Nichts „gemacht“, alles verändert

Bald ist Papst Franziskus hundert Tage im Petrus-Amt, eine Zeit, in der sich das Leben rund um den Vatikan völlig gewandelt hat Von Guido Horst

Der unkonventionelle Nachfolger des Heiligen Petrus: Papst Franziskus hat einen neuen Stil im Vatikan eingeführt. Foto: dpa
Der unkonventionelle Nachfolger des Heiligen Petrus: Papst Franziskus hat einen neuen Stil im Vatikan eingeführt. Foto: dpa

Rom (DT) Nachdem Papst Franziskus am Donnerstag vor dem ständigen Rat der römischen Bischofssynode angekündigt hat, dass er die von Benedikt XVI. in Grundzügen fertiggestellte Enzyklika über den Glauben nun vollenden wolle, kann man sich ausrechnen, wann das erste bedeutende lehramtliche Schreiben des Jesuiten-Papstes erscheint. Wie Radio Vatikan übrigens meldete, sprach Franziskus von einer „Arbeit der vier Hände“ und von einem sehr starken Dokument, das er von seinem Vorgänger empfangen habe.

Der Vorgang erinnert an den Beginn des Pontifikats von Joseph Ratzinger, der ebenfalls den Entwurf einer Enzyklika von Johannes Paul II. über die Liebestätigkeit der Kirche vorfand, das erste Kapitel dazu schrieb und dann im Dezember 2005 „Deus caritas est“ veröffentlichte. Bis zur Herausgabe eines päpstlichen Schreibens sind einige Vorarbeiten zu leisten: Eine Enzyklika muss in zahlreiche Sprachen übersetzt werden, sie muss rechtzeitig den nationalen Bischofskonferenzen zugeleitet werden, damit die Ortskirchen die Präsentation des Dokuments gut vorbereiten können. In schnellen Schritten und bei ständig steigenden Temperaturen geht es im Vatikan jetzt auf die Sommerpause zu. Nach ihr und gegen Ende des „Jahrs des Glaubens“ dürfte dann also mit dem ersten Apostolischen Schreiben von Papst Franziskus zu rechnen sein.

Bis dahin wird Papst Franziskus nicht viel „getan“ haben. Auch das erinnert an die ersten Monate der Amtszeit von Papst Ratzinger. Benedikt XVI. hat damals den Präsidenten des Rats für den interreligiösen Dialog als Nuntius nach Nordafrika geschickt und den Sekretär einer vatikanischen Kongregation als Bischof nach Assisi. Das war es damals, im Jahr 2005. Die erste wichtige Personalentscheidung, die Versetzung des Präfekten der Missionskongregation „Propaganda Fidei“, Kardinal Crecenzio Sepe, auf den bischöflichen Stuhl von Neapel, kam erst im Mai 2006.

Auch Papst Franziskus, der in der kommenden Woche die ersten hundert Tage als Nachfolger Petri hinter sich hat, lässt sich Zeit. Den Ordensoberen der Franziskaner hat er an die Religiosenkongregation berufen und er hat acht Kardinäle benannt, die ihn bei der Reform der römischen Kurie beraten sollen. Das erste Treffen soll im Oktober stattfinden. Papst Bergoglio geht nicht hastig mit dem eisernen Besen durch den Vatikan. Er wartet ab – aber auf seine Art: Man könnte sagen, Franziskus hat nichts „gemacht“, aber alles verändert.

Einer der bekanntesten Fernsehmoderatoren Italiens, Michele Santoro, räumte am vergangenen Donnerstagabend zur besten Sendezeit dem Enthüllungsjournalisten Gianluigi Nuzzi, der sich mit der Veröffentlichung der „Vatileaks“-Dokumente zweifelhaften Ruhm erworben hat, drei Stunden in seiner Talkshow ein, um alles nochmals aufzuwärmen, was die Kurie noch vor einem Jahr so fürchterlich lähmte: die Dokumentenflucht aus dem päpstlichen Appartement und den diebischen Kammerdiener, Homo-Seilschaften und Korruption hinter den heiligen Mauern, den sexuellen Missbrauch durch Kleriker, Geldskandale und dunkle Machenschaften rund um das vatikanische Geldinstitut IOR, Führungslosigkeit im Staatssekretariat und einen verratenen Papst. Das Echo auf die drei Stunden Dauerberieselung durch Gianluigi Nuzzi in der Sendung Santoros war jetzt gering, die Medien haben es nicht aufgegriffen, im Grunde hat es niemanden mehr interessiert. Obwohl Papst Franziskus kurz zuvor eine Steilvorlage selber geliefert hatte: mit seiner Äußerung über Korruption und die Homo-Lobby im Vatikan während einer Privat-Audienz für die Spitze eines Dachverbands lateinamerikanischer und karibischer Ordensleute (siehe DT vom 13. Juni). Inzwischen hat sich der Dachverband dafür entschuldigt, dass er Aufzeichnungen aus dem Gespräch mit dem Papst veröffentlicht hat. Aber der Aufschrei blieb aus, keine Spur mehr von jener fiebrigen Nervosität der italienischen und internationalen Medien, die vor einem Jahr, zur Spitzenzeit der „Vatileaks“-Affäre, nicht genug von Vatikan-Skandalen bekommen konnten.

Und wie hat Franziskus alles verändert? Durch sein einfaches So-sein wie er ist. Man hat den Eindruck, Jorge Mario Bergoglio tastet ab, wie weit er im Vatikan gehen kann, um weiterhin so zu leben, wie er das als Erzbischof von Buenos Aires gewohnt war. So hat Franziskus eines inzwischen klargestellt: Er wird nicht in die päpstliche Wohnung im dritten Stock des Apostolischen Palastes ziehen, sondern im Vatikan-Hotel „Sanctae Marthae“ wohnen bleiben. Vor Jesuitenschülern und deren Lehrern und Verwandten hat er das am Freitag vergangener Woche erklärt – auch um ein wenig das Missverständnis auszuräumen, seine Abneigung gegen das geräumige Papst-Appartement hoch über dem Petersplatz sei eine Geste der Armut. Und er hat es auf seine, auf die Bergoglio-Weise erklärt. Franziskus hatte das vorbereitete Manuskript mit einer Ansprache beiseite gelegt und beantwortete in freier Rede Fragen der Anwesenden, so die einer Lehrerin, die wissen wollte, warum er, Franziskus, auf „die ganzen Reichtümer der Päpste“ wie ein „luxuriöses Appartement“ und einen „gewaltigen Apparat“ verzichtet habe. Der Papst daraufhin wörtlich: „Na ja, ich glaube nicht, dass das nur eine Sache des Reichtums ist. Für mich ist das ein persönliches Problem. Für mich ist es notwendig, unter den Leuten zu leben. Wenn ich alleine leben würde, vielleicht ein bisschen isoliert, würde mir das nicht gut tun. Ein Professor hat mir diese Frage gestellt: ,Aber wieso wohnen Sie nicht dort oben?‘ Ich habe ihm geantwortet: ,Hören Sie, Professor: Aus psychiatrischen Gründen.‘ Es ist meine Persönlichkeit. Auch ist das Appartement im Päpstlichen Palast nicht luxuriös. Es ist ruhig. Aber ich kann nicht alleine leben, verstehen Sie?“ Und alle hatten verstanden.

Papst Franziskus wird im Juli einige wenige Tage in der päpstlichen Sommerresidenz in Castel Gandolfo verbringen, um sich auf seine Brasilien-Reise und den Weltjugendtag in Rio de Janeiro vorzubereiten. Ansonsten bleibt er im Vatikan – von Buenos Aires her ist er an ein heißes und schwüles Klima gewohnt. Nach den ersten hundert Tagen von Papst Franziskus kann man sagen, dass er sich mit Personalentscheidungen Zeit lassen wird, sich beraten lässt, sich alles dreimal überlegt – so wie es auch damals war, als die Amtszeit Benedikts XVI. begann. Viele hatten nach der Wahl Joseph Ratzingers gedacht, nach der ersten Sommerpause gebe es dann noch 2005 einen „heißen Herbst“. Der fiel dann aus. Auch Franziskus eilt es nicht, alles „neu“, alles anders zu „machen“. Und trotzdem hat er das Klima um den Vatikan herum völlig verändert. Die Menschen strömen in Massen zu den öffentlichen Auftritten des Jesuiten-Papstes, sind glücklich, ihn zu sehen – und wollen von Skandalen nichts mehr wissen. Franziskus spricht sehr viel vom Heiligen Geist und dessen Wirken. Dafür, dass der Geist tatsächlich mächtig weht, auch heute, auch im Vatikan, ist Papst Bergoglio selber der beste Beweis.