Oasen der Stille

Der Weltjugendtag ist keine religiöse Show oder ein Massenevent, er bietet wahre geistliche Atmosphäre. Von Alexander Ertl

Am Donnerstagmorgen ist der erste kleinere Zwischenfall. Unsere Zimmertür lässt sich nach dem Frühstück nicht mehr öffnen, drinnen sind unsere Einlasskarten und Essensmarken, vor der Unterkunft wartet schon der Bus. Doch das vermiest uns nur kurz die Stimmung, der Klempner kommt schneller als man denkt. Und so stehen wir doch vor einer geöffneten Tür, in gewisser Weise durchschreiten wir so schon um halb acht morgens eine „Heilige Pforte der Barmherzigkeit“. „Polnische Gründlichkeit“, meinen meine Freunde.

Die Katechese bestreitet an diesem Vormittag Bischof Scheuer von Linz. Er spricht sehr langsam, sodass auch meine osteuropäischen Freunde alles gut verstehen können. Seine Worte dringen tief in das Geheimnis der Barmherzigkeit ein, doch lässt sein Vortragsstil eher an einen Exerzitienvortrag denken als an eine Jugendkatechese. Dennoch: Die gute Stimmung verdirbt auch dies nicht.

Später, nachdem ich andere deutsche Seminaristen getroffen habe, gehen wir wieder auf die Blonia-Wiese. Dieses Mal sehen wir Papst Franziskus, freilich nur auf den Bildschirmmonitoren. Man versteht nicht viel, er blickt auch eher ernst beim Vorführen der Folklore-Tänze. In seiner Ansprache macht er deutlich, dass wir keine langweiligen Jugendlichen sein sollen. Das sind wir bestimmt nicht.

Einer meiner Freunde, der in der Nähe des Bühnenraums stand, musste durch strenge Sicherheitskontrollen. Just in dem Moment, da sein Rucksack kontrolliert wurde, fuhr das Papamobil an ihm vorbei, erzählt er nach der Begegnung. Auch beim Abschied des Papstes sieht er ihn nicht, Franziskus zeigt ihm den Rücken, da er gerade die andere Seite der Menge segnet.

Leider spielt das Wetter nicht so ganz mit: Immer sind die Veranstaltungen von kleineren Regenschauern begleitet. Doch auch das gehört zur Erfahrung des Weltjugendtages dazu. Genauso wie die Oasen der Stille inmitten des „Wirbelmachens“ (so der Papst am Mittwochabend). Ein solcher meditativer Ort ist die Markuskirche, wo während der Dauer des Weltjugendtags die Gebeine der heiligen Therese vom Kinde Jesu gezeigt werden.

Als am Freitagnachmittag der Regen einsetzt und immer stärker wird, beschließe ich, in diese Kirche zu gehen. Es ist unglaublich, welche Ruhe dieser Ort ausstrahlt, welche geistliche Atmosphäre hier herrscht. Und dabei bin ich nicht der einzige, der die Idee zur Anbetung und Verehrung der Reliquien hatte. Ich gehe in den Altarraum und verweile dort einige Zeit, immer mehr Menschen drängen sich dorthin und knien nieder. Die Stille, die hier dennoch herrscht, bei so vielen Menschen scheint mir nicht selbstverständlich.

Ein Ort, an dem man zur Ruhe kommt, und an dem man beten kann, ist ebenso wichtig wie die vielen Beichtmöglichkeiten auf dem Weltjugendtag. Solche Orte zeigen, dass der Weltjugendtag nicht eine religiöse Show oder ein Massenevent allein ist.