Ost und West im Gebet vereinen

Fatimaprozessionen, Jakobsweg und überregionale Ziele: In der Kapelle „Maria Mutter Europas“ bitten die Gläubigen für die Rechristianisierung des Kontinents

Nach der Fatima-Prozession liegt die Wallfahrtskapelle „Maria Mutter Europas“ still in der Dämmerung. Wer das kleine Gotteshaus am südlichen Ende der kargen Schwäbischen Alb in Gnadenweiler zwischen Sigmaringen und Tuttlingen sieht, vermutet nicht unbedingt, dass das Gotteshaus so rasch Ziel zahlreicher Wallfahrer und Pilger geworden ist. Mit Blick auf ganz Europa steht sie in etwa auch im geografischen Herzen des Kontinents. Dieser Umstand ist von Bedeutung, denn das Patrozinium „Maria Mutter Europas“ ist bis dato ein sehr seltenes. Obwohl die Kapelle in Gnadenweiler erst am 9. Mai 2007 – dem Fest Maria Gratia – vom emeritierten Abtprimas der Benediktiner und Augsburger Abtbischof Viktor Dammertz OSB geweiht wurde, kommen bereits jährlich etwa 15 000 Besucher, um das neue Marienheiligtum zu Gottesdiensten, Prozessionen, Führungen oder auf dem Jakobsweg zu besuchen. Zum Zeitpunkt der Kirchweihe war sie erst die zweite ihrer Art. Die erste befindet sich in Gibraltar. Die ehemalige Moschee und zur christlichen Kirche umgeweihte Kapelle „Our Lady of Europe“ entstand in Erinnerung an die Reconquista beziehungsweise die Vertreibung der maurischen Besatzer in Spanien. In dieser Tradition will die Kapelle „Maria Mutter Europas“ ein Signum zur Erhaltung und zukünftigen Einigung Europas in seiner biblisch-christlichen Konstitution sein.

Vom Sinn, in diesen Zeiten ein neues Gotteshaus zu errichten

In Zeiten des Glaubensverlustes und der Aufgabe von Gotteshäusern erscheint es vordergründig fragwürdig, im 21. Jahrhundert einen neuen Wallfahrtsort zu errichten. Pater Notker Hiegl OSB, Initiator der Kapelle und Pfarradministrator der zuständigen Gemeinde Bärenthal, rechtfertigt den Aufwand: „Das Entscheidende ist, dass Europa christlich bleibt und wieder christlicher wird. Europa ist nominal christlich, in der Praxis jedoch kaum mehr. Die Neuevangelisierung, die Johannes Paul II. vor allem durch die Weltjugendtage ins Leben gerufen hat, soll europaweit gestärkt werden. In unserer Zeit und ihren Lebensbedingungen benötigen wir überregionale Maßnahmen, um dem Zugriff alter und neuer Ideologien auf Europa entgegen treten zu können.“

Aktuell setzt sich diese Mission im Bau einer weiteren Kapelle zur Ehre Marias als Mutter Europas fort. Sie wird in Beresniki am Fuße des Ural errichtet, wo Pfarrer Erich Maria Fink mit der katholischen Gemeinde das östliche Ende Europas markiert. Für diesen Auftrag ist er seit dem Jahre 2000 vom Bischof von Augsburg freigestellt. Gibraltar, Gnadenweiler, Beresniki – diese Achse des Büßens wurde am 5. Mai regelrecht verbrieft, als die Vertreter der drei Europaheiligtümer anlässlich der 700-jährigen Weihe der Kapelle „Our Lady of Europe“ in Gibraltar die Gebetsverbrüderung bezeugten. Auf Einladung des Bischofs von Gibraltar, Charles Carauna, kamen die Verantwortlichen zusammen und unterzeichneten am Rand der Feierlichkeiten die Ziegenleder-Urkunden zur Bestätigung ihres gemeinsamen Handelns.

Zur Ausstrahlung des Ortes tragen die Fatimaprozessionen bei. Entsprechend den Erscheinungsdaten treffen sich an jedem 13. der Monate Mai bis Oktober die Gläubigen am benachbarten Vogelbühl, um anschließend in Prozession zum Marienheiligtum zu ziehen. Begründet ist diese Glaubenspraxis aus dem zweiten der drei Geheimnisse, das den Kindern Lucia, Jacinta und Francesco 1917 in Portugal offenbart wurde. Russland werde sich bekehren, wenn das Unbefleckte Herz Mariens verehrt wird. Der historische Hintergrund besteht zweifelsohne in der russischen Revolution und der Ausbreitung des Kommunismus. „Über ganz Europa tragen wir in Gebetsverbrüderungen den Aufruf Mariens nach Russland hinein“, unterstreicht der Beuroner Benediktinermönch Notker Hiegl. Den Fall des Eisernen Vorhangs sieht er lediglich als Zwischenschritt, denn zum einen gehört die Verbrüderung und Vereinigung der West- und Ostkirche ebenso zum Auftrag wie die Überwindung des „Kommunismus, der zwar die administrative Macht abgeben musste, aber bis zum heutigen Tag existiert. Um dessen Abbau wird heute gebetet“.

Jakobspilgertage auf der Via Beuronensis

Die Kapelle „Maria Mutter Europas“ befindet sich auch am Jakobsweg. Wer auf der Via Beuronensis von Tübingen/Rottenburg nach Messkirch und weiter nach Konstanz und Einsiedeln pilgert, kommt auch durch Gnadenweiler. Der europaweit verzweigte Jakobsweg wurde bereits Ende der 80er Jahre vom Europarat zum ersten Europäischen Kulturweg und 1992 zum Weltkulturerbe der UNESCO ernannt. Neben den Fatima-Wallfahrten finden in Zusammenarbeit mit anderen Initiativen auch regelmäßig Jakobspilgertage statt, bei denen auch Statio an der Kapelle „Maria Mutter Europas“ gehalten wird, ehe es ins Donautal zur Erzabtei Beuron, dem Kloster von Pater Notker Hiegl, geht. Die Benediktiner waren seit jeher trotz der Bindung an eine Heimatabtei wesentlich mitverantwortlich für die (Re-)Christianisierung Europas. Diese begann bereits zur Zeit Gregors des Großen, der die Benediktiner bis in den Norden Europas aussandte. Diese sorgten dann durch die angelsächsischen Wandermönchen wie Bonifatius, Kolumban, Kilian oder Gallus für eine zweite Christianisierung in Mitteleuropa. Dies setzt sich fort bis hin zum „monastischen Frühling“ am Ende des 19. Jahrhunderts, der – ausgehend von der Beuroner Kongregation – die Missionsbenediktiner hervorbrachte. Während diese ihr Aufgabengebiet bisher in Afrika, Asien und Südamerika hatten, scheint sich auch deren Gottsuche zusätzlich in die eigene Heimat verlagern zu müssen, wie die Neugründung des Klosters „San Salvador“ mit dem Pilgerhospiz „Mater Salutis“ von 2001 am Jakobsweg im nordspanischen Rabanal del Camino zeigt.

Doch damit nicht genug, denn der diesjährige Urlaub von Pater Notker brachte neue Inspiration, die er kürzlich bei einer Predigt der Öffentlichkeit vorstellte. Während seines Urlaubs bei Dominikanerinnen in der Schweiz knüpfte er Kontakt zum Bischof von Reykjavik, der aus dem Kanton Schwyz stammt. Die West-Ost-Linie Gibraltar-Gnadenweiler-Beresniki warf die Frage auf: „Warum nicht das erlösende Kreuz Jesu Christi über ganz Europa legen? Und so Gott will und die Kraft ausreicht, wird es zum Bau einer weiteren Kapelle zu Ehren Marias als Mutter Europas an der nord-westlichen Grenze des Kontinents kommen. Dann fehlt noch die fünfte Kapelle zur Vollendung des Signums unserer Erlösung und Freude. Dabei kommt es darauf an, wo auf Island die Kapelle ihren Platz findet. Der Querbalken läge dann voraussichtlich auf Sizilien oder Kreta, wo die fünfte Kapelle errichtet würde“, erklärt Pater Notker. Auch unterschiedliche Konfessionen stellen trotz der katholischen Initiation kein Problem dar. „Hier wurden bereits katholische, orthodoxe und protestantische Gottesdienste gefeiert. Wichtig ist zunächst nur, dass sich die Menschen im Namen Christi versammeln. Wir erwarten nicht, dass alle Gläubigen über die vielschichtigen Probleme der Ökumene Bescheid wissen.“

Das Tempo der hervorquellenden Kapellen steht fast schon im Widerspruch zur Entstehung der Kapelle auf dem Gnadenweiler, deren Errichtung eine lange Vorgeschichte hat. Bereits 1870 billigte der damalige Erzbischof von Freiburg, Lothar Kübel, dass „der Bürger Mathias Biselli eine kleine Kapelle in Gnadenweiler zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria auf seine Kosten erbaue“. Allerdings kam das Vorhaben nicht zur Ausführung. Ein zweiter Versuch folgte 1916. Die Gründung des Kapellenfonds Gnadenweiler reichte angesichts der allseitigen Belastungen der Kriegsjahre und der damit einhergehenden Armut nicht aus. Es kam zu Streitigkeiten, an deren Ende 1919 die erzbischöfliche Verfügung stand, wonach die gestifteten „Grundstücke dem Biselly wieder, wenn nötig auch völlig unentgeltlich zurückgegeben werden“. Nach 90 weiteren Jahren stiftete erneut ein Gnadenweiler Bürger, Gottfried Bisely, das Grundstück und der Bau gelang. Bis heute steht der über 70-jährige bereit, wenn noch mehr Gäste kommen als erwartet kommen. Dann transportiert er spontan und zügig mit seinem Radlader Bänke heran. Sie bieten den Teilnehmern Sitzgelegenheit auf der Wiese vor der Kapelle, die sowohl geschlossen als auch mit geöffneter Front zu Gottesdiensten genutzt werden kann. Vor Ort verwirklichen sich die hohen Aufträge häufig ganz unkompliziert.

Ausgefallenes künstlerisches Konzept

Die Kapelle „Maria Mutter Europas“ wird nicht zuletzt wegen ihrer künstlerischen Konzeption besucht. Zahlreiche Buswallfahrer sind nicht nur an den Gottesdiensten interessiert, sondern wünschen sich auch eine Führung durch die Architektur und Bildwerke der beliebten Kapelle. Das postmoderne Gebäude ist voller alt- und neutestamentlicher Zeichen aus den unterschiedlichsten Stilen und Epochen. Sie ist eine konsequente Fortsetzung der Zusammenarbeit von Pater Notker Hiegl und dem Breisacher Künstler Helmut Lutz, die zuvor bereits gemeinsame Kunstprojekte realisiert haben. Während sich die Kunst unserer Zeit häufig als maximale Inhaltsentleerung geriert, findet die Kapelle zurück zu einer Fülle von Zeichen auf geringstem Raum, die mit zahlreichen biblischen Bezügen den Besuchern Freude und Gnade der Schöpfung vorstellt. Von Kitsch keine Spur, von betonierten Gebetswürfeln ebenso wenig. Jedes Zeichen und jedes Maß ist hier nicht nur bedeutungsgefüllt, sondern wird den Besuchern in Führungen vermittelt. Die Architektur wendet sich auch einfach an das ästhetische Empfinden des Besuchers.

Um die Beschaulichkeit könnte es allerdings bald geschehen sein. Doch damit rechnen die wenigen Bürger des Weilers bereits seit längerem. Europäisch gefördert, wird in Kürze das im Bau befindliche Panoramacafé eröffnet.