Nachhause

Weshalb Priestertum des Mannes, Zölibat und kirchliches Lehramt Gründe für die Konversion von Frauen sind.

Linda Poindexter: Durch Kardinal Newman katholisch geworden
Hin- und hergerissen zwischen Feminismus, Mutter-sein und Gemeindearbeit ist die ehemalige Presbyterin der lutheranischen Episkopalkirche Linda Poindexter mit der Lektüre von Kardinal Newman katholisch geworden. Foto: IN

Warum konvertieren Frauen ausgerechnet zur katholischen Kirche? Häufig wird sie doch als „Männerkirche“ beschimpft, die ihren weiblichen Mitgliedern kein Mitspracherecht einräumt und die Zulassung zum Priestertum verweigert. Und dann auch noch die Missbrauchsfälle! Grund genug für manche Gläubige, ihrer Kirche für immer den Rücken zu kehren.

Gefühl, "nach Hause gekommen zu sein"

Und doch gibt es auch den umgekehrten Weg – den Weg in den Schoß der heiligen katholischen Kirche, gerade auch von Frauen, gerade auch heute, in Zeiten der Krise. Einige von ihnen hatten zuvor sogar hohe Ämter in ihren protestantischen Denominationen inne, sie waren Diakonin oder sogar „Priesterin“. Was hat sie dazu bewogen, Amt und Bekenntnis aufzugeben, sogar ihre Ehe mit ihrem Mann in Gefahr zu bringen, Bekannte, Freunde, ja selbst Familienangehörige zu verlieren, um sich der Sancta Ecclesia anzuschließen? Und weshalb haben sie das Gefühl, nach der Konversion in die katholische Kirche „zurückgekehrt“, ja endlich „nach Hause gekommen zu sein“?

Eine der Frauen, die in ihrer Glaubensgemeinschaft hochrangige Ämter bekleidet hatten, ist Linda Poindexter, die in der Episkopalkirche 13 Jahre lang als „Priesterin“ (Presbyterin) tätig war und bei ihrem Übertritt ihre prestigereiche Würde aufgab. Ihren Weg schildert sie in dem Band „The Catholic Mystique – Fourteen Women Find Fulfillment in the Catholic Church“ (erschienen 2004), in dem noch weitere dreizehn Frauen mit zunächst unterschiedlichem religiösem Hintergrund zu Wort kommen, von denen einige darüber hinaus zuvor „liberale Feministinnen“ waren. Poindexter hatte vor ihrem Eintritt in die katholische Kirche hart mit sich gerungen – hatten Familie und Freunde für ihre „Weihe und priesterliche Aufgabe doch einst Opfer gebracht und intensiv gebetet. Ich habe wirklich gezögert, sie zu enttäuschen und ihnen das Gefühl zu geben, sie irgendwie betrogen und hintergangen zu haben“.

"Oft werde ich von mir Nahestehenden gefragt,
wie ich meine früheren Glaubensüberzeugungen mit
denen der katholischen Kirche vereinbaren kann.
Natürlich muss ich das gar nicht, denn der eigene Glaube
kann sich ja im Lichte einer größeren Offenbarung wandeln"
Linda Poindexter, Konvertitin

Wie andere zu konvertieren beabsichtigende Christen kaufte sie sich die „Apologia Pro Vita Sua“ von Kardinal Newman – „die Standardlektüre für Anglikaner, die katholisch werden wollen“, wie sie sagt. Zudem bekennt sie, dass sie „viel über Gehorsam und Demut zu lernen hatte“ und zu einem „besseren Verständnis der meisten Lehren kam, die ich einst in Frage gestellt hatte“. Bei den Lehren indes, die sie noch immer beschäftigen, könne sie nun „auf die Autorität der katholischen Kirche vertrauen“ und sich auf sie verlassen. Für Angehörige ihrer „ehemaligen Kirche mag das wie einfache Bequemlichkeit oder Einfalt aussehen. Ich denke, es ist Glaube. Oft werde ich von mir Nahestehenden gefragt, wie ich meine früheren Glaubensüberzeugungen mit denen der katholischen Kirche vereinbaren kann. Natürlich muss ich das gar nicht, denn der eigene Glaube kann sich ja im Lichte einer größeren Offenbarung wandeln“. Freilich werde sie auch oft auf die Priesterweihe von Frauen angesprochen, schließlich hatte sie ja zuvor ein Presbyteramt inne.

Gerede von männerdominierter Kirche nicht nachvollziehbar

Obwohl sie zugibt, die Gründe für die Ablehnung von weiblichen Priestern in der katholischen Kirche nicht „voll und ganz zu verstehen“, glaube sie doch, „dass es wahr ist, wenn der heilige Vater sagt, die Kirche könne keine Frauen weihen“. Und das Gerede über eine von Männern dominierte Kirche könne sie seit ihrer Konversion auch nicht mehr nachvollziehen, obwohl dieses Vorurteil früher tief in ihrem Unterbewusstsein eingeprägt war. Sie halte die Kirche nun vielmehr für „eine Gemeinschaft, in der Frauen hochgeachtet, bewundert und geschätzt werden. Ich nehme an, das gilt besonders für Frauen, die wie ich wirklich gerne Frauen sind“.

Poindexter hatte am eigenen Leib erfahren, was es hieß, als verheiratete Frau und Mutter ihrer episkopalischen Gemeinde vorzustehen. Sie fühlte sich „ständig hin- und hergerissen“, denn sie stellte fest, dass „das Muttersein nie ein Ende hat“ und sie auch Zeit mit ihrer Familie verbringen wollte. Doch die Probleme in ihrer Gemeinde zogen gemeinsam mit den Anforderungen eines Familienlebens ihr „körperliches, emotionales und geistliches Wohlbefinden stark in Mitleidenschaft“. Daher fing sie schon in ihrer Zeit als Gemeindepfarrerin an, „den Segen des zölibatären Priestertums“ zu schätzen. In einem Interview sagte sie einmal, sie kenne „episkopale Pfarrer, die ihre Kinder von der Schule abholen, und dann höre ich von Katholiken, dass man wegen des Priestermangels verheiratete katholische Priester haben müsste. Das ist kein guter Grund. Sie wissen nicht, was sie da fordern. Zunächst einmal: Sind Sie bereit, Ihren Gemeindeetat zu verdreifachen?“ Und, so schiebt sie hinterher, „wenn unser Priester wie ich ist, warum sollte ich dann bei ihm beichten?“

"Obwohl ich ihren Kummer verstehen kann,
wünsche ich ihnen doch, dass sie wirklich und
wahrhaftig die Freude erfahren können, die
ich dabei empfand, schließlich zuhause zu sein"
Linda Poindexter

Auch Rhonda Grayson war in ihrer charismatischen Gemeinde „ordinierte Pastorin“. Wie erwartet, waren nach ihrer Konversion „die meisten meiner Freunde und meiner Kollegen im Dienst schockiert und perplex. Ich bekam viele Fragen, darunter ,Warum die katholische Kirche?‘ und ,Glaubst Du nicht mehr an Jesus?‘ Obwohl ich ihren Kummer verstehen kann, wünsche ich ihnen doch, dass sie wirklich und wahrhaftig die Freude erfahren können, die ich dabei empfand, schließlich zuhause zu sein“.

Die ehemalige lutheranische Pastorin Jennifer Ferrara, die während ihrer Amtszeit häufig „die Ähnlichkeit zwischen lutheranischem und katholischem Eucharistieverständnis“ hervorhob, stellte schließlich die Gültigkeit ihrer „Weihe“ in Frage und kam zu dem Ergebnis: „Ich hatte nicht das besondere Charisma empfangen, das dem Heiligen Geist ermöglichen konnte, durch mich die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi zu bewirken.“ Außerdem „konnte ich – als Frau – nicht Jesus Christus bei der Eucharistie repräsentieren“. Für sie war das katholische sakramentale Verständnis über das männliche Priestertum von entscheidender Bedeutung für ihre Konversion.

Erschüttert über die Position der eigenen Kirche zu Abtreibung

Die ebenfalls in einer lutheranischen Umgebung aufgewachsene Barbara Zelenko war erschüttert, als ihre Kirche sich in der Abtreibungsfrage für „choice“ entschied und auch für „die Notwendigkeit, den homosexuellen Lebenswandel im Namen der christlichen Freiheit und Liebe zu akzeptieren“. Das war für sie der Punkt, an dem sie erkannte, dass es „offensichtlich einen Papst geben“ müsse. Sie studierte die Kirchenväter und kam zu dem Schluss, dass es „unplausibel“ war, dass Gott seine Kirche vor der Reformation „fünfzehn Jahrhunderte im Irrtum wandeln ließ“.

Weitere weibliche Konvertiten zur katholischen Kirche erkannten, wie unabdingbar im Wandel der Zeiten eine kirchliche Lehrautorität war und ist. Für die ehemalige Protestantin Cathy Duffy wurde die Existenz von „absoluten Wahrheiten“ zu einem Schlüsselfaktor für ihre Konversion. Und damit wurde auch die Frage nach der Autorität zu ihrem „größten Rätsel“. Gelöst hat sie es unter anderem mit dem Vorhandensein eines biblischen Kanons, der erst Jahrhunderte nach der Entstehung der Evangelien als Folge einer lehramtlichen Autorität approbiert wurde. Fortan verstand sie „das Erfordernis einer kirchlichen Autorität, um die dogmatische Unversehrtheit und Unveränderlichkeit all die Jahrhunderte lang zu bewahren“.

Bei Robin Maas dauerte die Reise nach Rom mehrere Jahrzehnte

Bei Robin Maas dauerte die Reise nach Rom mehrere Jahrzehnte. Aufgewachsen in einer „anti-katholischen Umgebung“ fühlte sie sich dennoch schon immer zu Gott hingezogen und nach dem Besuch einer Kathedrale auch zur katholischen Kirche. Auch bei ihrem Übertritt spielte die Frage nach einer starken katholischen „Autorität“ im Hinblick auf moralische und theologische Themen eine wichtige Rolle. In einem von ihr besuchten theologischen Seminar der Methodisten war sie „verwirrt und verstört über die unklaren dogmatischen Bekenntnisse der Methodisten, ihr mangelndes Interesse an der Wahrheitsfrage und ihren allgemeinen moralischen Relativismus“. Was sie damals schon empörte, war der in den USA bereits Mitte der Siebzigerjahre startende Feldzug der Methodisten für die „inklusive“ Sprache. Das Resultat von derart bearbeiteten biblischen Texten empfand sie als „Gefasel“: „Für einen seriösen Leser wie mich war jeder Versuch, die Bibel zu bereinigen, ein Gräuel.“

So unterschiedlich der Weg nach Rom bei all diesen Konvertitinnen verlief – so verbindet die meisten doch, dass sie mithilfe ihres intellektuellen Bemühens um Erkenntnis, durch eigene Recherche, aber vor allem durch ihr Gebet und die Gnade Gottes zum katholischen Glauben kamen. Gemeinsam ist den Frauen auch, dass sie klug und gebildet sind und manche mit ihrem Eintritt in die katholische Kirche auf ihre vormals herausragende Position verzichteten und sich stattdessen demütig entschieden, als einfache katholische Laien zu leben.