Nachtclub in heiliger Halle?

Oder Restaurant, Bibliothek oder Museum? In Rom befasste sich eine Tagung mit der Profanierung von Gotteshäusern. Von Guido Horst

Die profanierte Prager Kirche Sacre Coeur ist heute eine beliebte Location für Feierlichkeiten aller Art.sacrecoeur.cz Foto: Foto:
Die profanierte Prager Kirche Sacre Coeur ist heute eine beliebte Location für Feierlichkeiten aller Art.sacrecoeur.cz Foto: Foto:

Es ist ein Phänomen, das vor allem die immer postchristlicher werdenden Gesellschaften des Westens betrifft: „Wohnt Gott nicht mehr hier?“ lautete das Thema einer Tagung in Rom, die sich mit der Profanierung oder Umwidmung von Kirchen befasst hat. Eingeladen hatten die Jesuiten-Universität Gregoriana, der Päpstliche Kulturrat und die Italienische Bischofskonferenz. Vor Beginn des Treffens hatte Kulturrats-Präsident Kardinal Gianfranco Ravasi in einem Gespräch mit der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“ auf den dramatischen Hintergrund der zunehmenden Tendenz hingewiesen, dass sich die Kirche mehr und mehr von ihren Kirchen verabschieden muss. Europa erlebe keinen wirklichen Atheismus, aber eine Form religiöser Apathie: „Ob es Gott gibt oder nicht, ist egal.“ Zwar würden manche Kleriker immer noch so leben wie „in einem Dorf, in dem die Leute am Sonntagmorgen, wenn die Glocken läuten, zur Kirche rennen“. Man müsse aber wahrhaben, dass im Westen die gläubigen Menschen eine Minderheit geworden seien. Den Trend mag man als Mann der Kirche nicht gut finden, meinte Ravasi, aber fest stehe: Es werden heute weniger Kirchen gebraucht. Als mögliche Reaktionen sieht der Kardinal zwei Alternativen. Die eine sei das Verhalten vieler protestantischer Kirchen, die dem Trend nachgäben, sich zurückzuziehen und auf ein Minimum religiöser und moralischer Aussagen zu beschränken. Das halte er aber für falsch. „Die Präsenz von Gläubigen, auch wenn es wenige sind, muss ein Schrei sein, kein Flüstern“, meinte Ravasi. Besser sei es, auf diese Weise den Kern der christlichen Botschaft zu bewahren: „die Zehn Gebote, die Bergpredigt, die Wahrheit, Leben und Tod“. Dennoch gibt es eklatante Fälle, wo das Leben eines Gotteshauses versiegt ist und die Kirche den Eigentümer gewechselt hat. In Prag gibt es eine barocke Kirche, die zum Nachtclub wurde, so dass die Reiseführer ihn als „besonders sehenswert“ einstufen. Im niederländischen Arnheim ist eine dem heiligen Josef geweihte Kirche zur ultramodernen „Arnhem Skate Hall“ mit Rampen für Skater geworden und in Bristol dient die ehemalige Paulus-Basilika als Zirkusschule. Ganz in der Nähe des römischen Trevi-Brunnens lädt das Feinschmeckerlokal „Sacro e Profano“ (Heilig und Profan) zu kulinarischen Genüssen – der Name des Restaurants deutet schon an, dass der Bau in der Via dei Maroniti einmal eine katholische Kapelle war. Einig war man sich unter den 250 Tagungsteilnehmern mit allein 35 Delegierten von 23 nationalen Bischofskonferenzen, dass die örtlichen Leiter der Kirche dafür verantwortlich seien, in welche Hände ein profaniertes Gotteshaus gerät. Der Generalsekretär der Italienischen Bischofskonferenz, Bischof Stefano Russo, sprach sich dafür aus, dass von der Kirche aufgegebene Immobilien, die dennoch einen identitätsstiftenden Charakter hätten, einem entsprechend würdigen Gebrauch zugeführt würden. In jedem Fall vorzuziehen seien eine kulturelle Nutzung etwa als Konzertraum oder Bibliothek. Russo war es auch, der gelungene und weniger gelungene Fälle der Umwidmung von Kirchengebäuden nannte. In Italien gibt es um die 67 000 Kirchen – einhunderttausend, wenn man die Kapellen und Gotteshäuser von Orden, Bildungshäusern und anderen kirchlichen Einrichtungen wie etwa Schulen hinzurechnet. Als beispielhafte Lösung nannte der Bischof die Kirche San Pancrazio in Florenz, in deren gotischen Gewölben seit 1986 das Museum Marino Marini seinen Platz gefunden hat. Weniger passend sei es, wenn ehemalige Kirchen als Kulisse für säkulare Hochzeitsfeiern dienten. Das geschehe etwa in der Villa Lais in Rom, wo sich Brautpaare in einer Kapelle vor der Standesbeamtin das zivile Ja-Wort geben.

Der Kirchenjurist Pawel Malecha vom obersten Kirchengericht der Apostolischen Signatur in Rom nannte Deutschland als Land, in dem schon manche Erfahrungen mit der Beendigung des Kultes in nicht mehr benötigten Kirchengebäuden gemacht worden seien. Fünfhundert Kirchen wurden dort seit dem Jahr 2000 profaniert. Ein Drittel dieser Gotteshäuser seien abgerissen, die anderen verkauft oder umgewidmet worden. Die gleiche Zahl an Kirchen komme in den Niederlanden im nächsten Jahrzehnt auf den Markt, fügte Malecha hinzu. Sei ein Gotteshaus einmal profaniert, unterliege es nicht mehr dem Kirchenrecht. Die Bischöfe sollten sich deshalb vorher vergewissern, was mit dem Objekt passiert. Später gebe es keine Handhabe gegen unwürdige Nutzungen mehr. Deshalb sei es für die Diözesanverwaltungen wichtig, gute Beziehungen zu den zivilen Behörden zu unterhalten.

Hinter verschlossenen Türen trugen die Delegierten der nationalen Bischofskonferenzen die Erfahrungen mit Kirchenumwidmungen in ihren Ländern vor. Es sei ein „ziemlich vollständiger Überblick über die Vielfalt der in den verschiedenen Ländern herrschenden Situationen“ deutlich geworden, hieß es am Ende der Tagung. Zum Umgang mit aufgegebenen Kirchen will der Päpstliche Kulturrat in absehbarer Zeit ein Dokument mit rechtlich nicht verbindlichen Empfehlungen veröffentlichen, das auch auf den bei der Tagung vorgetragenen Grundsätzen basiert.