Netzwerk des Glaubens

Ein Hörbuch schafft Zugänge zur Erlebniswelt geistlicher Lehrerinnen. Von Barbara Stühlmeyer

Darstellung der heiligen Hildegard in der Abteikirche Eibingen. Foto: KNA
Darstellung der heiligen Hildegard in der Abteikirche Eibingen. Foto: KNA

Mit wachen Ohren hören und mit achtsamer Aufmerksamkeit lesen sind zwei wesentliche geistliche Übungen, die den Glauben nähren. Wer für das Wachstum der Seele nach geeigneter geistlicher Nahrung sucht, wird die Trilogie des Zeitlosen, deren dritter Teil, „Der Ozean im Fingerhut“, hier vorgestellt werden soll, als Geschenk erleben. In einem kostbaren Digipack mit zwei CD's und einem reich bebilderten Buch öffnet sich eine spirituelle Erlebniswelt, die den Weg erfahrener geistlicher Lehrerinnen aus verschiedenen Jahrhunderten auf subtile Weise miteinander verknüpft und sie im wahrsten Sinne des Wortes miteinander ins Gespräch bringt.

Wer sich Hildegard von Bingen, Mechthild von Magdeburg, Hadewijch und Etty Hillesum hörend nähern möchte, kann dies in dem 135 Minuten umfassenden Hörspiel aus der Feder von Hildegard Elisabeth Keller tun. Das Buch liefert Hintergrundinformationen zu Leben und Werk der Frauen und erläutert die Projektidee. Suchend und fragend tasten die vier Frauen aus dem 12., dem 13. und dem 20. Jahrhundert sich aneinander heran. Die sensitiv improvisierte Musik von Mahmoud Turkmani unterstützt das sich langsam verknüpfende Netzwerk der Frauen, die kongenial und einfühlsam von Nikola Weisse (Hildegard), Hildegard Elisabeth Keller (Mechthild von Magdeburg), Chantal Le Moign (Hadewijch) und Mona Petri (Etty Hillesum) gesprochen werden.

Was genau verbindet die vier Frauen? Alle sind zugleich Suchende, Schauende und Findende. Hildegard lebte seit dem Jugendalter in einem Benediktinerkonvent auf dem Disibodenberg und gründete als Äbtissin ihr eigenes Kloster auf dem Rupertsberg. Die Gabe der Schau, die ihr Leben von Kindesbeinen an prägte, ließ sie in intensiver, tiefgründiger Weise die persönlichen Schicksale in ihrer Umgebung, das gesellschaftliche und politische Leben wahrnehmen und deuten. Mit der Veröffentlichung ihrer Visionswerke und dem Wechsel auf den Rupertsberg entschied sie sich, von Gott dazu berufen, bewusst für ein geistliches Leben im Licht der Öffentlichkeit. Sie wurde das, was wir heute eine geistliche Begleiterin oder einen Coach nennen würden.

Mechthild von Magdeburg schrieb ihr geistliches Werk „Das fließende Licht der Gottheit“ auf Deutsch. Sie ist die erste namentlich bekannte Mystikerin, die ihren Erfahrungen in ihrer Muttersprache Ausdruck verleiht. Mechthild lebte zunächst viele Jahre als Begine in Magdeburg. Diese freie, selbstbestimmte und zumindest der Möglichkeit nach zeitlich befristete Form geistlichen Lebens war eine für die Frauen des 13. Jahrhunderts sehr attraktive Alternative zu einem Leben als Ehefrau. Die Beginen lebten und arbeiteten in sogenannten Beginenhöfen zusammen und wurden mit ihren hochwertig produzierten und preisgünstig angebotenen Waren oftmals zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für die heimischen Zünfte. Die Tatsache, dass die Frauen dort weder klausiert waren noch ein ewiges Gelübde ablegten, wurde im Laufe des 13. Jahrhunderts zunehmend kritisch gesehen und die Beginen mancherorts verfolgt. Auch Mechthild entschied sich, ihre letzten Lebensjahre im Zisterzienserinnenkloster in Helfta zu verbringen.

Hadewijch ist, was die biografischen Fakten angeht, die große Unbekannte in der Gesprächsrunde der geistlichen Frauen. Von ihr wissen wir lediglich, dass sie möglicherweise zwischen 1220 und 1240 ihre geistlichen Schriften verfasste und in der Gegend von Antwerpen lebte. Ihr Werk besteht aus 31 Briefen, 16 Reimbriefen, die den Charakter eines Traktates haben, 45 Liedern, 14 aufgezeichneten Visionen und der sogenannten Liste der Vollkommenen, auf der auch Hildegard von Bingen geführt wird. Hadewijch schrieb im flämischen Dialekt ihrer Heimat und schildert in ihren Visionen den Weg der Gotteserfahrung bis hin zur Erfahrung des Einswerdens mit Gott.

Etty Hillesum, die am 15. Januar 1914 in den Niederlanden geboren wurde, ist die einzige Frau in der Runde, die nicht aus dem Mittelalter stammt. Nach dem Abitur studierte die Jüdin bis 1939 Jura und anschließend russische Sprache und Literatur. Was wir über ihr Leben wissen, verdanken wir den elf Heften, in denen sie auf Anregung ihres Mentors, Julius Spier, eines jungianischen Psychologen und Chirologen, ihre Erfahrungen verfasst hat. Etty Hillesums geistliches Leben entfaltete sich später als das ihrer mittelalterlichen Gesprächspartnerinnen und unter dem Druck des zweiten Weltkrieges und der schließlich auch die Juden in den Niederlande betreffenden Verfolgungen in verdichteter Form. Hillesum wurde erstmals Ende Juli 1941 in Kamp Westerbork interniert, konnte, weil sie sich dort als Mitglied des jüdischen Rates engagierte, jedoch noch mehrmals nach Amsterdam zurückreisen. Am 7. September 1943 wurde sie gemeinsam mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert und dort getötet.

„Der Ozean im Fingerhut“ ist ein Bild, das an die Erfahrung des Kirchenvaters Augustinus anknüpft, der ein Kind beobachtet, dass mit einem Löffel das Meer auszuschöpfen versucht. Das Gespräch zwischen Hildegard, Mechthild, Hadewijch und Etty zeigt, wie tief man bei diesem Versuch schöpfen und wie sehr man dabei erfüllt werden kann.

Hildegard Elisabeth Keller: Der Ozean im Fingerhut – Hildegard von Bingen, Mechthild von Magdeburg, Hadewijch und Etty Hillesum im Gespräch. Theologie des Zeitlosen 3, Vdf, Zürich,

ISBN 978-3-728-13437-0, EUR 62,–