Notwendige Klarstellungen

Orientierungshilfe für die Familiensynode. Interview mit Kardinal Gerhard Müller von Norbert Martin

Nachdem das Original eines spanischen Interviews von Kardinal Gerhard Müller aus dem Jahr 2014 schon in fünf Sprachen publiziert wurde, liegt nun auch die deutsche Übersetzung vor. Das kleine Bändchen hat es in sich, denn es bringt in einer „tour d'horizon“ prägnant, in theologischer Klarheit und in gewinnender Sprache alle momentan diskutierten Fragen um Ehe und Familie auf den Nenner.

Der Präfekt der Glaubenskongregation erläutert die grundlegenden Eckdaten der kirchlichen Lehre. Ihm ist es ein besonderes Anliegen, den Familien diese Lehre als pastorale Hilfestellung in ihrer gegenwärtigen Krise zu erläutern, indem er ihnen die anthropologischen Grundlagen und die sakramentale Tiefe ihres Lebensstandes in der Ehe erschließt: „In der Ehe ist Gott auf eine sakramentale, reale, konkrete, sichtbare und greifbare Weise gegenwärtig.“

Knapp und klar beantwortet er Fragen nach der Jugenderziehung, der langfristigen Ehevorbereitung, der lebenslangen Begleitung von Eheleuten, der Ehescheidung mit ihren Folgen für die betroffenen Kinder („Scheidungswaisen“). Auch Fragen hinsichtlich der Gesellschaft und des postmodernen Individualismus werden behandelt, sowie der Familie als Hauskirche und der Priesterausbildung in ihrem Bezug zur Familie. Erläuterungen entnimmt er grundlegenden kirchlichen Lehrdokumenten, von der Väterliteratur über die Konzilien von Florenz und Trient bis zum Zweiten Vatikanum („Lumen gentium“ und „Gaudium et spes“), sowie den daran anschließenden Lehrschreiben „Humanae vitae“, „Familiaris consortio“ und andere).

Was bedeutet der Glaube für Ehenichtigkeitsverfahren?

Die Gestalt des heiligen Johannes Paul II., den Papst Franziskus in der Homilie zu seiner Heiligsprechung als den „Papst der Familie“ bezeichnete, hebt sich dabei von selbst hervor. Seine „Theologie des Leibes“ preist der Kardinal geradezu als „genial“. Hierher gehören auch seine Erläuterungen über Barmherzigkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit im Zusammenhang der Frage nach den „wiederverheirateten Geschiedenen“, sowie über das Verhältnis von Pastoral und Doktrin.

Eine eigene Betrachtung widmet der Autor der aktuellen Diskussion, wie weit die Unterscheidung von „explizitem und implizitem Glauben“ derer, die die kirchliche Trauung anstreben, unter Umständen ein neues Kriterium für die spätere Annullierung einer Ehe darstellen könnte – die Frage wird in der Kongregation im Moment gründlich geprüft; man befindet sich noch in der „Arbeitsphase“.

Man merkt in jedem Satz, dass der Kardinal nicht nur als Vertreter einer kompetenten und tiefgründigen theologischen Theorie, sondern auch als warmherziger Seelsorger spricht, der die Nöte und Gefährdungen der Eheleute und Familien aus seiner langjährigen priesterlichen und bischöflichen praktischen Erfahrung bestens kennt.

Besonders gründlich befasst sich der Autor mit der Frage der Geschiedenen, die eine zweite zivile Ehe eingegangen sind und der Möglichkeit (die durch Kardinal Kasper in die Diskussion eingebracht wurde), sie zu den Sakramenten, insbesondere auch der Eucharistie, zuzulassen. Im Rückgriff auf die klare Lehre der Kirche weist der Kardinal nach, dass dies im Gehorsam zur Trias von Schrift, Tradition und Lehramt unmöglich ist. In diesem Zusammenhang verdeutlicht er auch, dass die „gesellschaftliche Wirklichkeit“ keinesfalls eine zusätzliche Erkenntnisquelle für die Lösung schwieriger pastoraler Fragen sein kann, wie es hier und da im Sinne eines sogenannten „Paradigmenwechsels“ gefordert wird. Wer die letzten Interviewäußerungen von Papst Franziskus zur Kenntnis nimmt, dem wird klar, dass die Vertreter einer Liberalisierung der kirchlichen Ehemoral nicht mit dem Papst rechnen können (vgl. sein Interview im mexikanischen Fernsehsender „Televisa“ vom 6. März 2015).

Das Bändchen von Kardinal Müller stellt ein ausgezeichnetes Manuale dar, das eine klare Orientierung in allen Fragen der heutigen gesellschaftlichen und kirchlichen Diskussion über Ehe und Familie bietet. Wer in dieser Diskussion kompetent und informiert mitreden will, findet hier das notwendige theologische und pastorale Rüstzeug sowie aus dem Glaubensgut der Kirche schöpfende kompetente Antworten auf alle auftauchenden Fragen. Die eingehende Analyse bringt auch eine mögliche Struktur der pastoralen Initiativen, die heute zur Erneuerung der Familie notwendig sind und mit denen sie ihrer Sendung einer Neuevangelisierung von Kirche und Gesellschaft gerecht werden kann.

Die Bandbreite der pastoralen Aufgaben skizziert

Den Literaturangaben am Schluss kann man entnehmen, wie intensiv Kardinal Müller sich über viele Jahre mit theologischen und pastoralen Fragen von Ehe und Familie befasst hat, sodass man ihn mit Recht als einen der kompetentesten Kenner der Materie in Rom bezeichnen kann.

In der Situation der allgemeinen Verunsicherung zwischen der Vorsynode über die Familie 2014 und der Hauptsynode im kommenden Oktober bietet das Interview des Präfekten der Glaubenskongregation auf knappstem Raum eine ausgezeichnete Orientierung. Alle Synodenväter und weitere Teilnehmer der Weltbischofssynode können daraus einen weit gefächerten Katalog von pastoralen Aufgaben für unsere Bischöfe und uns Familien entnehmen, der die Engführung der Diskussion der letzten Monate mit ihre bedauerlichen Fixierung auf einige „heiße Eisen“ vermeidet.

Die Hoffnung der Familie. Ein Gespräch mit Gerhard Kardinal Müller, Echter-Verlag Würzburg 2015, 80 Seiten, broschiert,

ISBN-13: 978-3429038298, EUR 7,90