Naturrecht und Verantwortung

Vatikanzeitung würdigt die vorausschauende Lehre Papst Pauls VI. zur Weitergabe des Lebens – Fisichella: „Prophetischer Text“

Vatikanstadt (DT/rv) Die Vatikanzeitung „L'Osservatore Romano” hat in ihrer Freitagsausgabe eine Sonderbeilage zum Jahrestag der bis heute vieldiskutierten Enzyklika publiziert.

Der Chefredakteur der Vatikanzeitung, Gian Maria Vian, stellt in seinem Leitartikel fest, dass die Enzyklika noch immer ein „authentisches Zeichen des Widerspruchs“ sei, an das man sich nicht gern erinnere, „zweifellos wegen ihrer anspruchsvollen Lehre, die sich gegen den Zeitgeist stellte“. Die Enzyklika sei als „Pillenenzyklika“ lächerlich gemacht worden, obwohl sie mit den „wichtigen neuen Erkenntnissen“ des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Ehe übereinstimme, bedauert Vian. Die Enzyklika sei von den Polemiken gleichsam hinweggeschwemmt worden. Angesichts der neuen Entwicklungen der Biotechnik erscheine der Text von „Humanae Vitae“ allerdings als „klarsichtig und prophetisch“. Vian unterstreicht, dass die „beispiellose Opposition“ gegen das päpstliche Dokument auch auf die „komplexe kulturelle Situation“ jener Jahre zurückzuführen sei. Der Widerstand gegen „Humanae Vitae“ habe Paul VI. jedenfalls bewogen, „nie mehr die feierliche Form der Enzyklika“ für seine Lehräußerungen zu verwenden. Vian ist Historiker und Spezialist für das Pontifikat von Paul VI.

Weihbischof Rino Fisichella, der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, nennt Humanae Vitae einen „prophetischen Text“: „Paul VI. wollte vor allem einen Wunsch verwirklichen, den das Konzil ausgesprochen hatte. Wir sollten also vor allem die Kontinuität der Lehre von „Humanae Vitae“ mit dem sehen, was die Konzilsväter gefordert hatten, nämlich eine ehrliche Aussage zur Weitergabe des Lebens. „Humanae Vitae“ ruht auf zwei Prinzipien. Zum einen das Naturrecht, die wahre Anerkennung der Gleichheit der Personen im Respekt der natürlichen Ordnung, ohne zu irgendwelchen Techniken Zuflucht zu nehmen. Und zweitens eine Erinnerung an die Verantwortung. Vergessen wir nicht, dass „Humanae Vitae“ von verantworteter Vater- und Mutterschaft spricht; es geht um eine Wahl, die nicht dem Zufall überlassen ist, sondern um eine verantwortliche Wahl. Ich glaube wirklich, dass diese Lehre doch sehr vorausschauend war.“

Vor der Veröffentlichung der Enzyklika hatte eine vom Papst gebildete Kommission nicht zu einer einheitlichen Haltung zur künstlichen Empfängnisverhütung gefunden. Fisichella: „Paul VI. hat lange überlegt, und meiner Meinung nach konnte er gar nicht anders, als dann das zu lehren, was in Kontinuität mit der bisherigen Lehre der Kirche immer und überall stand. Natürlich war in einem solchen Jahr 1968 ein solcher Text sofort ein Zeichen des Widerspruchs – aber der Papst hat mit großem Mut die Kontinuität der Tradition betont. Die Wahrheit wird nicht von der Mehrheit bestimmt, sondern sie bestimmt sich aus der Treue zum Evangelium und zur Lehre der Kirche.“

Die italienische Tageszeitung „Corriere della Sera“ veröffentlichte am Freitag eine Anzeige, die den Titel „Offener Brief an den Papst“ trägt. Darin üben kirchenkritische Gruppen Kritik an „Humanae Vitae“. Vatikan-Sprecher Federico Lombardi hat auf die Anzeige mit einer harschen Erklärung reagiert. Darin spricht der Jesuit von „bezahlter Propaganda für Verhütungsmittel“. Sie berühre nicht einmal entfernt die Kernfragen, die „Humanae Vitae“ behandle.

„Außerdem ist der härteste Vorwurf, dass nämlich die katholische Position die Verbreitung von Aids und damit von Schmerz und Tod begünstige, eindeutig unbegründet. Die Verbreitung von Aids ist völlig unabhängig von der religiösen Konfession der jeweiligen Bevölkerung und vom Einfluss der kirchlichen Hierarchien; und eine Politik, die als Antwort auf Aids vor allem auf die Verbreitung von Kondomen setzte, ist weithin gescheitert. Die Antwort auf Aids braucht tiefer gehende und klarere Maßnahmen, und da ist die Kirche in vielerlei Hinsicht aktiv.“