„Ohne Gebet wird unser Tun leer“

Was lernen wir von Maria und Marta? Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters während der Generalaudienz am 25. April 2012

Maria hört Jesus zu. Freiburger Evangeliar. Foto: KNA
Maria hört Jesus zu. Freiburger Evangeliar. Foto: KNA

Liebe Brüder und Schwestern!

Bei der vergangenen Katechese habe ich gezeigt, dass die Kirche von Beginn ihres Weges an mit unvorhergesehenen Situationen, mit neuen Fragen und Notfällen umgehen musste, auf die sie im Lichte des Glaubens eine Antwort zu geben versucht hat, indem sie sich vom Heiligen Geist führen ließ. Heute möchte ich mich mit der Betrachtung einer weiteren dieser Situationen befassen, einem ernsten Problem, das die erste christliche Gemeinde von Jerusalem angehen und lösen musste, wie uns der heilige Lukas im sechsten Kapitel der Apostelgeschichte berichtet: der Dienst der Nächstenliebe gegenüber einsamen sowie pflege- und hilfsbedürftigen Menschen.

Die Frage ist nicht zweitrangig für die Kirche und sie drohte in diesem Moment zu Spaltungen in ihrem Inneren zu führen; die Zahl der Jünger wuchs, doch die Jünger griechischer Sprache begannen sich gegenüber den Jüngern aramäischer Sprache zu beklagen, weil ihre Witwen bei den täglichen Zuteilungen benachteiligt wurden (vgl. Apg 6, 1). Angesichts dieser Dringlichkeit, die einen fundamentalen Aspekt im Leben der Gemeinde betraf, nämlich die Nächstenliebe gegenüber den Schwachen, den Armen und den Wehrlosen sowie die Gerechtigkeit, berufen die Apostel die ganze Gruppe der Jünger ein. In diesem Moment pastoraler Not zeigt sich das Urteilsvermögen der Apostel. Sie stehen der primären Anforderung gegenüber, entsprechend dem Auftrag des Herrn das Wort Gottes zu verkünden, doch – auch wenn dies die primäre Anforderung der Kirche ist – sie sehen sich mit ebensolcher Ernsthaftigkeit zur Nächstenliebe und zur Gerechtigkeit verpflichtet, also dazu, die Witwen und die Armen zu unterstützen und sich liebevoll um die Notsituationen zu kümmern, in denen die Brüder und Schwestern sich befinden, um so das Gebot Jesu zu befolgen: liebt einander, so wie ich euch geliebt habe (vgl. Joh 15, 12.17). Die beiden Realitäten, die in der Kirche existieren müssen – die Verkündigung des Wortes, der Primat Gottes, und die konkrete Nächstenliebe, die Gerechtigkeit – führen also zu Schwierigkeiten, und es muss eine Lösung gefunden werden, damit beide ihren Platz, ihr notwendiges Verhältnis haben können. Die Überlegung der Apostel ist ganz klar, und sie erklären, wie wir gesagt haben: „Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und uns dem Dienst an den Tischen widmen. Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit; ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen. Wir aber wollen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben“ (Apg 6, 2–4).

Zwei Dinge zeigen sich hier: erstens, dass von diesem Moment an in der Kirche ein Dienst der Nächstenliebe existiert. Die Kirche soll nicht nur das Wort verkünden, sondern das Wort, das die Liebe und die Wahrheit ist, auch verwirklichen. Und zweitens, dass diese Männer sich nicht nur eines guten Rufs erfreuen müssen, sondern dass sie vom Heiligen Geist und von Weisheit erfüllt sein sollen, das heißt sie sollen nicht nur „Macher“ sein, sondern im Geist des Glaubens und im Licht Gottes, mit der Weisheit des Herzens handeln. Daher ist ihre Aufgabe – wenngleich sie vor allem praktischer Art ist – auch eine geistliche Aufgabe. Die Nächstenliebe und die Gerechtigkeit sind nicht nur soziales Handeln, sondern sie sind geistliches Handeln, das im Licht des Heiligen Geistes durchgeführt wird.

Wir können also sagen, dass diese Situation seitens der Apostel mit großer Verantwortung angegangen wird, die folgende Entscheidung treffen: Es werden sieben Männer ausgewählt; die Apostel beten, um die Kraft des Heiligen Geistes zu erbitten; und dann legen sie ihnen die Hände auf, damit sie sich auf besondere Weise diesem Dienst der Nächstenliebe widmen mögen. So wird im Leben der Kirche, bei ihren ersten Schritten, in gewisser Weise das widergespiegelt, was während des öffentlichen Wirkens Jesu im Haus von Marta und Maria in Bethanien geschehen war. Marta war ganz davon in Anspruch genommen, Jesus und seinen Jüngern den Dienst ihrer Gastfreundschaft anzubieten; Maria hingegen widmet sich dem Hören auf das Wort des Herrn (vgl. Lk 10,38-42). In beiden Fällen werden die Momente des Gebets und des Hörens auf Gott sowie die tägliche Aktivität, die Ausübung der Nächstenliebe, einander nicht entgegengesetzt. Die Ermahnung Jesu: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden“ (Lk 10, 41–42), sowie auch die Überlegung der Apostel: „Wir aber wollen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben“ (Apg 6, 4), zeigen, dass wir Gott den Vorrang einräumen müssen.

Ich möchte jetzt nicht auf die Interpretation dieser Perikope Marta-Maria eingehen. Jedenfalls wird das Handeln für den Nächsten, für den Anderen, nicht verworfen, doch es wird hervorgehoben, dass es innerlich auch vom Geist der Betrachtung durchdrungen sein muss. Andererseits sagt der heilige Augustinus, dass diese Realität Marias eine Sicht auf unseren Zustand im Himmel ist: Auf der Erde können wir dies also nie vollkommen erreichen, doch eine gewisse Vorwegnahme muss in all unserem Handeln da sein. Auch die Betrachtung Gottes muss da sein. Wir dürfen uns nicht in reinem Aktivismus verlieren, sondern müssen unser Handeln immer auch vom Licht des Wortes Gottes durchdringen lassen und so die wahre Nächstenliebe, den wahren Dienst für den anderen lernen, der nicht vieler Dinge bedarf – obwohl er natürlich der notwendigen Dinge bedarf –, sondern vor allem der Zuneigung unseres Herzens, des göttlichen Lichts.

Der heilige Ambrosius, der die Episode von Marta und Maria kommentiert, ermuntert seine Gläubigen und auch uns auf folgende Weise: „Befleißigen denn auch wir uns eines Besitzteiles, den niemand uns wegnehmen kann! Nicht vorübergehenden Diensten, sondern fleißigem Anhören [des Wortes Gottes] wollen wir uns widmen. Selbst auch die Samensaat des himmlischen Wortes pflegt ja hinweggenommen zu werden, falls sie an den Weg gesät wird. Möge dich wie Maria das Verlangen nach Weisheit beseelen! Denn dies ist die wichtigere, dies die vollkommenere Beschäftigung.“

Und er fügt hinzu: „Nicht darf die Sorge um den Dienst die Kenntnis des himmlischen Wortes behindern“, das Gebet behindern (Lukaskommentar, VII, 85: PL 15, 1720). Die Heiligen haben also eine tiefe Einheit zwischen Gebet und Handeln erfahren, zwischen der vollkommenen Gottesliebe und der Liebe zu den Brüdern. Der heilige Bernhard, der ein Vorbild für den Einklang von Kontemplation und Tätigkeit ist, besteht in seinem Buch „De consideratione“, das an Papst Innozenz II. gerichtet ist, um ihm einige Überlegungen zu seinem Amt anzubieten, gerade auf der Wichtigkeit der inneren Sammlung, des Gebets, um sich vor den Gefahren einer übertriebenen Aktivität zu schützen, in welchem Zustand auch immer man sich befindet und welcher Aufgabe auch immer man nachgeht. Der heilige Bernhard erklärt, ein Übermaß an Beschäftigung, ein hektisches Leben, führe häufig zu einer Verhärtung des Herzens und lasse den Geist leiden (vgl. II, 3).

Das ist für uns heute eine wertvolle Ermahnung, die wir es gewohnt sind, alles nach dem Kriterium der Produktivität und der Effizienz zu bewerten. Der Abschnitt aus der Apostelgeschichte erinnert uns an die Bedeutung der Arbeit – ohne Zweifel wird ein wahrer und eigener Dienst geschaffen –, an den Einsatz im täglichen Handeln, das verantwortlich und gewissenhaft durchgeführt werden muss, doch auch an unser Bedürfnis nach Gott, nach seiner Führung, nach seinem Licht, die uns Kraft und Hoffnung schenken. Ohne das tägliche, treu durchgeführte Gebet wird unser Tun leer, verliert es seine Seele, wird es auf einen einfachen Aktivismus reduziert, der am Ende nicht befriedigt. Es gibt eine schöne Anrufung der christlichen Tradition, die am Beginn jeder Tätigkeit gebetet werden soll und lautet: „Actiones nostras, quaesumus, Domine, aspirando praeveni et adiuvando prosequere, ut cuncta nostra oratio et operatio a te semper incipiat, et per te coepta finiatur“, also: „Herr, komm unserem Beten und Arbeiten mit deiner Gnade zuvor und begleite es, damit alles, was wir beginnen, bei dir seinen Anfang nehme und in dir zu Ende komme.“ Jeder Schritt unseres Lebens, jede Handlung, auch der Kirche, muss vor Gott, im Licht seines Wortes geschehen.

In der Katechese am vergangenen Mittwoch haben wir das gemeinsame Gebet der ersten christlichen Gemeinde angesichts der Prüfung hervorgehoben und wie sie gerade im Gebet, im Nachdenken über die Heilige Schrift, die Geschehnisse, die sich ereigneten, verstehen konnte. Wenn das Gebet vom Wort Gottes gestärkt wird, können wir die Wirklichkeit mit neuen Augen sehen, mit den Augen des Glaubens, und der Herr, der zu unserem Herzen und zu unserem Verstand spricht, schenkt dem Weg in jedem Moment und in jeder Situation neues Licht. Wir glauben an die Kraft des Wortes Gottes und des Gebets. Auch die Schwierigkeit, der sich die Kirche angesichts des Problems, den Armen zu dienen, der Frage der Nächstenliebe, gegenübersah, wird im Gebet, im Licht Gottes, des Heiligen Geistes, überwunden. Die Apostel beschränken sich nicht darauf, die Wahl des Stephanus und der anderen Männer gutzuheißen, sondern sie „beteten und legten ihnen die Hände auf“ (Apg 6, 6). Der Evangelist wird anlässlich der Wahl von Paulus und Barnabas erneut an diese Gesten erinnern, wo wir lesen: „Da fasteten und beteten sie, legten ihnen die Hände auf und ließen sie ziehen“ (Apg 13, 3). Das bestätigt erneut, dass der praktische Dienst der Nächstenliebe ein geistlicher Dienst ist. Beide Realitäten müssen Hand in Hand gehen.

Mit der Geste der Handauflegung übertragen die Apostel sieben Männern einen besonderen Dienst, damit ihnen die entsprechende Gnade geschenkt werde. Die Hervorhebung des Gebets – „da ... beteten sie“ heißt es – ist wichtig, weil es gerade die geistliche Dimension der Geste herausstellt; es handelt sich nicht einfach darum, eine Aufgabe zu übertragen, wie es in einer sozialen Organisation geschieht, sondern es ist ein kirchliches Ereignis, bei dem sich der Heilige Geist sieben von der Kirche gewählte Männer zueignet und sie in der Wahrheit weiht, die Jesus Christus ist: Er ist der stille Protagonist, gegenwärtig im Auflegen der Hände, auf dass die Erwählten von seiner Macht verwandelt und geheiligt werden, um den praktischen Herausforderungen, den pastoralen Herausforderungen zu begegnen. Und die Hervorhebung des Gebets erinnert uns zudem daran, dass nur aus der engen, jeden Tag gepflegten Beziehung zu Gott heraus die Antwort auf die Wahl des Herrn entsteht und jeder Dienst in der Kirche anvertraut wird.

Liebe Brüder und Schwestern, das pastorale Problem, das die Apostel dazu geführt hat, sieben mit dem Dienst der Nächstenliebe beauftragte Männer auszuwählen und ihnen die Hände aufzulegen, damit sie sich selbst dem Gebet und der Verkündigung des Wortes widmen konnten, zeigt auch uns den Primat des Gebets und des Wortes Gottes an, aus dem dann jedoch auch das pastorale Handeln hervorgeht. Für die Hirten ist dies die erste und wertvollste Form des Dienstes für die ihnen anvertraute Herde. Wenn die Lungen des Gebets und des Wortes Gottes nicht den Atem unseres geistlichen Lebens versorgen, laufen wir Gefahr, an den tausenderlei Dingen eines jeden Tages zu ersticken: Das Gebet ist der Atem der Seele und des Lebens. Und es gibt eine weitere wertvolle Ermahnung, die ich hervorheben möchte: In der Beziehung zu Gott, im Hören auf sein Wort, im Dialog mit Gott, sind wir, auch wenn wir uns in der Stille einer Kirche oder unseres Zimmers befinden, im Herrn mit vielen Brüdern und Schwestern im Glauben vereint, wie eine Gruppe von Instrumenten, die trotz ihrer Individualität eine einzige große Sinfonie der Fürsprache, des Dankes und des Lobpreises zu Gott erheben. Danke.

Die deutschsprachigen Gäste

begrüßte der Papst mit den Worten:

Ganz herzlich grüße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher, insbesondere die Gruppe der Hörer des Bayerischen Rundfunks. Inmitten der Herausforderungen des täglichen Miteinanders haben die Apostel den Vorrang Gottes betont. Auch wir wollen die Prioritäten richtig setzen, damit das Gebet und das Wort Gottes der Atem unserer Seele und unseres Lebens sein können und wir nicht unter den vielen Alltagsdingen ersticken und die Maßstäbe verlieren und selber leer werden. Der Herr schenke uns allen dazu seinen Segen.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller