Nicht vom Solidaritätszuschlag allein

Wanke wirbt bei Kilianitag um Miteinander in Ost und West

Würzburg (DT/pow) Der Erfurter Bischof Joachim Wanke hat die Menschen im Osten und Westen Deutschlands dazu aufgerufen, einander menschliche Zuwendung zu schenken. „Wir leben nicht vom Solidaritätszuschlag allein“, sagte er zu den mehr als 1 100 Politikern, Ratsmitgliedern, Verantwortlichen in Kirche und Gesellschaft sowie Aussiedlern und Vertriebenen aus den Bistümern Erfurt und Würzburg beim grenzüberschreitenden Kiliani-Festgottesdienst anlässlich des 20. Jubiläums des Mauerfalls am Samstag im Kiliansdom. Und Wanke ergänzte: „Ich hätte mir vor zwanzig Jahren nicht träumen lassen, dass ich hier vor Thüringern und Franken gemeinsam im Würzburger Dom predigen darf.“

In seiner mit Applaus bedachten Predigt erinnerte Bischof Wanke an die Wende und die Ereignisse vor zwanzig Jahren, die die ersehnte Einheit des Vaterlands geschenkt hätten. „Ein neues Kapitel der Geschichte des deutschen Volkes wurde begonnen. Dankbarkeit für die errungene Freiheit und Freude über die so lang ersehnte und erbetene Einheit unseres Volkes bewegten die Menschen.“ Heute sei die damalige Euphorie verflogen. Manche Illusionen seien wie Seifenblasen geplatzt. Die alten Spiele gingen in vieler Hinsicht nur unter veränderten Bedingungen weiter. Eine Veränderung sei aber doch zumindest bei den Menschen in den neuen Bundesländern zu spüren: „Der Hunger nach Leben ist gestiegen, die Suche nach neuer Lebensqualität hat sich ausgeweitet.“ Doch trotz aller Verbesserungen und Angebote in Warenhäusern, Reisebüros und Unterhaltungsindustrie werde der Hunger nach Leben noch größer. „Ich sehe auch schon bei uns in Thüringen und Sachsen die ersten Lebenssucht-Geschädigten!“

Als Alternative legte der Erfurter Bischof den Menschen nahe, den Weg des quantitativen Denkens zu verlassen. „Wir brauchen eine qualitativ neue Lebensdefinition jenseits von Verdienst und Konsum, von Produktion und Leistung, so wichtig solche Faktoren auch sein mögen.“ Nicht dass sie viele Dinge hätten, mache die Menschen reich, sondern dass sie einander hätten. Heute würden auch viele nichtchristliche Zeitgenossen Lebensqualität nicht allein an materiellen Dingen, sondern auch am Gelingen von Beziehungen messen. Wirklich arm machten weniger materielle Nöte als vielmehr Beziehungsnöte wie aufgekündigte Treue, verratene Liebe oder das Fallen-gelassen-Werden in Not.

Gottesfreundschaft sei das Wichtigste, was die Menschen zum Leben brauchten, wenn die Zukunft menschlich bleiben solle. Sie sei mehr wert als alle Lebensversicherungen zusammen. Der Glaube an Gott mache den Menschen frei, auf wirkliches Leben zu hoffen, trotz mancher Enttäuschungen, die dabei nicht ausblieben. Gott ist Wanke zufolge die Quelle einer lebenseröffnenden Freundschaft, Treue und Liebe. Er befreie von der Angst des Menschen um sich selbst, von der Angst, nicht alles vom Leben mitzubekommen. Der Glaube gebe Mut, etwas füreinander und für eine gute Zukunft zu wagen, auch und nicht zuletzt durch eine gute Politik.

Die Menschen im Dom lud der Erfurter Bischof schließlich ein, einander Zuwendung zu schenken. „Sagen Sie es heute einmal einem Menschen an Ihrer Seite, der Südthüringer dem Franken, und ihr aus dem Würzburger Land einem aus dem Osten, sagen Sie es durch Worte oder Zeichen: Gut, dass es Dich gibt! Gut, dass Du jetzt hier bist! Du machst mein Leben, Ihr macht unser Leben reich!“

Den Gedenkgottesdienst feierte Bischof Wanke zusammen mit dem Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann, Weihbischof Ulrich Boom, Altbischof Werner Scheele, dem emeritierten Weihbischof Helmut Bauer sowie zahlreichen Priestern aus Thüringen und Unterfranken. „Heute sagen wir über alle Konfessionen hinweg Dank für die vor zwanzig Jahren den Menschen und Völkern geschenkte Freiheit“, sagte Bischof Hofmann zu Beginn der Feier, an der gut 300 Christen aus dem Bistum Erfurt teilnahmen. Räte und Politiker aus beiden Diözesen wirkten ebenso mit wie Fahnenabordnungen und Trachtengruppen der Landsmannschaften, Bergmänner der Oberschlesier sowie Tanzgruppen der Banater Schwaben und der Deutschen aus Russland.