Ökumene hoch zwei

Erzbischof Georg Gänswein und Margot Käßmann auf dem Podium bei „Menschen in Europa“. Von Regina Einig

Luther hätte gestaunt: In Passau kam die evangelische Pfarrerin Margot Käßmann (li.) mit Kurienerzbischof Georg Gänswein ins Gespräch. In der Mitte Moderatorin Bettina Schausten. Foto: KNA
Luther hätte gestaunt: In Passau kam die evangelische Pfarrerin Margot Käßmann (li.) mit Kurienerzbischof Georg Gänswein... Foto: KNA

Passau (DT) Ist die Zeit reif für einen nachreformatorischen Thesenanschlag? Der Abend in der Reihe „Menschen in Europa“ versprach jedenfalls lebhafte Debatten. Mit dem Titel „Wieviel Reform(ation) braucht die Kirche?“ hatte die Verlagsgruppe Passau das Podium angekündigt. Doch Kurienerzbischof Georg Gänswein und Margot Käßmann, Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Reformationsjubiläum 2017, ließen sich im ausverkauften Medienzentrum nicht auf die klassischen Kontroversthemen festnageln. Alles andere hätte angesichts der weltweiten Dramen von Christenverfolgungen bis Terroranschlägen auch überrascht, zumal beide Konfessionen das Kreuz der Kirchenaustritte verbindet.

Die Flüchtlingskrise bildete das unverfängliche Einstiegsthema: „Darüber streiten wir bestimmt nicht“, meinte Käßmann und behielt recht. Gänswein berichtete aus der italienischen Perspektive: Er habe auch im Vatikan den Respekt gespürt vor dem Mut der Deutschen, viele Flüchtlinge aufzunehmen: „Das hat mich stolz gemacht.“ Dass unter den Flüchtlingen möglicherweise auch Personen seien, „die uns nicht ganz gut tun“, liege auf der Hand. „Wenn ich die Notwendigkeit, zu helfen, nicht mit dem Glauben begründe, kann ich morgen die Tür zumachen.“ Der Erzbischof räumte ein, dass sich die Menschen in Rom um ihre Sicherheit sorgten. Wichtig sei, nun zu zeigen, dass nicht der Terrorismus das letzte Wort habe, sondern „unser Mut im Glauben und in der Hoffnung“. Er widersprach der Vermutung, dass Pilger am vergangenen Sonntag wegen der Terrorgefahr dem Angelus ferngeblieben seien. Die neuen Sicherheitskontrollen rund um den Petersplatz funktionierten noch nicht so eingespielt, dass alle Pilger auf den Petersplatz kommen konnten.

Am Charme des Pontifikates ändert die Situation jedenfalls nichts. Käßmann lobte das sichere Gespür des Papstes für Symbolik. Sie nehme ihn als „Reformator“ wahr. Erzbischof Gänswein mochte Papst Franziskus allerdings nicht in einer Linie mit Luther sehen und machte aus seiner Befürchtung, der Nachfolger Petri werde von protestantischer Seite als Reformator „eingesackt“, keinen Hehl. In der historischen Einordnung der Reformation gingen die Auffassungen erwartungsgemäß auseinander. Während Gänswein daran erinnerte, dass die Kirche im Westen in der Reformationszeit auseinandergebrochen sei, verwarf Käßmann in diesem Zusammenhang den Begriff Spaltung und zog es vor, von „Veränderungsprozessen des sechzehnten Jahrhunderts mit notwendigen Ausdifferenzierungen“ zu sprechen.

Einig war man sich darin, dass das Überleben der christlichen Kultur fünfhundert Jahre nach der Reformation den Einsatz der Christen fordere. Käßmann unterstrich mit Blick auf das Jahr 2017, dass Christen heute mehr verbinde als trenne. Erzbischof Gänswein warnte vor dem Versuch, jahrhundertelang Trennendes „einfach zu überspringen“. Er könne die Reformation nicht feiern, doch sei das Datum Anlass für ein Gedenken oder eine Gewissenserforschung. Käßmann stimmte zu, dass es Differenzen gebe, wollte jedoch das Verbindende genauso stark gewichtet wissen wie das Trennende. Gemeinsam ist beiden Konfessionen beispielsweise, dass ihnen der raue Wind der Gottvergessenheit entgegenschlägt.

Mit Nachdruck wandte sich Käßmann gegen die Säkularisierung christlicher Bräuche wie der Umbenennung des Martinszugs ins Sonne-Mond-und-Sternefest und fragte: „Was ist falsch daran, vom heiligen Martin zu hören – einem Menschen, der einem anderen in Not seinen Mantel gibt? Es kann keinem schaden, seine Geschichte zu hören.“ Was sie umtreibe, sei „der tiefe Traditionsbruch“, der sich gerade bei Kindern im „Abbruch“ des Glaubenswissens und der Bibelvergessenheit der Gegenwart zeige. Ein Phänomen, das auch in katholischen Kreisen zu beobachten ist. Beide Gesprächspartner äußerten zudem ihre Wertschätzung für das Sinnliche im Glauben – vor allem in der Liturgie. „Die Sinnlichkeit des Gottesdienstes ist nirgends stärker als in der katholischen Liturgie“, stellte Erzbischof Gänswein fest.

Dass eine stärkere Konzentration auf das Wesentliche auch der binnenkirchlichen Ökumene gut täte, legten Erzbischof Gänsweins Einschätzungen zur Synode dar. Die Kirche könne nicht „katholisch light“ für die Westeuropäer, „katholisch ganz light“ für die Mitteleuropäer und „katholisch-katholisch“ für den Rest der Welt sein. An der Frage nach der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion machte er deutlich, wie unterschiedlich Themen innerhalb der Universalkirche gewichtet werden. Der Kirche sei die Führung des Heiligen Geistes verheißen worden. Diesem Kompass zu glauben sei kein Zeichen der Unfreiheit, sondern ein Zeichen des Glaubens. Aufmerksam registriert wurde Erzbischof Gänsweins Prognose, das Schreiben von Papst Franziskus zum Schlussbericht der Synode werde Anfang 2016 erscheinen. Inhaltlich mochte der Erzbischof Papst Franziskus nicht festlegen: „Ich bin kein Prophet und auch nicht sein Ghostwriter.“

Rede und Antwort stand Gänswein zum Fall des polnischen Kurienprälaten Krzysztof Charamsa, dessen Coming-Out im Vorfeld der Synode Aufsehen erregt hatte. Er wolle nicht den Stab über ihn brechen, werfe ihm aber vor, dass „er seine persönliche Lebensgeschichte nutzen wollte, um in die Synode hineinzuwirken“. Auch dessen Vorwurf, die Kirche mache für Millionen Homosexuelle weltweit das Leben „zur Hölle“, halte er für „unverschämt“. Charamsa selbst kenne er gut, führte Gänswein weiter aus. Immerhin sei dieser sein Nachfolger als Sekretär bei der Glaubenskongregation gewesen. Der Erzbischof charakterisierte ihn als „loyalen, guten und treuen Mitarbeiter“.

Am Ende des Abends war der Religionsfrieden zum Greifen nahe. Dass der Gott der Bibel nicht der des Islam sei und Christen und Muslime nicht gemeinsam beten können, erklärte die Pastorin mit den unvereinbaren Gottesbildern. Muslime könnten nicht zu Christus beten. Der Erzbischof war einverstanden. Auf den Reformbedarf in der katholischen Kirche angesprochen, machte Gänswein Verbesserungsbedarf in der medialen Vermittlung von Glaubensfragen und -inhalten geltend. Frau Käßmann widersprach nicht. Auch nicht, als der Erzbischof das Papstamt als „Kreuzweg“ bezeichnete.