Nicht blind, sondern begründet glauben

Wie verschiedene Kriterien helfen, die Glaubwürdigkeit einer Erscheinung wie in Fátima zu beurteilen. Von Manfred Hauke

Die Pilgerreisen Johannes Pauls II. nach Fátima stärkten das Vertrauen der Gläubigen in die Fürsprache Mariens. Foto: dpa
Die Pilgerreisen Johannes Pauls II. nach Fátima stärkten das Vertrauen der Gläubigen in die Fürsprache Mariens. Foto: dpa

Damit (…) der Gehorsam unseres Glaubens mit der Vernunft übereinstimme, wollte Gott mit der inneren Hilfe des Heiligen Geistes äußere Erweise seiner Offenbarung verbinden: nämlich göttliche Werke, vor allem Wunder und Weissagungen.“ Mit diesen Worten hebt das Erste Vatikanische Konzil die Bedeutung der äußeren Kriterien hervor, wodurch die göttliche Offenbarung vor der menschlichen Vernunft ihre Glaubwürdigkeit zeigt: die nur auf Gott zurückführbaren Ereignisse, insbesondere die Wunder und die Prophetien. Dies sind „ganz sichere und der Fassungskraft aller angemessene Zeichen der göttlichen Offenbarung“ (Dogmatische Konstitution „Dei Filius“ über den katholischen Glauben, Kap. 3: DH 3009). Was für die in Christus ein für allemal vollendete Offenbarung Gottes gilt, die von der Kirche vorgelegt wird, lässt sich in analoger Weise auch von den prophetischen Offenbarungen sagen, die keine neuen Glaubenswahrheiten verkünden, wohl aber Hilfen vermitteln für den Weg der Kirche durch die Geschichte.

Im Jahre 2012 veröffentlichte die Glaubenskongregation mit einem Vorwort von Kardinal Levada die „Normen für das Verfahren zur Beurteilung mutmaßlicher Erscheinungen und Offenbarungen“. Diese Normen stammen bereits aus dem Jahre 1978 und wurden seitdem den Bischöfen zur Kenntnis gebracht, die sich an die Glaubenskongregation um Hilfe wandten. Sie sind zu deuten im Rahmen einer Praxis der Unterscheidung von Seiten der Weltkirche, die gefördert wurde durch das monumentale Werk des Kanonisten Prosper Lambertini (später Benedikt XIV.) über die Heilig- und Seligsprechungen (18. Jh.). Sie wurden in ihrer konkreten Anwendung beschrieben 1954 durch den Dominikaner Mario Castellano, einen Mitarbeiter des Heiligen Offiziums, und beim Mariologischen Weltkongress in Lourdes 2008 durch den Erzbischof von Malta, Charles Scicluna, damals tätig an der Glaubenskongregation.

Wichtig sind vier Gesichtspunkte: das Verhalten der Seher, der Inhalt der Visionen und Erscheinungen, ihre Früchte und die Wunderzeichen zur Beglaubigung. Die Unterscheidung rechnet mit drei verschiedenen Möglichkeiten: das Ereignis geht auf die Kräfte der Natur zurück, auf das Einwirken des Teufels oder auf das übernatürliche Handeln Gottes. Eine übernatürliche Erklärung ist nur dann anzunehmen, wenn ein natürlicher oder ein dämonischer Einfluss auszuschließen ist. Da der teuflische Einfluss „neben“ die Kräfte der übrigen Geschöpfe tritt (und nicht „über“ der Schöpfung steht), wird er auch „präternatural“ genannt.

Bezüglich der Seher nennen die Normen von 1978 unter den positiven Kriterien einige „persönliche Eigenschaften“: „insbesondere psychische Ausgeglichenheit; Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit im sittlichen Lebenswandel; Aufrichtigkeit und beständige Folgsamkeit gegenüber der kirchlichen Autorität; die Fähigkeit, zu gewöhnlichen Ausdrucksformen des Glaubenslebens zurückzukehren; etcetera“. Zu den negativen Kriterien zählen ein „offensichtliches Gewinnstreben, das unmittelbar mit dem Geschehen verbunden ist“, „schwer unmoralische Handlungen, die zum Zeitpunkt oder anlässlich des Geschehens … begangen wurden“ sowie „psychische Erkrankungen oder psychopathische Tendenzen der Person“.

Die Kinder waren bereit, für die Wahrheit zu sterben

Im Falle von Fatima wurde das Leben der beiden früh verstorbenen Seherkinder Francisco und Jacinta im Zuge des Seligsprechungsprozesses genau untersucht. Der heilige Papst Johannes Paul II. sprach sie bei seinem Besuch in Fatima am 13. Mai 2000 selig. Für die wichtigste Seherin, die 2005 verstorbene Schwester Lucia, begann der Prozess für die Seligsprechung bereits 2008 – normalerweise hätte man nach dem Tod fünf Jahre warten müssen. Nach Angabe der Postulatorin soll der Diözesanprozess im laufenden Jahr 2017 zum Abschluss kommen. Die Kinder haben großherzig die Bitte der Gottesmutter um Gebet und Sühne aufgenommen. Sie waren bereit, für die Wahrheit ihrer Aussagen zu sterben (der freimaurerische Bezirksvorsteher hatte sie mit dem Feuertod bedroht, sollten sie ihr Zeugnis nicht zurücknehmen). Sie waren psychisch gesund und keine Lügner. Die Erscheinungen brachten ihnen finanziell keine Vorteile – für die Familie Lucias hingegen schwerwiegende Nachteile.

Bezüglich des Inhaltes der Offenbarungen gilt als positives Kriterium „Wahrheit und Irrtumslosigkeit der theologischen und geistlichen Lehre“. Negativ sind hingegen „ein offensichtlicher Tatsachenirrtum“, „lehrmäßige Irrtümer, die Gott selbst, der allerseligsten Jungfrau Maria oder einem Heiligen in ihren Äußerungen zugeschrieben werden, wobei man allerdings die Möglichkeit berücksichtigen muss, dass die Person – möglicherweise unbewusst – zu einer authentischen Offenbarung rein menschliche Elemente oder gar irgendwelche Irrtümer der natürlichen Ordnung hinzugefügt haben könnte“. Lächerliche oder Gottes unwürdige Inhalte legen hingegen einen pathologischen oder dämonischen Ursprung nahe.

Zum Gehalt der Offenbarungen zählen auch prophetische Voraussagen. Nur Gott kennt das Innerste des Menschen und seine Zukunft. Maria nimmt in der Gottesschau am Wissen Gottes teil. Auch der Teufel kann Weissagungen machen, die aus der natürlichen Struktur der Dinge ablesbar sind. Die einzigen echten und übernatürlichen Prophezeiungen beziehen sich auf künftige und freie Handlungen.

Mit der Botschaft von Fatima sind eine ganze Reihe von Prophezeiungen verbunden. Am wichtigsten ist das am 13. Oktober 1917 geschehene Sonnenwunder. Dreimal zuvor kündigte die Gottesmutter ein großes Wunder für diesen Tag (um die Mittagsstunde) an, zuerst am 13. Juli. Präternaturale „Erscheinungen“ hingegen machen oft falsche Voraussagen und verheißen große Zeichen, die nie eintreten (so schon die montanistischen „Charismatiker“ des zweiten Jahrhunderts, wonach das himmlische Jerusalem auf das Dorf Pepuza herabsteigen würde).

Visionen bedeuten ein Wechselbad der Gefühle

Bezüglich der Früchte der Erscheinungen erwähnen die „Normen“ als positives Kriterium „eine gesunde Verehrung sowie reichliche und anhaltende geistliche Früchte (wie etwa Geist des Gebetes, Bekehrungen, Zeugnisse der Nächstenliebe, usw.)“. Ein Baum erweist sich als gut in seinen Früchten (Matthäus 7, 15–20). Nach den Heiligen Ignatius von Loyola und Theresa von Avila erweckt die von Gott stammende Vision zunächst ein Gefühl des Staunens und der Furcht, aber danach folgen die Empfindungen von Friede, Freude und Gewissheit. Die teuflischen Schauungen hingegen können zu Beginn Freude hervorrufen, aber später folgen dann Verwirrung, Traurigkeit und Entmutigung. Die echten Offenbarungen bekräftigen die Seher in der Demut, im Gehorsam und in der Geduld. Die falschen Offenbarungen hingegen erwecken Hochmut, Anmaßung und Ungehorsam. Die Früchte betreffen zunächst die Seher selbst, erstrecken sich aber auch darüber hinaus. Bei den Seherkindern von Fatima ist das heiligmäßige Leben offenkundig. Die Marienerscheinungen in Fatima haben unzählige Bekehrungen und eine völlige Wende des religiösen Klimas hervorgebracht: Der katholische Glaube, der nach der Voraussage eines bekannten Freimaurers in Portugal nach zwei Generationen verschwunden sein sollte, erlebte dort einen neuen Frühling.

Negative Früchte, die mit den Erscheinungen in Fatima selbst verbunden sind, lassen sich nicht ausmachen. Dies scheint sehr wichtig im Unterschied zu pathologischen und präternaturalen Phänomenen, die viel Gutes mit sich führen können, aber wo stets sozusagen ein „Pferdefuß“ auftaucht, nach dem philosophischen Prinzip: „das Gute kommt aus einem unversehrten Ursprung, das Böse hingegen aus einem Defekt“ (bonum ex integra causa, malum ex quovis defectu).

Das wichtigste positive Kriterium ist die Beglaubigung durch ein Wunder. Ein übernatürlicher Ursprung kann nur dann mit Sicherheit festgestellt werden, wenn Wunder und Prophezeiungen vorliegen. Für die Anerkennung von Fatima war das Sonnenwunder bedeutsam, aber auch eine Reihe von Krankenheilungen.