Nicht nur kümmern, gemeinsam gehen

Ein Podium auf dem Katholikentag widmet sich der Frage, ob eine arme Kirche die glaubwürdigere sei. Von Anna Sophia Hofmeister

Vor die Türen gehen, um die anderen zu finden: Die Elisabeth-Straßenambulanz der Caritas in Frankfurt am Main besitzt zum Beispiel einen Bus, mit dem Wohnungslose auf der Straße aufgesucht werden. Foto: KNA
Vor die Türen gehen, um die anderen zu finden: Die Elisabeth-Straßenambulanz der Caritas in Frankfurt am Main besitzt zu... Foto: KNA

Regensburg (DT) Als der frisch gewählte Papst Franziskus seinen Namen verkündete, erzählt Kardinal Reinhard Marx, „da wusste ich, da werden wir daran schlucken – im guten Sinne“. Auf dem Podium „Arme Kirche – glaubwürdige Kirche? Ein Papst provoziert“ schlägt dem Erzbischof von München und Freising dementsprechend aufgeregtes Interesse entgegen – steht doch ausgerechnet er nicht gerade für den mageren Lebensstil.

Dass Papst Franziskus eine arme Kirche und eine Kirche für die Armen wolle, hält Marx für eine „heilsame Provokation“, die zeige, wie viel Potenzial im Evangelium stecke, das die Menschen tatsächlich verändern könne. Es ginge dabei nicht unbedingt darum, noch mehr Caritas zu machen, sagt Marx, sondern vielmehr darum, „wie wir mit den Armen umgehen“. Ob sie einen Platz in der Kirche hätten. Marx sieht hier vor allem die Pastoral in der Pflicht; sie müsse sich umorientieren: „Das betrifft die Pfarreien viel mehr als die bestehende Struktur der Kirche.“

Sind die Armen in der Kirche, die unermüdlich die Nächstenliebe predigt, denn ausgegrenzt? Elke Mildner, die Gründerin der Wohngemeinschaft Oase, antwortet mit einem bestimmten „Ja“. Sie spricht aus Erfahrung. Seit über 30 Jahren bietet die lizenzierte Theologin trockenen Alkoholikern in zum Teil selbst renovierten alten Häusern der Rottenburger Altstadt eine Heimat in neuem Umfeld. „Arme trauen der Kirche nicht“, sagt sie. Und das sei schlimm, wo doch gerade Bedürftige dringend Gott bräuchten – und jemanden, der ihnen von ihm erzählt. „Ihre Sehnsucht geht weit über Materielles hinaus“, sagt Mildner.

Der Tübinger Sozialethiker Matthias Möhring-Hesse nickt. Für ihn sind Arme „Menschen, die aus der Fülle des Lebens ausgeschlossen sind“. Eine Kirche der Armen müsse eine Kirche sein, die Arme in ihrer Mitte entdeckt. Dabei warnt er vor einer Bevormundung der Armen und Ausgegrenzten, in dem Sinne, dass man sie materiell versorge und ihnen dabei vorschreibe, was sie zu tun hätten. Sie selber könnten für sich sprechen und ihre Anliegen formulieren. Christen sollten von den Armen beauftragt sein. Das erfordere eine intensive Kontaktaufnahme, „den Bau von Brücken“, sagt Möhring-Hesse, um das Motto des 99. Katholikentages zu zitieren. Arme seien nicht Objekte von Mitleid und Fürsorge, sondern hätten immer auch ein Mitspracherecht. In diesem Sinne müsse Kirche Partei für die Armen ergreifen. Das sei ein Projekt, sagt der Sozialethiker. Jede Gemeinde müsse sich fragen: „Wer ist bei uns an den Rand gedrängt?“ Er fordert, dass die Kirche ihre „Türen aufmachen“ solle, um zu entdecken, welche Menschen jenseits davon leben. „Nur so können Arme uns zu ihrer Kirche machen“, so der Professor im zerknitterten Jackett.

Kardinal Marx scheint dies zu theoretisch gedacht, Armut keine einheitliche soziologische Größe. Erstes Mandat sei immer noch der Auftrag Jesu, betont er, dessen Nachfolge und die Liebe. Man müsse fragen: „Leben wir, wie Jesus uns beauftragt hat?“ Wichtig sei, sich nicht einseitig zu kümmern, sondern einen gemeinsamen Weg zu gehen.

Nun ist die Kirche eine sehr wohlhabende Institution. Offenbar derart offensichtlich, dass hier ein wütendes Schnauben durchs Publikum geht. Bischofssitze, Fahrklassen! Die Menschen im Festsaal des Regensburger Kolpinghauses wollen wissen: Wie wirkt sich das konkret auf den Lebensstil der Kirchenmänner aus? Ist dieser nach den Worten von Franziskus noch gerechtfertigt? Dass die Kirche eine wohlhabende ist, liege auch an ihrer langen Geschichte von Orden, Pfarreien, Immobilienbesitz. „Da hat sich einiges angesammelt“, sagt Marx. Der Kardinal, der in der Kommission der acht Kardinäle auch für die Beaufsichtigung der Vatikanfinanzen zuständig ist, stellt provokant fest: „Von Verteilen ist da keine Rede.“ Das Kirchenvermögen habe drei Zwecken zu dienen. Der Evangelisierung, den Armen und der Versorgung kirchlicher Mitarbeiter – „und zwar nachhaltig“, sagt er. Kirche brauche ausreichende Finanzmittel für die Seelsorge, Sozialprojekte und Kulturgüter – für andere, nicht, um sich selbst zu erheben. Daran würde sich auch unter Papst Franziskus nichts ändern. Wichtig sei jedoch, und da sei in der Kirche „noch Luft nach oben“, die Verwendung des Vermögens für alle nachvollziehbar darzustellen, transparenter zu machen.

Eine finanziell arme Kirche ist auch für Peter Neher kein anzustrebendes Ziel. Der Präsident des Deutschen Caritasverbands erklärte, der katholische Wohlfahrtsverband brauche finanzielle Ressourcen für seine Arbeit. Zugleich gesteht Neher ein, dass auch die Caritas hinterfragen müsse, welche Mittel sie tatsächlich zur Erreichung ihrer Ziele brauche.

„Neben jede Kirche gehört ein Armenhaus“, fordert Elke Mildner. Die beiden unterschiedlichen Welten von Herrschaftsarchitektur und Krätze müssten zusammengebracht werden. Dafür reichten keine erstarrten Symbole, wie etwa die Fußwaschung am Gründonnerstag, bei der ein Bischof ein paar gut geschrubbte Füße mit einem Tuch abtupfe. Was heile und die Kluft überwinde, sei die gelebte Beziehung: das Hingucken, sich Zeit für einander zu nehmen. So könne Gott im Nächsten aufscheinen.

Kardinal Marx merkt hier an, dass es für einen Bischof nicht so einfach sei, sich auf „Augenhöhe“ zu begeben: „Am Ende spüre ich doch, ich bin ein anderer.“ Dennoch könne der Weg gemeinsam gegangen werden: Als Flüchtlinge bei ihm zuhause, im schmucken Adelspalais aus der Rokokozeit, eingeladen waren, hätten sie sich geehrt gefühlt. Kirche solle Zuflucht bieten, pastorale Bemühungen dahingehend sollten gestärkt werden, sagt Marx. Schein und Sein, Innen und Außen müssten übereinstimmen. Er freue sich, wenn er beim Gottesdienst den Professor neben dem Arbeitslosen an der Kommunionbank sehe.

Als wolle er den Anfang machen, geht der Kardinal zu Fuß zurück in sein Hotel, durch den Regen, wie alle anderen Menschen auch. Naja, fast: sein Sprecher trägt ihm den Schirm.