der Glaube nicht nur handgreiflich, sondern auch ,fußgreiflich‘; so etwas wie katholische Gymnastik gehört dazu“.

Greifbar wird der Glaube an einem Fest wie der Aufnahme Mariens in den Himmel zweifellos schon bei der Segnung der Kräuterbuschen im morgendlichen Pilgeramt. Zudem hebt Wallfahrtsdirektor Wilhelm Imkamp in der Predigt anschaulich hervor, dass der im Dom zu Prato in der Toskana verehrte Gürtel des Kleides Mariens vom Glauben des katholischen Volkes an die leibliche Aufnahme Mariens zeugt. Der Legende nach fiel der Gürtel der Muttergottes aus dem Himmel dem Apostel Thomas zu, als dieser bezweifelte, dass die Mutter Jesu mit Leib und Seele in den Himmel gekommen sei. Bischöfliche Versuche, die Verehrung des Gürtels zu unterbinden, scheiterten am Widerstand der Gläubigen. Die Episode zeige, so Prälat Imkamp, „das Bewusstsein der Gläubigen von der Nähe Mariens. Wo die Unwetter der Zeit sind und wo Versagen und Verfolgung droht, ist die Gottesmutter uns nahe in unserem Alltag“. Mehr als fünfhundert Gläubige haben keinen Platz mehr in der Wallfahrtskirche gefunden und feiern die Messe außen vor den Bildschirmen mit. Dass der Wallfahrtsdirektor Ende des Jahres seine Aufgabe an den Nachfolger übergibt, bewegt viele.

Der Amsterdamer Weihbischof Jan Hendriks, der Wallfahrtsdirektor Prälat Wilhelm Imkamp von Begegnungen in Rom kennt, ist mit einer Gruppe niederländischer Priester aus dem Urlaubsdomizil nach Maria Vesperbild gekommen und genießt seinen ersten Besuch in dem mittelschwäbischen Marienheiligtum sichtlich. „Das war weit mehr, als ich erwartet hatte“, stellt er fest. Man spüre, dass die Menschen vom Herzen und vom Glauben getragen sind. Charakteristisch für viele junge Priester ist die Einschätzung von Pfarrer Thomas Zwingmann. Der aus dem Erzbistum Paderborn stammende Geistliche kennt Maria Vesperbild durch mehrfache Besuche. „Ich bin immer wieder aufs Neue begeistert von dem gesamten Setting – sowohl, was die Gläubigen angeht, als auch von der gesunden, normalen Katholizität. Was hier praktiziert wird, ist das Normal-Katholische.“

Normal katholisch klingt das Fest unter Gebeten und Gesängen und dem feierlichen Schlusssegen aus. Geistliche und irdische Freuden warten nach der Prozession auf die Wallfahrer. Ein Augsburger Neupriester spendet auf die spontane Bitte vielen Gläubigen den Primizsegen. Ein kaltes Buffet im Pilgerhaus weist die Haushälterin des Wallfahrtsdirektors als Meisterin der Kochkunst aus. Und zur Erleichterung zahlreicher Bauern und Gärtner fällt auch reichlich Regen vom Nachthimmel. Gleich, wofür und in welcher Sprache an der Grotte gebetet wird: Gnaden fließen in Vesperbild allen zu – und das keineswegs sparsam.