„Ohne Arbeit gibt es keine Würde“

Der Heilige Vater auf Sardinien: Ein Tag im Schatten der hohen Arbeitslosigkeit. Von Guido Horst

Rom (DT) Wieder eine Insel – und wieder ein Notstandsgebiet: Nach dem Besuch der Flüchtlingsinsel Lampedusa hat die zweite inneritalienische Reise Papst Franziskus am Sonntag nach Sardinien geführt, eine italienische Region, die besonders unter der Wirtschaftskrise leidet. Direkt der Auftakt des Besuchstags in Cagliari führte den Papst – nach einem Kurzbesuch in dem Flüchtlingslager auf dem Flughafengelände – zu einer der Sorgen, die die Menschen auf der Insel am meisten beschäftigen: die hohe Arbeitslosigkeit; sie liegt in Sardinien bei ungefähr zwanzig Prozent. Die erste Begegnung des Papstes mit den Sarden fand auf einem öffentlichen Platz der sardischen Hauptstadt statt. Später, in der Mittagszeit, sollte er am Marienwallfahrtsort „Unserer Lieben Frau von den guten Winden“ – „Bonaria“ – eine Messe mit mehr als hunderttausend Gläubigen feiern. Dieses Marienheiligtum war der Grund seiner Reise: Die Liebe Frau von „Bonaria“ war die Namenspatronin bei der Gründung seiner Heimatstadt Buenos Aires – den „Guten Winden“. Aber zuvor stellte sich Franziskus den Nöten der Menschen.

Viele Männer auf dem Platz trugen ihre Schutzhelme, den Frauen rollten Tränen die Wangen hinunter – der Mangel an Arbeit ist hier keine abstrakte Größe, sondern tägliche leidvolle Erfahrung. Ein Arbeiter hatte den Papst begrüßt und über seine eigene Arbeitslosigkeit gesprochen: „Arbeitslosigkeit macht den Geist schwach – und aus der Schwäche wird Angst“, beschrieb er dem Papst seine Lage. Franziskus nickte zustimmend, ergriff anschließend das Wort und wich bald von seinem Redemanuskript ab und erzählte frei: „Mein Papa ist als junger Mensch voller Hoffnungen nach Argentinien ausgewandert, davon überzeugt, dass sich diese Hoffnungen in Amerika erfüllen würden. Doch dann musste er die Krise der dreißiger Jahre erleben, sie haben alles verloren, es gab keine Arbeit.“ In seiner Jugend habe er zu Hause Erzählungen über diese Zeit gehört, er habe sie selber nicht erlebt, „ich war ja noch nicht geboren“, wie Franziskus sagte. „Aber ich habe zu Hause von diesem Leiden erfahren, ich hörte, wie man darüber sprach. Ich kenne es gut, dieses Leiden. Und ich möchte euch Mut zusprechen.“ Aber er sei sich auch bewusst, dass dieses Wort „Mut“ nicht im Vorübergehen gesprochen werden dürfe, so als sei es „nur das herzliche Lächeln eines Angestellten, eines Angestellten der Kirche, der kommt und einfach nur ,Mut!‘ sagt“. Genau das wolle er nicht. „Ich möchte, dass dieser Mut aus dem Inneren kommt und euch Kraft gibt, alles zu tun, und ich muss es als Hirte tun, als Mann: Wir müssen alles tun, um mit Intelligenz und mit Solidarität unter euch und unter uns diese historische Herausforderung anzunehmen.“

Massiv kritisierte der Papst das aktuelle Weltwirtschaftssystem, in dessen Mittelpunkt der Götze Geld stehe, was zu einer Wegwerfkultur zur Verteidigung des Götzen Geldes führe. Alle am Geld Interessierten sammelten sich im Mittelpunkt des Systems, während die Ränder – die alten und jungen Menschen – wegbrechen würden. Arbeit dagegen verleihe dem Menschen seine Würde. Franziskus rief zu der von Jesus geforderten Schlauheit auf, um sich gegen diesen Götzen zu stellen und ihn zu entlarven. „Ohne Arbeit gibt es keine Würde“, rief Franziskus aus. Die Menschen applaudierten, jetzt traten selbst den Männern Tränen in die Augen – es war der emotionale Höhepunkt der ersten Begegnung auf Sardinien, die als „Treffen mit der Welt der Arbeit“ im Programm des zehnstündigen Sardinienbesuchs gestanden hatte.

Es folgte der Gottesdienst vor der Wallfahrtskirche „Unserer Lieben Frau von den guten Winden“. Auch in seiner Predigt ging der Papst auf die wirtschaftliche Lage der Insel ein. Er sei gekommen, um die Mühen, Ideale und Hoffnungen Sardiniens zu teilen und die Menschen im Glauben zu stärken. Seit langem leide die Insel unter Situationen der Armut. So sei eine aufrechte Zusammenarbeit aller notwendig, verbunden mit dem Engagement der Institutionen, um den Menschen und Familien die Grundrechte zu gewährleisten und eine brüderlichere und solidarischere Gesellschaft wachsen zu lassen.

„Die Jugendlichen

müssten jedoch den Mut haben, auch gegen den Strom zu schwimmen“

Zum Zweiten, so Franziskus weiter, sei er gekommen, um sich zu Füßen der Gottesmutter zu begeben, die uns ihren Sohn schenke und in diesem Heiligtum verehrt werde, um ihren Schutz zu erflehen: „Heute wollen wir Maria danken, damit sie uns immer nahe ist, und wir wollen unser Vertrauen in sie und unsere Liebe zu ihr erneuern.“ Maria bete zusammen mit der Gemeinschaft der Jünger und lehre, volles Vertrauen in Gott zu haben, in sein Erbarmen. Der Papst hob die Macht des Gebets hervor: „Werden wir nie müde, an die Tür Gottes zu klopfen! Bringen wir durch Maria unser ganzes Leben zu Gott, alles Tage!“.

Abschließend erklärte Franziskus, dass er mitten unter die Menschen gekommen sei, um dem Blick Mariens zu begegnen, da sich in ihm gleichsam der Blick des Vaters und des Sohnes widerspiegle. „Wir brauchen ihren Blick der Zärtlichkeit“, so der Papst, „ihren mütterlichen Blick, der uns besser kennt als jeder andere, den Blick voller Mitleid und Fürsorge“: Um dem Vater voller Liebe zu begegnen, würden wir heute sagen – und Franziskus wiederholte es drei Mal: „Maria, schenke uns deinen Blick! Maria, schenke uns deinen Blick! Maria, schenke uns deinen Blick!“ Auf dem oft schwierigen Weg seien wir nicht allein: „Wir sind ein Volk, und der Blick der Gottesmutter hilft uns, uns untereinander in brüderlicher Weise anzublicken.“ So lehre Maria, jenen Blick zu haben, der versuche, aufzunehmen, zu begleiten, zu schützen. Franziskus rief dazu auf, keine Angst zu haben und hinauszugehen, um auf die Benachteiligten und jene zu blicken, die Jesus noch nicht kennen, auf die Verlassenen und Kranken, auf die jungen Menschen in Schwierigkeiten: „Und lassen wir es nicht zu, dass sich etwas zwischen uns und ihren Blick stellt!“

Am Nachmittag dann kam Franziskus mit Tausenden von Jugendlichen zusammen. Er rief sie dazu auf, sich von dem bisweilen enttäuschenden Erscheinungsbild der Kirche nicht abschrecken zu lassen. „Euer Beitrag ist unverzichtbar für die Mission der Kirche, die Glaubensverkündigung“, sagte er. Selbst wenn der Glaube in den Gemeinden bisweilen „etwas verblichen“ erscheine, weil nur wenige Gläubige überhaupt aktiv am kirchlichen Leben teilnähmen und dies manchmal auch noch „traurig und müde“, dürften sie sich nicht vom Pessimismus befallen lassen. Ein Jugendlicher ohne Hoffnung sei kein Jugendlicher; er sei „besorgniserregend“.

Viele brächen heute den Kontakt zu ihrer Pfarre ab, nachdem sie das Sakrament der Firmung empfangen hätten, so Franziskus. Die Firmung sei so oft zu einem „Sakrament des Abschieds von Gott“ geworden. Die Jugendlichen müssten jedoch den Mut haben, auch gegen den Strom zu schwimmen und nicht dem Zeitgeist zu folgen, wenn es darum gehe, ihren christlichen Glauben zu bezeugen. Jesus zu folgen bedeute, sich nicht mit „kleinen Zielen“ zufriedenzugeben, hob der Papst hervor. Es gehe nicht um „Küstenschifffahrt“, sondern um einen mutigen Aufbruch in die Weite.

Die Begegnung mit den Jugendlichen war der letzte Programmpunkt des Papstes auf der Insel. Gegen Abend flog er mit einem kleinen Düsen-Jet wieder nach Rom zurück.