Neue Räume für Christen aus Nahost

Das europaweit erste Gemeindezentrum der chaldäisch-katholischen Kirche wurde in Stuttgart eröffnet. Von Sebastian Krockenberger

Weihbischof Matthäus Karrer und Gemeindepfarrer Sizar Happe
Weihbischof Matthäus Karrer eröffnet das Gemeindezentrum der chaldäisch-katholischen Kirche in Stuttgart, links neben ihm der Gemeindepfarrer Sizar Happe. Foto: Krockenberger

Rottenburg/Stuttgart (DT) So ungewiss die Zukunft der Christen im Nahen Osten ist, so erfreulicher ist die Einweihung neuer Räume in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Dort feierte am Sonntag, den 22. Oktober 2017, die chaldäisch-katholische Gemeinde Mar Shimon Bar Sabbai in Stuttgart die Eröffnung des ersten Zentrums der mit Rom unierten chaldäisch-katholischen Kirche in Europa. Die Stuttgarter Gemeinde ist nach dem Märtyrer-Bischof und Kirchenoberhaupt Shimon Bar Sabbai aus dem 4. Jahrhundert benannt. Der Gemeindepfarrer Sizar Happe zelebrierte den Festgottesdienst. Weihbischof Matthäus Karrer von der Diözese Rottenburg-Stuttgart hielt die Predigt. Nach dem Gottesdienst segnete Weihbischof Karrer die neu renovierten Gemeinderäume. Bis in den Abend feierte die Gemeinde mit Spezialitäten aus der Heimat, Tänzen, einer Tombola und einem Theaterstück.

Vor zehn Jahren hat Pfarrer Sizar Happe seine Arbeit in der Diözese Rottenburg-Stuttgart begonnen. In einer Mitteilung der Diözese berichtet Pfarrer Happe, dass etwa 80 Prozent der Gläubigen aus dem Irak stammten, weitere zehn Prozent aus Syrien und nochmals zehn Prozent aus der Türkei. Die Situation für Christen im Irak sei nach 2003 zunehmend schlechter geworden, insbesondere nach 2014 mit dem Erstarken des Islamischen Staates (IS), so Pfarrer Happe. Derzeit gäbe es für Christen im Irak keine klare Zukunftsperspektive. „Die Christen haben Angst, sie haben das Vertrauen verloren und keine Hoffnung mehr, in der Heimat bleiben zu können oder gar zurückzukehren.“

An jedem Wochenende kommen im Stuttgarter Stadtteil Rohracker rund vierhundert bis fünfhundert chaldäisch-katholische Christen zusammen. Zur Gemeinde zählen insgesamt 6 000 Gläubige im süddeutschen Raum. 2 000 kommen aus dem Großraum Stuttgart, weitere 1 500 aus der ganzen Diözese und 2 500 von außerhalb der Diözese. Das Einzugsgebiet der Stuttgarter Gemeinde reicht bis hinein in die Diözesen Freiburg, Limburg, Speyer, Mainz und Trier, teilt die Pressestelle der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit.

Als der IS im Sommer 2014 Mossul und weite Gebiete im Nordirak eroberte, flohen etwa 130 000 Christen meist ins kurdische Autonomiegebiet. Die nördlich von Mossul gelegene Ninive-Ebene ist ein angestammtes Siedlungsgebiet der Christen. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart und das katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ leisteten Soforthilfe und der chaldäisch-katholische Bischof Bashar Warda in Erbil, das im kurdischen Autonomiegebiet liegt, konnte mit diesen Mitteln sofort mit der Unterstützung der geflüchteten Christen beginnen. Mehrere tausend Christen flohen nach Deutschland, viele in die Diözese Rottenburg-Stuttgart. Die anfänglich kleine Gemeinde in Stuttgart wuchs.

Auf Initiative von Bischof Gebhard Fürst wurde den chaldäisch-katholischen Christen Ende 2014 die Pauluskirche in Stuttgart-Rohracker von der katholischen Seelsorgeeinheit St. Urban überlassen, ein dreigeschossiger Gebäudekomplex aus den 60er Jahren, der aus Kirche und Gemeindezentrum besteht. Die Gemeindemitglieder haben den Kirchenraum wieder hergerichtet. Mit 1,5 Millionen Euro finanzierte die Diözese die Renovierung von Gemeinderäumen mit Küche und die Einrichtung eines Pfarramtes. Dazu zählen die energetische Ertüchtigung durch Dämmung, neue Fenster, neue Elektro- und Wasserleitungen sowie Brandschutzeinrichtungen. Zwischen Oktober 2016 und Sommer 2017 wurden die Sanierungsmaßnahmen durchgeführt. In einem zweiten Bauabschnitt sollen ab Januar 2018 die restlichen Gemeinderäume samt Mesnerwohnung wieder hergerichtet werden.

Die chaldäisch-katholische Gemeinde hat nicht den Status einer muttersprachlichen Gemeinde wie andere Gemeinden für Katholiken anderer Nationalität, denn sie ist Teil einer mit Rom unierten Kirche. Sie untersteht dem orientalischen Kirchenrecht. Ist kein chaldäisch-katholischer Bischof im Land, sind die chaldäischen Katholiken als Personalgemeinde unmittelbar dem örtlichen Bischof zugeordnet. Die chaldäisch-katholische Kirche ist seit 1553 mit der römisch-katholischen Kirche uniert. Sie ging aus der „Kirche des Ostens“ hervor. Der nicht-unierte Teil besteht heute als „Assyrische Kirche des Ostens“.

Klaus Barwig war Bischöflicher Beauftragter der Diözese für die Chaldäer und ist Referent an der Katholischen Akademie in Stuttgart-Hohenheim. Er hat in den letzten Jahren zahlreiche Gespräche geführt und die Entwicklung der Stuttgarter Gemeinde unterstützend begleitet. Er befürwortet sowohl Hilfe für die Christen in ihren Heimatländern wie dem Irak, wie das zum Beispiel von der Diözese Rottenburg-Stuttgart seit 2014 geleistet wurde, als auch Hilfe bei der Heranführung an das Leben in der deutschen Gesellschaft. Oft sei es sinnvoller, Strukturen vor Ort im Irak aufzubauen. Durch ein Zentrum wie das in Stuttgart könnten Selbsthilfekräfte unterstützt werden. In dem Zentrum könnten auch „Formen der Erwachsenenbildung“ stattfinden, die „auf Dauer in unsere Gesellschaft münden“. Er berichtet, dass die Gemeinde durchaus auch ein Ansprechpartner für Muslime sei, die zum Christentum konvertieren wollten. Hier sei ein Konzept nötig, um adäquat damit umzugehen.

Bei der Einweihung kam die große Freude und Dankbarkeit der Christen aus dem Nahen Osten über das neue Gemeindezentrum und über die Unterstützung seitens der Diözese deutlich zum Ausdruck. „Heute fühlen unsere Gläubigen, dass sie in dem großen Haus dieser Diözese zu Hause sind“, erklärte Pfarrer Happe auf dem Gemeindefest.