Ohne Gebet verliert die Ökumene ihre Seele

Benedikt XVI. bei dem ökumenischen Treffen in der St.-Josef-Pfarrei in New York

Liebe Brüder und Schwestern in Christus, mein Herz fließt über von Dankbarkeit gegenüber dem Allmächtigen Gott – „ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist“ (Eph 4,6) – für diese gesegnete Gelegenheit, mit Euch an diesem Abend zum Gebet zusammenzukommen. Ich danke Bischof Dennis Sullivan für seinen herzlichen Willkommensgruß und ich entbiete allen, die hier zusammengekommen sind und die christlichen Gemeinschaften der Vereinigten Staaten vertreten, meinen herzlichsten Gruß. Möge der Friede unseres Herrn und Retters mit Euch allen sein!

Durch Sie möchte ich allen meine tiefe Hochachtung aussprechen, die unverzichtbare Arbeit für die Ökumene leisten: dem Nationalen Rat der Kirchen, der Organisation „Christian Churches Together“, dem Sekretariat der katholischen Bischofskonferenz für Ökumenische und Interreligiöse Angelegenheiten und den vielen anderen Einrichtungen. Der Beitrag der Christen in den Vereinigten Staaten zur ökumenischen Bewegung ist in der ganzen Welt zu spüren. Ich ermutige Sie alle zum Durchhalten und dazu, immer auf die Gnade des auferstandenen Christus zu vertrauen, dem wir dadurch dienen wollen, indem wir danach trachten, „in seinem Namen alle Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu führen“ (Röm 1,5). Wir haben gerade eine Schriftlesung gehört, in der Paulus – ein „Gefangener des Herrn“ – seinen eindringlichen Appell an die Mitglieder der christlichen Gemeinschaft in Ephesus richtet und schreibt: „Ich (...) ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging. (...) und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält.“ (Eph. 4,1-3) Im Anschluss an seine leidenschaftliche Litanei für die Einheit erinnert Paulus seine Zuhörer daran, dass Jesus nach seiner Auffahrt in den Himmel allen Männern und Frauen all jene Gaben geschenkt hat, die notwendig sind, um den Leib Christi aufzubauen (vgl. Eph. 4,11–13).

Die Ermahnungen des Paulus haben bis heute nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren. Seine Worte geben uns auch heute das Vertrauen, dass uns der Herr in unserer Suche nach Einheit niemals verlassen wird. Sie fordern uns auch dazu auf, unser Leben in einer Weise zu führen, dass wir Zeugnis davon ablegen „ein Herz und eine Seele“ (Apostelgeschichte 4,32) zu sein, denn dies war immer das herausragende Erkennungsmerkmal für die christliche koinonia (Apostelgeschichte 2,42) und für die Kraft, andere dazu zu bewegen, in die Gemeinschaft der Gläubigen einzutreten, damit auch sie Anteil haben mögen an dem „unergründlichen Reichtum Christi“ (Eph. 3,8; vgl. Apostelgeschichte 2,47; 5,14).

Die Globalisierung stellt die Menschheit zwischen zwei Pole. Auf der einen Seite spüren wir ein wachsendes Gefühl der Verbundenheit und der Interdependenz zwischen den Völkern und das sogar dann, wenn sie – geographisch und kulturell gesprochen – immens weit auseinanderleben. Diese neue Gegebenheit bietet das Potenzial zur Stärkung eines Gefühls der globalen Solidarität und der gemeinsamen Verantwortung für das Wohl der Menschheit. Auf der anderen Seite können wir nicht leugnen, dass die schnellen Veränderungen, die in der Welt geschehen, auch beunruhigende Zeichen der Fragmentation und des Rückzugs in den Individualismus aufweisen. Der immer größere Ausmaße annehmende Gebrauch elektronischer Kommunikationsmittel hat, paradoxerweise, in manchen Fällen zu einer größeren Isolation geführt.

Mit der Hoffnung des Glaubens

Besorgniserregend ist auch die zunehmende Verbreitung säkularistischer Ideen, die übernatürliche Wahrheiten unterminieren oder zurückweisen. Die bloße Möglichkeit einer göttlichen Offenbarung, und damit des christlichen Glaubens, wird oftmals von kulturellen Modeströmungen, die in der akademischen Welt, in den Massenmedien und in der öffentlichen Debatte weit verbreitet werden, in Frage gestellt. Aus all diesen Gründen ist das treue Bezeugen des Evangeliums so wichtig wie je zuvor. Die Christen sind aufgerufen, eindeutig zu zeigen, von welcher Hoffnung sie erfüllt sind (vgl. 1 Petrus 3,15).

Viel zu oft sind Nicht-Christen angesichts der zu beobachtenden Zersplitterung der christlichen Gemeinschaften verständlicherweise verwirrt, was die eigentliche Botschaft des Evangeliums angeht. Grundlegende christliche Glaubenswahrheiten und Praktiken werden manchmal innerhalb der Gemeinschaft durch sogenannte „prophetische Aktionen“ geändert, die auf einer Hermeneutik basieren, die nicht immer mit den anerkannten Elementen der Bibel und der Tradition übereinstimmt. Folgerichtig geben diese Gruppierungen jeglichen Versuch auf, als eine einheitliche Gemeinschaft zu agieren und entscheiden sich dazu, gemäß der Idee „lokaler Optionen“ zu handeln. In diesem Prozess geht an irgendeiner Stelle das Bedürfnis nach einer diachronischen koinonia – Gemeinschaft innerhalb der Kirche und zu allen Zeiten – verloren und das zu einer Zeit, in der die Welt ihre Peilung verliert und ein überzeugendes gemeinsames Zeugnis für die rettende Kraft des Evangeliums nötig ist. (vgl. Römer 1,18-23).

Angesichts dieser Schwierigkeiten müssen wir uns an erster Stelle ins Gedächtnis rufen, dass die Einheit der Kirche Ausfluss des perfekten Einssein des Dreieinigen Gottes ist. Im Johannes-Evangelium wird uns berichtet, dass Jesus zum Vater gebetet hat, dass seine Jünger eins sein mögen „wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin“ (Joh. 17,21). Dieser Abschnitt spiegelt die unabänderliche Überzeugung der ersten christlichen Gemeinschaften wider, dass diese Einheit ihren Grund in der Einheit zwischen dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist hat und dessen Abbild ist. Dies wiederum suggeriert, dass der innere Zusammenhalt unter den Gläubigen auf der grundlegenden Integrität ihrer Glaubensüberzeugung basierte (vgl. 1 Tim. 1,3-11). Durch das gesamte Neue Testament zieht sich der Aufruf an die Apostel, Zeugnis ihres Glaubens sowohl gegenüber den Nichtjuden (vgl. Apostelgeschichte 17,16–34) und den Juden (Apostelgeschichte 4,5–22; 5,27–42) abzulegen. Herzstück ihrer Argumentation war immer die historische Tatsache von der leiblichen Auferstehung Jesu aus dem Grab (Apostelgeschichte 2,24, 32; 3,15; 4,10; 5,30; 10,40; 13,30). Die ultimative Wirksamkeit ihrer Predigten basierte nicht auf „hochtrabenden Worten“ oder auf „menschlicher Weisheit (1 Kor. 2,13) sondern vielmehr auf dem Wirken des Heiligen Geistes (Eph. 3,5), der das verlässliche Zeugnis der Apostel bestätigte. (vgl. 1 Kor. 15:1-11). Der Wesenskern der Predigten des Paulus und der der Frühkirche war nichts anderes als Jesus Christus, „der Gekreuzigte“ (1 Kor. 2,2). Aber diese Verkündigung musste auf der Zusicherung einer reinen normativen Doktrin basieren, wie sie in glaubensbekenntnismäßigen Formeln – Symbolen – ausgedrückt ist, die das Wesen des christlichen Glaubens artikulieren und das Fundament für die Einheit der Getauften bilden (vgl. 1 Kor. 15,3–5; Galater 1,6–9; Unitatis Redintegratio, 2).

Meine lieben Freunde, die Kraft der kerygma hat nichts von ihrer internen Dynamik verloren. Dennoch müssen wir uns fragen, ob ihre wirkliche Kraft nicht von einer relativistischen Annäherung an die christliche Doktrin abgeschwächt wurde, ähnlich wie dies bei säkularen Ideologien gefunden werden kann, die, unter Hinweis darauf, dass die Wissenschaft allein „objektiv“ ist, die Religion vollständig in die subjektive Sphäre des individuellen Gefühls verbannen wollen.

Persönliche Erfahrungen

Wissenschaftliche Entdeckungen und deren Anwendung durch menschlichen Ideenreichtum bieten zweifellos neue Möglichkeiten für den Fortschritt der Menschheit. Das bedeutet jedoch nicht, dass das „mit dem Verstand erkennbare“ auf das empirisch beweisbare beschränkt ist oder dass die Religion von dem sich ständig verändernden Bereich der „persönlichen Erfahrung“ begrenzt wird.

Wenn Christen diesem falschen Gedankengang folgen würden, liefen sie Gefahr zu glauben, dass es kaum eine Notwendigkeit dafür gibt, bei der Vorstellung des christlichen Glaubens auf objektive Wahrheiten Wert zu legen, denn dann bräuchte man ja nur dem eigenen Gewissen folgen und könnte eine Gemeinschaft auswählen, die dem jeweils eigenen Geschmack am besten zusagt. Das Ergebnis derartiger Tendenzen sieht man in der stetigen Zunahme von Gemeinschaften, die oftmals institutionalisierte Strukturen ablehnen und die Wichtigkeit des doktrinären Inhaltes für das christliche Leben herabsetzen.

Sogar innerhalb der ökumenischen Bewegung laufen Christen Gefahr, nicht auf der Bedeutung der Doktrin zu bestehen aus Angst, dadurch nur die Wunden der Spaltung zu verschlimmern anstatt sie zu heilen. Gerade ein überzeugendes Zeugnis für die uns von Christus errungene Rettung hat jedoch auf der Vorstellung einer normativen apostolischen Lehre zu gründen: eine Lehre, die das Geist erfüllte Wort Gottes wirklich unterstreicht und das sakramentale Leben der heutigen Christen stärkt.

Nur wenn wir an der Überlieferung „standhaft festhalten“ (2 Tessalonicher 2,15; vgl. Offenbarung 2,12–29) können wir den Herausforderungen, die sich uns in einer sich ständig entwickelnden Welt stellen, gewachsen sein. Allein auf diese Weise können wir ein unzweideutiges Zeugnis für die Wahrheit der Evangelien und ihre moralischen Lehren ablegen. Dies ist die Botschaft, die die Welt von uns hören möchte. So wie die frühen Christen haben auch wir die Verantwortung, ein transparentes Zeugnis für die „Gründe für unsere Hoffnung“ abzulegen, damit die Augen aller Männer und Frauen guten Willens geöffnet werden und sie sehen können, dass Gott uns sein Angesicht gezeigt hat (vgl. 2 Kor. 3,12–18) und uns die Teilhabe an seinem göttlichen Leben durch Jesus Christus ermöglicht hat. Er allein ist unsere Hoffnung! Gott hat seine Liebe für alle Völker durch das Geheimnis des Leidens und Sterbens seines Sohnes geoffenbart, und er hat uns alle aufgerufen zu verkünden, dass er wirklich auferstanden ist und seinen Platz an der rechten Seite des Vaters eingenommen hat und „wiederkommen wird in Herrlichkeit, um die Lebendigen und die Toten zu richten“. (Glaubensbekenntnis von Nizäa).

Möge das Wort Gottes, das wir heute Abend gehört haben, unsere Herzen mit Hoffnung auf dem Weg zur Einheit erfüllen (vgl. Lukas 24,32). Möge dieser Gebetsgottesdienst deutlich machen, dass das Gebet ein zentrales Element der ökumenischen Bewegung ist (vgl. Unitatis Redintegratio, 8); denn ohne das Gebet würde allen ökumenischen Strukturen, Institutionen und Programmen das Herz und die Seele genommen. Lasst uns dem Allmächtigen Gott danken für den Fortschritt, der durch das Wirken seines Geistes gemacht wurde, indem wir mit Dankbarkeit die persönlichen Opfer derjenigen würdigen, die von so vielen der hier Anwesenden und derjenigen, die uns vorausgegangenen sind, gebracht wurden.

Ich bin sicher, dass wir, wenn wir ihren Fußstapfen folgen und unser Vertrauen auf Gott allein setzen – um ein Wort von Pfarrer Paul Wattson zu benutzen – die „Einheit der Hoffnung, die Einheit des Glaubens und die Einheit der Liebe“ erreichen können, die allein die Welt davon überzeugen können, dass Jesus Christus derjenige ist, den der Vater zur Rettung aller gesandt hat.

Ich danke Ihnen allen.